Während der getötete Polizist Mathias Vieth am Donnerstag in Königsbrunn beigesetzt wurde, arbeitet die Soko "Spickel" weiter unter Hochdruck bei der Suche nach den flüchtigen Tätern. In diesem Rahmen haben die Ermittler noch einmal den Tatort im Siebentischwald unter die Lupe genommen. Wie die Polizei berichtet, wurde mit der Unterstützung der Stadt Augsburg eine 25 Meter hohe Ulme gefällt. In dem Baum befindet sich ein Projektil, das vermutlich den Tätern zuzuordnen ist, so die Polizei. Außerdem bittet die Polizei weiter um Mithilfe in dem Mordfall. So wird nicht ausgeschlossen, dass die beiden Täter auf ihrer Flucht auch Gewässer durchquert haben. Zeugen, die am am Tattag (Freitag, 28. Oktober) in den Vormittagsstunden Personen mit durchnässter oder verschmutzter Kleidung bemerkt haben, werden gebeten, sich bei der Soko "Spickel" zu melden, Tel.: 0821-323 3030.
Beerdigung von Mathias Vieth
Die Beisetzung des getöteten Polizisten Mathias Vieth am Donnerstag in Königsbrunn sollte eigentlich im engsten Familienkreis stattfinden. Dennoch kamen rund 300 Menschen, um von dem getöteten Familienvater Abschied zu nehmen. Auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann und viele Kollegen des Opfers waren unter den Trauergästen. Bei der Beerdigung sprachen hingegen nur zwei enge Kollegen des 41-Jährigen. Dies hätten sich die Angehörigen so gewünscht, sagte Polizeisprecher Hieronymus Schneider. Der Dienststellenleiter des Getöteten habe gesagt, dass "heute die Stunde zum Abschied nehmen ist und nicht, um Hass oder Rachegefühle zu entwickeln". Viele Polizisten hatten auch Kränze gespendet. Außerdem trugen sie den hellen Holzsarg ihres toten Kollegen von der Aussegnungshalle zum Grab.
Auch Mitglieder des Fischervereins, in dem Mathias Vieth aktiv war, und seine Kletter- und Bergkameraden hatten Kränze zum Abschied niedergelegt. Darauf steckte ein Foto des Vaters von zwei 13 und 17 Jahre alten Söhnen. Es zeigt ihn fröhlich und stolz am Gipfelkreuz eines Berges.
Polizistenmord: Belohnung verdoppelt
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Die Belohnung im Fall des ermordeten Polizisten ist nun verdoppelt worden. Zu den 5000 Euro von offizieller Seite kommen nun noch einmal 5000 Euro aus einem privaten Geldbeutel hinzu, teilte die Polizei am Donnerstag mit. Damit sind nun für Hinweise, die zur Ergreifung der immer noch flüchtigen Täter führen, insgesamt 10.000 Euro Belohnung ausgelobt. Zum jetzigen Zeitpunkt sind nach Polizeiangaben mehr als 300 Hinweise aus der Bevölkerung bei der Sonderkommission "Spickel" eingegangen.
Kennzeichen des Motorrades bekannt
Inzwischen kennt die Polizei auch das wirkliche Kennzeichen des in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober in Ingolstadt gestohlenen Motorrads: IN-HW 8. Die Polizei bittet hier um Hinweise: Wer das Motorrad in den Tagen nach dem Diebstahl in Augsburg oder Ingolstadt gesehen hat oder nähere Angaben über den Stellplatz des Motorrads machen kann, soll sich bei der Polizei melden.
Die Gutachten über die Auswertung von DNA-Spuren sowie über die Schusswaffenuntersuchung liegen derweil noch nicht vor. Noch ist nicht sicher, ob es sich bei der gefundenen Waffe auch um die Tatwaffe handelt. Die Waffe werde derzeit noch untersucht. Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, könne gesagt werden, ob der 41-Jährige mit dieser Pistole erschossen wurde, so ein Sprecher der Polizei. Möglich sei auch, dass die Schusswaffe gar nichts mit den flüchtigen Bikern zu tun hat, räumte er ein. "Es kann theoretisch eine ganz andere Waffe sein."
Schweigeminute: Busse und Straßenbahnen halten an
Am Montag soll die offizielle Trauerfeier im Augsburger Dom stattfinden. Wie die Stadtwerke Augsburg ankündigen, werden am Montagnachmittag um 15 Uhr alle Busse und Straßenbahnen für eine Schweigeminute anhalten. Dazu werden laut Pressemitteilung kurz vor 15 Uhr die Haltestellen oder Haltebuchten angefahren. Die Fahrgäste werden in den Bussen und Straßenbahnen informiert. Die Anteilnahme der avg-Mitarbeiter am Tod des 41-jährigen Mathias Vieth sei groß, heißt es in der Pressemitteilung. Das kurze Anhalten der Fahrzeuge für eine Schweigeminute soll als Geste der Verbundenheit mit den Angehörigen, Freunden und Kollegen verstanden werden. (AZ)