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Porträt: Der sanfte Mahner: Hubert Stärker

Porträt

Der sanfte Mahner: Hubert Stärker

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    Hubert Stärker hat über Jahrzehnte hinweg die Wirtschaftspolitik in Bayern geprägt. Der Augsburger Unternehmer war lange Arbeitgeber-Präsident im Freistaat. Als Firmeninhaber (Zeuna Stärker) baute er das auf Abgasanlagen spezialisierte Unternehmen international aus. Am Ende entschied er sich für einen Verkauf.
    Hubert Stärker hat über Jahrzehnte hinweg die Wirtschaftspolitik in Bayern geprägt. Der Augsburger Unternehmer war lange Arbeitgeber-Präsident im Freistaat. Als Firmeninhaber (Zeuna Stärker) baute er das auf Abgasanlagen spezialisierte Unternehmen international aus. Am Ende entschied er sich für einen Verkauf. Foto: Fred Schöllhorn

    Ob jemand „mein“ oder „unser“ sagt, mag oft nebensächlich sein. Bei dem Unternehmer Hubert Stärker fällt im Laufe eines langen Gesprächs aber auf, wie häufig er „unser“ sagt. Wenn der Fragesteller dennoch immer wieder von „seinem“ Unternehmen spricht, wird er sanft, ja wohlwollend lächelnd korrigiert und schult auf „unser“ um.

    Würde man dem mittelgroßen Mann in der Trambahn begegnen, er wirkte eher unscheinbar. Selbst nach einem kurzen Dialog mit dem gebürtigen Augsburger kämen wohl wenige auf die Idee, in diesem zurückhaltend auftretenden, gut zuhörenden und bedächtig sprechenden Menschen den einstigen Chef des weltweit tätigen Automobilzulieferers Zeuna Stärker und langjährigen bayerischen Arbeitgeberpräsidenten zu sehen. Dass der Unternehmer als Erster in Europa den Katalysator auf den Markt gebracht hat, würde er neuen Bekannten von sich aus nicht gleich erzählen.

    Sanfte Macht

    Macht – und die hatte Stärker –lässt sich auch sanft ausüben. Dabei mag die gelassene Mentalität seiner Heimatstadt Augsburg dazu beigetragen haben, dass der Unternehmer zu den ruhigeren, im Hintergrund aber wirkungsvollen Sachwaltern von Arbeitgeberinteressen gehört. Ihm fehlt die ätzende Schärfe des Hamburgers Hans-Olaf Henkel, der heute, lange nach seiner Zeit als deutscher Industriepräsident, zum festen Inventar der deutschen Talkshow-Republik gehört.

    Stärker, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, sagt dabei oft ähnliche Sätze wie Henkel. In seiner Funktion als oberster Repräsentant der Arbeitgeber im Freistaat fielen Sätze wie: „Die Wirtschaftsordnung deformiert sich langsam in ein sozialistisches System.“ Aber wie verträglich können solche Diagnosen manchmal klingen, wenn sie von einem dem bayerisch-schwäbischen Kulturraum zugehörigen Menschen ausgesprochen werden.

    Streit mit Arbeitsminister Norbert Blüm

    Dabei konnte auch Stärker provozieren. Anfang der 90er Jahre war das Klima zwischen Bundesregierung und Arbeitgebervertretern vergiftet – und das, obwohl die Union mit der FDP regierte. Doch im Vergleich zur heutigen Arbeitsministerin Ursula von der Leyen war der damalige Amtsinhaber Norbert Blüm fast ein Sozialdemokrat, auf alle Fälle verdächtig, „Herz-Jesu-Marxist“ zu sein. Wie Henkel gelang es Stärker, den CDU-Mann gegen sich aufzubringen. Blüm schrieb dem Unternehmer einen bösen Brief: „Es ist Mode geworden, den Sozialstaat durch den Hinweis auf eine angeblich überbordende Kostenentwicklung zu diskreditieren. Mit ihrer jüngsten Kritik liegen Sie in diesem Modetrend.“ Was den Minister so erzürnte, war die Feststellung Stärkers, die sozialen Sicherungssysteme hätten einen Stand erreicht, der „das marktwirtschaftliche Ordnungssystem konterkariert“. In den 90er Jahren befürchteten Unternehmer wie Stärker, dass die Industrie wegen zu hoher Lohnnebenkosten hierzulande keine Zukunft mehr hat. Er wurde in die Ecke der Arbeitgeber-Hardliner gestellt und gründlich missverstanden, bestand doch als Unternehmer sein größtes Glück darin, Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten.

    Große Auszeichnungen für das CSU-Mitglied

    Stärker fühlte sich den Mitarbeitern und deren Familien verpflichtet. Aus Anlass seines 60. Geburtstags nach seinem größten Wunsch befragt, sagte er: „Es muss alles unternommen werden, damit unsere Kinder auch in Zukunft ausreichend Arbeit finden.“ Aus dem Satz lässt sich ablesen, was den Vater zweier Söhne antreibt und ihn immer neue Ehrenämter übernehmen ließ.

    Die höchsten bayerischen und deutschen Orden mögen eine Entschädigung für unzählige der Gemeinschaft gewidmete Abende und Wochenenden sein. Tieferes Wohlbehagen hat es Stärker sicher bereitet, Einfluss nehmen zu können. „Am besten konnte ich es mit Franz Josef Strauß.“ Der frühere bayerische Ministerpräsident habe sich die Belange der Wirtschaft angehört und vieles umgesetzt. „Ich wusste immer, woran ich bei ihm bin“, sagt das CSU-Mitglied Stärker.

    Motivation der Mitarbeiter

    Seine Mitarbeiter sollten auch immer wissen, was sie von ihm zu halten haben. Dabei setzte der Unternehmer früh auf eine die Interessen der Beschäftigten einbeziehende Führung der Betriebe in Deutschland, Italien, Ungarn, Südafrika und den USA. Wichtig sei es, mit Mitarbeitern vernünftig zu reden: „Man muss ihnen zugestehen, Fehler zu machen, weil man selbst Fehler macht.“ Stärker war bereit, nicht nur Stärken und Schwächen der Beschäftigten anzusprechen, sondern diese zu fragen: „Was mache ich gut und was könnte ich besser machen?“

    Firmeninhaber, davon ist er überzeugt, müssten gute Unternehmensführung vorleben: „Ich habe kein Verständnis dafür, dass Manager Menschen entlassen und sich zugleich die Gehälter erhöhen.“ Hohe Abfindungen hält er für den Kardinalfehler der Personalpolitik, „weil sie einen Anreiz darstellen, rasch von einem Betrieb zum nächsten zu springen und verbrannte Erde zu hinterlassen“. Bei solchen Themen redet der Betriebswirt schneller, wird aber nicht laut. Gefühle kommen zum Vorschein: „Das macht mich wahnsinnig, ja richtig böse.“

    Übernahme durch US-Konzern Arvin

    Stärker ist ein politischer Mensch, der sich aufregt und diese Emotionen für sich mit der Übernahme von Verantwortung beantwortet. Wie aufreibend muss es für ihn gewesen sein, als er 1998 endgültig zur Erkenntnis kam, das Familienunternehmen (beinahe wäre hier gestanden: sein Familienunternehmen) werde es in dem immer wettbewerbsintensiveren Automobilgeschäft allein nur noch schwer schaffen. Die Autoriesen wälzten immer mehr Verantwortung auf Zulieferer ab. Diese Firmen müssen seitdem die Entwicklung von Teilen für die Autohersteller vorfinanzieren und weltweit Fabriken in der Nähe der Fahrzeugwerke bauen.

    Stärker erkannte die sich daraus ergebenden Gefahren für das Unternehmen. Auch hätten seine Söhne noch zehn Jahre gebraucht, ehe sie reif für die Firma gewesen wären. Er trat 49 Prozent der Anteile an dem Unternehmen mit damals rund 2400 Beschäftigten an den börsennotierten US-Konzern Arvin ab. Im Jahr 2003 übernahm der jetzt zu Arvin Meritor fusionierte Riese das Augsburger Unternehmen komplett. Stärker zog sich als geschäftsführender Gesellschafter zurück.

    Nach aufregenden Jahren und Eigentümerwechseln gehört der Betrieb heute zum französischen Faurecia-Konzern. Stärkers Lebenswerk schien vorübergehend gefährdet. Die Geschichte nahm dennoch einen guten Ausgang für den Standort Augsburg. Für ihn arbeiten heute rund 1400 Beschäftigte.

    Augsburg als Forschungszentrum

    Stärkers früh eingeleitete Strategie, eine große Entwicklungsabteilung aufzubauen, erwies sich als Überlebensgarant für das Werk. Auch unter den heutigen Eigentümern ist Augsburg das Zentrum für die Erforschung neuer Technologien zur Verringerung von Abgasen. Der Unternehmer erzählt das alles nicht von sich aus. Er ist keiner, der mit Erfolgen prahlt. Der Schwabe bevorzugt dezente Hinweise auf Erfolg. So schiebt er dem Gast eine Liste mit einstigen Kunden zu. Es fehlt kaum ein bekannter Automobilhersteller. BMW, Mercedes, Opel, Volkswagen, Toyota, Fiat und Volvo sind dabei, aber auch Rolls-Royce und Ferrari. Stärker war oft zu Vorstellungen neuer Ferrari-Modelle eingeladen. Bei derartigen Präsentationen habe Firmen-Chef Luca Cordero di Montezemolo ihm immer zugerufen: „Da kommt unser Mann aus Augsburg, der für unseren Sound verantwortlich ist.“

    In seinem heutigen Büro hängen keine Autobilder, sondern Gemälde, die Gämsen oder Enten zeigen. Stärker ist Jäger. Er liebe die Wildhege und -pflege, sagt er. Im Allgäu besitzt seine Familie das 23 Quadratkilometer Grund umfassende Gut Hinterstein in Hindelang. In privaten Angelegenheiten geht er nicht ins Detail. So blieb bis heute unbekannt, wie viel für das Familienunternehmen in Augsburg gezahlt wurde. Stärker verrät nur, mit seinen Söhnen unternehmerisch tätig zu sein. Nach Einzelheiten dieser Beteiligungen befragt, schweigt er, um sich am Ende eines langen Nachmittags der Frage zu stellen, ob der Verkauf der Firma aus heutiger Sicht richtig war. „Ich glaube ja.“

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