Momentan sind die zwei kleinen Glocken im Turm der Stadtpfarrkirche aus ihrem Joch genommen. Sie sollten mit einem Ausgleichspendel versehen werden.Foto: Erich Echter
Zum Weihnachtsfest 2016 erschallten zum ersten Mal die sechs neuen Glocken im Turm der Aichacher Stadtpfarrkirche. Doch die große Freude darüber trübte sich schon bald. Denn es zeigte sich: Der Kirchturm reagiert auf die neuen Schwingungen ganz anders als vorher. Mesner Martin Ruhland begann, sich Sorgen zu machen. Inzwischen dürfen nur noch zwei Glocken läuten. Denn Schäden am neu renovierten Kirchturm will keiner riskieren.
Um das Wichtigste vorwegzunehmen: Es ist weder Gefahr im Verzug, noch gibt es Schäden am Kirchturm. Allerdings ist sichtbar geworden, dass etwas nicht stimmt. Turm und Sakristei sind eigenständige Gebäude. Bei der Kirchensanierung wurde die Berührungsstelle zugeputzt. Doch diese Fuge ist aufgegangen.
Die neuen Aichacher Glocken haben einen weicheren Klang
Bei Mesner Martin Ruhland, ausgesprochener Glockenfan und -kenner, war die Freude über das neue Geläut besonders groß. Es ist aus Bronze und nicht aus Stahl wie die fünf alten Glocken aus der Nachkriegszeit. Der Klang ist ganz anders: satt, rund, fast samten. Das liegt auch am Glockenstuhl. Der Alte war stählern, der neue ist aus Eichenholz. Das sorge für einen weicheren Klang, erklärt Ruhland.
Die Stadtpfarrei präsentierte die neuen Aichacher Kirchenglocken im August 2016 bei einem Festzug durch die Stadt.Foto: Erich Echter (Archivfoto)
In die Freude über den Klang mischten sich jedoch bald Bedenken. Ruhland fiel von Anfang an auf: "Der Turm wackelt doch jetzt." Er erinnert sich: "Mir war das nicht geheuer. In der Sakristei hat's geknirscht." Seither haben sich schon viele den Kopf über den Kirchturm und die Glocken zerbrochen: Glockensachverständige, Fachleute vom Ingenieurbüro, der Diözese, der Stadt ... Zunächst gab es Entwarnung. Das würde sich geben, erst müsse mal das Gerüst weg, der Turm zur Ruhe kommen, hieß es. Ruhland hörte auch: "Freuen Sie sich an Ihrem Geläut."
Kirchturm in Aichach: Fachleute beruhigen am Anfang
Stadtpfarrer Herbert Gugler war zunächst ebenfalls beruhigt, als er hörte, nach einem so großen Eingriff wie der Turmsanierung seien Veränderungen normal. Gugler selbst nennt sie eine große Operation. Die Entscheidung hatte die Stadtpfarrei gefällt, nachdem ein Gutachter klar bescheinigt hatte: Der Umbau im Glockenstuhl und eine zusätzliche Glocke könnten bedenkenlos eingebaut werden. Gugler betont: "Deshalb hat man's gemacht."
Der Turm der Stadtpfarrkirche Aichach
Renovierung: Die Stadt Aichach ist für den 1000 Jahre alten Turm der Stadtpfarrkirche zuständig. Sie ließ diesen zwischen März 2016 und Juni 2017 renovieren - im Zuge der fast sechs Jahre dauernden Kirchensanierung, die die Stadtpfarrei 2014 gestartet hatte.
Geläut: Im Rahmen der Turmsanierung ließ die Stadtpfarrei einen neuen Glockenturm aus Eichenholz einbauen und neue Glocken gießen. Anstelle der fünf Glocken aus Stahl hängen jetzt sechs Bronzeglocken im Turm. Die kleinste ist St. Michael geweiht und wiegt 537 Kilogramm, die größte ist die Glocke der Heiligen Dreifaltigkeit mit 3260 Kilogramm und einem Durchmesser von 1,78 Metern.
Kosten: Die Turmrenovierung kostete der Stadt rund 340.000 Euro. Für das neue Geläut samt Glockenstuhl brauchte die Stadtpfarrei rund 300.000 Euro. Beides wurde über Spenden und Zuschüsse finanziert.
Dem Mesner ist natürlich klar: "Der Turm muss arbeiten." Der von St. Ulrich in Augsburg zum Beispiel schwanke um einige Zentimeter, wenn die Glocken läuteten. Doch der Aichacher Turm beruhigte sich auch mit der Zeit nicht. Das Schwanken war noch dazu unstet. Ruhland zufolge schaukelt sich der Turm immer mal wieder etwas auf, um dann wieder ruhiger zu werden. Er hielt es irgendwann für zu riskant, alle sechs Glocken zu läuten, weil er keine Schäden am Bauwerk riskieren wollte. Wieder kamen Fragen auf, zum Beispiel, ob es daran liege, dass die neuen Glocken höher hängen. Auch Gegenmaßnahmen gab es: Es wurde der Anschlagwinkel der Klöppel verändert, und die zwei mittelgroßen Glocken erhielten ein Gewicht, damit sie nicht so stark schwingen.
Der Einbau der neuen Glocken Ende November 2016 war eine aufsehenerregende Aktion. Danach wurde der Kirchturm fertig saniert.Foto: Erich Echter (Archivfoto)
Vor über einem Jahr erklang zuletzt das volle Geläut. Seither sind die zwei kleinsten Glocken verstummt. Mit zwei Ausnahmen: An Ostern und als der neue Augsburger Bischof ernannt wurde, traute sich Ruhland, alle Glocken anschlagen zu lassen. Allerdings nur zwei Minuten lang.
Zuletzt hat sich die Situation erneut verändert. Das Knirschen in der Sakristei sei lauter gewesen, die Fuge auf- und zugegangen, schildert Ruhland. War die Kälte schuld? Die Verantwortlichen ließen lieber Vorsicht walten und schalteten auch die mittleren Glocken ab. Der Stadtpfarrer sagt: "Es ist echt schwierig." Das Ganze sei "so sensibel".
Die zwei kleinen Aichacher Kirchenglocken sind ausgebaut
Inzwischen haben Sachverständige, die die Glockengießerei eingeschaltet hat, einen neuen Ansatz gefunden. Sie gehen davon aus, dass die vier kleineren Glocken beim Pendeln annähernd die Eigenfrequenz des Turmes treffen. Vorstellbar ist das wie bei einem Wasserglas, das zerbricht, wenn die Schwingung einer Stimme der natürlichen Schwingung des Glases entspricht. Deshalb bekommen die beiden kleinen Glocken nun Gegenpendel, die jeweils ihrem eigenen Gewicht entsprechen: einmal 537 und einmal 783 Kilogramm. Die Gegenpendel sollen sie stabiler in der Luft halten.
Im Juni 2017 war der Kirchturm fertig: Nach der Renovierung erstrahlte er im neuen Glanz.Foto: Erich Echter (Archivfoto)
Die zwei Glocken sind schon abgehängt. Der Mesner hofft, dass die Gegenpendel bis Ostern eingebaut seien. Baldige Klarheit erhofft sich auch der Stadtpfarrer. Gugler spricht ganz offen von einem nervigen Thema. Zumal dadurch erneut Kosten auflaufen. Die Gegenpendelanlage kostet rund 26.000 Euro. Insgesamt rechnet Gugler mit 40.000 Euro. Gut vorstellbar, dass der Kirchturm zum Versicherungsfall wird.
Der Mesner bleibt trotz allem optimistisch. "Wir werden es hinkriegen, da bin ich ganz zuversichtlich." Auch den Humor hat er noch nicht verloren. Der Kirchturm sei schon fast 1000 Jahre alt, "ihn juckt das nicht, wenn das noch fünf Jahre dauert", sagt Ruhland.
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