Friedberger Ach: Warum bleibt der Wasserstand nach Hochwasser so hoch?
Aichach-Friedberg
Friedberger Ach: Warum steht das Wasser immer noch so hoch?
2022 fällt das Wasser auf einen absoluten Tiefstand. Doch seit dem Juni-Hochwasser 2024 geht es in der Friedberger Ach kaum zurück. So erklärt ein Experte das Phänomen.
Die Friedberger Ach südlich von Mühlhausen etwa auf Höhe des Augsburger Flugplatzes. Der Wasserstand ist seit dem Hochwasser im Juni 2024 weiterhin sehr hoch.Foto: Josef Abt
Noch Monate nach dem Hochwasser im Juni 2024 drückte immer wieder Wasser in Keller. Selbst wenn es nur wenige Tage geregnet hatte. Dieses Phänomen war etwa im vergangenen Oktober noch im Süden des Affinger Ortsteils Mühlhausen zu beobachten. Mit einem gewissen Argwohn beobachten die Menschen deshalb die Friedberger Ach. Deren Wasserstand ist bis heute anhaltend hoch, obwohl es zuletzt wenig geregnet hat. Woran liegt das?
Im Mühlhausener Süden wirkt sich der hohe Grundwasserstand immer wieder negativ aus. Hier eine Aufnahme vom Hochwasser im Juni 2024.Foto: Markus Winklhofer
Den Fachleuten des Wasserwirtschaftsamtes (WWA) Donauwörth macht die Friedberger Ach derzeit große Sorgen. Das sagt Bernd Schmidbaur ganz offen. Er ist in der Behörde zuständig für Wasserbau und Gewässerentwicklung im Landkreis Aichach-Friedberg und kennt die Situation gut. Innerhalb von nur zwei Jahren hat er zwei Extreme an dem Bach erlebt.
Rückblende: Im trockenen Sommer 2022 stand das Wasser extrem niedrig. Das WWA sprach von einem absoluten Tiefstand. Schmidbaur spricht rückblickend von einem „Riesenproblem“. Damals wurde Wasser aus dem Auensee bei Kissing in die Ach gepumpt, damit Flora und Fauna eine Überlebenschance hatten.
Seit dem Juni-Hochwasser steht der Ach-Pegel hoch
Ganz anders ist die Lage seit dem Juni-Hochwasser. Bis heute weist die Ach eine „sehr gute, fast zu starke Wasserführung“ auf, konstatiert der Fachmann. Viele Anlieger beobachten das mit Sorge. Im Friedberger Stadtteil Stätzling etwa ebenso wie im Affinger Ortsteil Mühlhausen. Dort war die Ach zwar im Juni nicht über die Ufer getreten. Doch Grundwasser drückte in die Keller. Zwischen dem Grundwasserstand und dem Pegel der Ach gibt es einen direkten Zusammenhang.
Experte Schmidbaur erklärt, dass die Ach in ihrem 100 Kilometer langen Verlauf in erster Linie von Grundwasser gespeist wird. Das ist zum Beispiel so in ihrem Ursprungsbereich im Landkreis Landsberg, wo sie noch Verlorener Bach genannt wird. Auf dem Weg gen Norden Richtung Donau verliert der Lauf zwischendurch den Grundwasserkontakt, nimmt ihn später aber wieder auf. Etwa im Raum Friedberg. „Wenn das Grundwasser überall hochsteht, geht eher Grundwasser in die Ach“, beschreibt Schmidbaur den Zusammenhang.
Im Einzugsgebiet der Friedberger Ach gab es nicht nur nach dem Hochwasser einen hohen Grundwasserstand. Er hält sich bis heute. Hier wirken sich die hohen Niederschlagswerte seit November 2023 aus. Ein Beispiel: Die Niederschlagsmessstelle Mering hat von Oktober 2023 bis Oktober 2024 eine Niederschlagsmenge von 1200 Millimetern angezeigt. Das durchschnittliche Mittel liegt bei rund 850 Millimetern. Da sei es zwangsläufig zu erwarten, „dass sich die Grundwasserpegel ebenfalls auf einen hohen Wert einpendeln“, sagt der WWA-Experte.
Der Biber fühlt sich wohl in der Friedberger Ach. Ein Jungtier ist dem Fotografen direkt vor die Linse geschwommen.Foto: Josef Abt
Erst allmählich stellen sich Zeichen der Entspannung ein. Der Pegel Penzing II bei Landsberg liegt zwar immer noch „zwischen sehr hoch und hoch“, fällt aber seit Februar langsam. Der Pegel St. Afra bei Friedberg nähert sich bereits einem mittleren Level, der in Derching hat dieses fast erreicht. Der Fachmann sagt deshalb: „Das Grundwasser macht mir keine Sorgen mehr. Es fällt.“
Aber die hohe Wasserführung der Ach bleibt ein Thema. Zwar wird mit dem Grundwasser „langsam auch die Ach zurückgehen“, prognostiziert Schmidbaur. Doch es kommt ein weiteres Problem dazu. Der Bach verlandet und verschlammt immer mehr und lässt deshalb dem Wasser weniger Platz. Regelmäßige große Räumungen, die früher üblich waren, fallen inzwischen weg. „Das schaukelt sich halt auf“, weiß der Experte.
Einmal Ach-Räumen kostet Friedberg 600.000 Euro
Doch warum lassen die Kommunen das Bachbett nicht einfach räumen? Die Erklärung liegt in der Belastung mit dem giftigen PFC. Es ist Bestandteil des Löschschaums, der mutmaßlich bei Feuerwehrübungen auf dem ehemaligen Militärflughafen Penzing ins Erdreich und weiter in den Verlorenen Bach gelangte. Wird der Bach ausgebaggert, fällt kontaminierter Schlamm an. Die Entsorgungskosten könnten die Gemeinden finanziell überfordern. Das WWA rät deshalb eher zum Anböschen eines Ufers als zum Ausbaggern. Schmidbaur findet, dass die Gemeinden hier gerade im Regen stehen.
Der Affinger Bürgermeister Markus Winklhofer spricht von einem echten Dilemma. „Wir dürfen das jetzt ausbaden“, das sei nicht spaßig, sagt er.Ähnlich sieht das sein Friedberger Amtskollege Roland Eichmann. Die Stadt verzichtet aktuell auf Bachräumungen. Sie wären praktisch unbezahlbar. Rund 600.000 Euro würden für „einmal Ach räumen“ im Stadtgebiet anfallen, weiß der Bürgermeister, die Arbeit des Bauhofs gar nicht einkalkuliert. Hinzu kämen 50.000 Euro Kosten für die Beprobung. Abgesehen davon sei es schwer, Abnehmer für das mit der sogenannten Ewigkeits-Chemikalie belasteten Sediment zu finden. Friedberg kann nun lediglich abdichten, wenn die Ach überläuft. Und es werden Biberdämme weggeräumt, wenn sie zu Aufstauungen führen. Auch Eichmann fühlt sich mit dem Problem alleingelassen. Er fordert: „Wir brauchen Anweisungen, wie wir mit dem Thema umgehen können.“
Hohes Grundwasser: Wie können sich die Menschen schützen?
Wie die Situation weitergehen wird, ist schwer zu sagen. Mit dem Klimawandel wird es immer schwerer, Prognosen zu stellen. Wenn eine Gewitterzelle nicht weiterzieht, kommen schnell Niederschlagsmengen von 60 bis 100 Millimeter zusammen und das, sagt Schmidbaur, „kann keine Kanalisation aufnehmen“. Und auch keine Friedberger Ach.
Wie können die Menschen ihre Häuser schützen? Der WWA-Fachmann rät, Häuser nachzurüsten, wo entsprechende Mängel entdeckt wurden und das möglich sei. Doch wenn das Grundwasser steigt, sind auch den Fachleuten die Hände gebunden. „Da muss man damit leben“, sagt Schmidbaur. In Mühlhausen zumindest scheint sich die Lage gerade entspannt zu haben. Neue Klagen über feuchte Keller sind zuletzt nicht wieder laut geworden.
Was sind PFC/PFAS?
PFC/PFAS Per- und polyfluorierte Chemikalien/Alkylsubstanzen (PFC/PFAS) sind organische Verbindungen, bei denen an den Kohlenstoffketten die Wasserstoffatome teilweise oder vollständig durch Fluoratome ersetzt sind. Die Gruppe umfasst über 3000 verschiedene Stoffe.
Verwendung PFC weisen Wasser, Öl, Fette und Schmutz ab. Sie werden seit den 1950er-Jahren industriell hergestellt, mittlerweile ist die Produktion stark eingeschränkt. PFC haben aber besondere Eigenschaften – weshalb sie nach wie vor in vielen Alltagsprodukten vorkommen, zum Beispiel in Kochgeschirr, Textilien und Papier, in Outdoor-Kleidung, in Pappbechern und Pizzakartons, in Skiwachsen und in Lacken. PFC befinden sich in Feuerlöschschäumen und Teflonprodukten, Kälte- und Treibmitteln und in Pestiziden.
Umwelt In die Umwelt können PFC bei ihrer Herstellung gelangen. Doch auch beim Gebrauch und der Entsorgung der Produkte können sie freigesetzt werden. Wasserlösliche PFC werden über Flüsse und Meere global verteilt. Sogar in der Arktis und den dort lebenden Tieren werden diese Verbindungen gefunden. Flüchtige PFC, zum Beispiel aus Imprägniersprays, können über weite Strecken in der Atmosphäre transportiert werden. Über Niederschlag gelangen sie in den Boden und in die Gewässer.
Folgen Viele PFC reichern sich in der Umwelt sowie im menschlichen und tierischen Gewebe an. Der Mensch nimmt PFC hauptsächlich über die Nahrung oder über Trinkwasser auf. Auch erhöhte Konzentrationen von PFC in der Innenraumluft, beispielsweise durch Teppiche mit schmutzabweisender Ausrüstung, tragen zur PFC-Belastung des Menschen bei. Einige PFC stehen in Verdacht, krebserregend zu sein. (cli) (Quelle: Umweltbundesamt)
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