Lech-Projekt Licca liber startet Renaturierung mit 150 Meter Musterstrecke
Rehling/Langweid
Freiheit für den Lech: Bei Rehling richtet sich der begradigte Fluss neu ein
Für das Projekt Licca liber hat das Wasserwirtschaftsamt auf 150 Metern eine Musterstrecke eingerichtet. Was hier funktioniert, soll später Schule machen.
Sehr gut zu erkennen sind die Fortschritte der Renaturierungsmaßnahmen am Ufer, zwischen Februar 2025 (linkes Bild) und Mai 2026 (rechtes Bild). Der Bereich der 150 Meter langen Musterstrecke ist an der geänderten Uferstrecke sichtbar.Foto: Wasserwirtschaftsamt Donauwörth
Es riecht nach frischer Erde und nassem Stein. Wo im Winter noch die Ketten der Bagger klirrten, wächst jetzt das erste Grün zwischen neu gesetzten Steinbuhnen, den kleinen Dämmen zur Flussmitte hin. Die 150 Meter lange Musterstrecke bei Rehling ist fast fertig. Sie ist der Probelauf für eines der größten Flussprojekte Bayerns. Unter dem Namen „Licca liber“, freier Lech, will der Freistaat den Lech zwischen der Lechstaustufe 23 (Mandichosee) bei Mering und der Mündung in die Donau bis zum Jahr 2039 renaturieren. Kostenpunkt: rund 85 Millionen Euro.
Der Blick geht flussaufwärts Richtung Langweider Brücke. Links ist der Start der Musterstrecke am Anfang des ehemaligen Gehwegs gut erkennbar.Foto: Herbert Hanika
Viola Frietsch, Projektleiterin beim Wasserwirtschaftsamt Donauwörth, fasst das Ziel so zusammen: „Der ursprüngliche Charakter des Lechs soll annähernd erhalten bleiben.“ Ursprünglich hieß: ein bis zu einem Kilometer breites Bett, verzweigt in Rinnsale, Kiesbänke und Inseln. Ein System, das ständig in Bewegung war. Davon ist wenig übrig geblieben. Durch die historische Regulierung ist der Lech heute ein anderer Fluss. Seit dem Bau des Gersthofener Wehrs 1898 fließt das meiste Wasser zur Stromerzeugung durch den parallel laufenden Lechkanal. Im alten Bett bleiben nördlich der Langweider Brücke oft nur zwei Kubikmeter pro Sekunde – da wirkt der Lech oft wie ein Rinnsal.
Der begradigte Lech hat sich bis zu sechs Meter tief eingegraben
Durch die Begradigung hat sich der Lech in den vergangenen 120 Jahren bis zu sechs Meter tief eingegraben. Die Auen hängen wie abgeschnittene Balkone über dem Fluss. Die Folgen: Kies wird nicht mehr transportiert, der Grundwasserspiegel sinkt lokal, Ufer und Brücken verlieren an Stabilität. Für Kieslaicher wie den Huchen ist zu wenig Wasser da, für Fische ist der Fluss nicht durchgängig. So schrumpft die ökologische Vielfalt.
Genau das will „Licca liber“ ändern. Ziele sind, die Flusssohle zu stabilisieren, ein gutes ökologisches Potenzial zu erreichen, zusätzlicher natürlichen Hochwasserrückhalt zu schaffen und die Standortbedingungen für typische Arten und Lebensräume nach FFH zu verbessern. Kurzum: ein dynamisches, naturnahes Gewässer mit Raum für Kiesbänke, Steilufer und Flachwasserzonen.
Die Musterstrecke endet bei der oberen Buhne. Dabei handelt es sich um einen kleinen Damm zur Flussmitte hin.Foto: Herbert Hanika
Große Teile des Lechs sind als FFH-Gebiet ausgewiesen. FFH steht für Fauna-Flora-Habitat, die Bezeichnung für ein europäisches Schutzgebiet nach der Natura-2000-Richtlinie. Kurz: Die EU sagt hier, welche Lebensräume und Arten von „gemeinschaftlichem Interesse“ sind und deshalb erhalten werden müssen. Am Lech sind das etwa die alpinen Flüsse mit Ufergehölzen, die sogenannten Brennen, also trockene Kiesflächen, und Tierarten wie Biber oder der Süßwasserfisch Groppe. Durch die Renaturierung sollen diese geschützten Lebensräume wieder besser miteinander vernetzt werden. Davon profitieren nicht nur seltene Arten, sondern der ganze Auwald.
Licca liber: Behörde siedelt für Musterstrecke Echsen und Nattern um
Bei der ersten Musterstrecke nördlich der Langweider Brücke müssen verschiedene Kriterien berücksichtigt werden, darunter die Wasserkraftnutzung, der Grundwasserspiegel, vorhandene Infrastruktur wie Masten, Brücken oder Naherholung. Zudem dürfen der bestehende Hochwasserschutz und sonstige Nutzungen wie die Naherholung nicht verschlechtert werden. Die Bevölkerung wurde früh eingebunden. Beim „Flussdialog“ im September 2024 konnten Anwohner ihre Anliegen vortragen.
Die ersten Jungfische fühlen sich hinter den kleinen Dämmen im Wasser, den sogenannten Buhnen, bereits sehr wohl. Hier finden sie ruhigeres Wasser.Foto: Herbert Hanika
Bevor gebaut wurde, war die Musterstrecke am Ufer komplett zugewachsen. Auf den sonnigen Kiesflächen lebten Zauneidechsen und Schlingnattern. Von April 2025 an fing ein Fachbüro in 18 Durchgängen die Tiere ein. Bilanz: 24 Zauneidechsen, vier Schlingnattern und fünf Ringelnattern wurden in ein vorbereitetes Ausweichhabitat umgesiedelt.
Der Geh- und Radweg wurde entfernt. Der Uferbereich an der 150 Meter langen Musterstrecke bei Rehling ist für den Durchgang gesperrt. Die Buhnen sind bereits angelegt und teilweise mit Totholz versehen.Foto: Herbert Hanika
Im Oktober 2025 rückten die Bagger an. Die harte Uferbefestigung wurde aufgebrochen. Dabei gab es eine teure Überraschung: Im Untergrund steckte Elektroofenschlacke, ein Relikt alter Industrie. 811 Tonnen belasteter Boden mussten in 32 Lastwagenfuhren zur Deponie. Allein die Entsorgung kostete 80.000 Euro. Danach kamen die Buhnen. Die rechtwinklig ins Wasser ragenden Steindämme lenken die Strömung. Dahinter entstehen ruhige Buhnenfelder, in denen sich Jungfische verstecken und sich Kies ablagern kann.
Zwischen die Steine legte das Team Totholz vom Ufer. „Eine Starthilfe“, nennt Frietsch das und erklärt: „Der Lech soll sich von hier aus eigenständig weiterentwickeln.“ Erste Erfolge sind schon sichtbar. Hinter den Buhnen tummeln sich wieder Jungfische. Beim nächsten größeren Hochwasser soll der Fluss beginnen, sein Bett selbst zu formen, Kiesbänke aufzuschütten, Prallhänge anzulegen. Die Fließgeschwindigkeit bleibt dabei gleich. Die Seite zum Lechkanal bleibt unangetastet.
Die 150 Meter bei Rehling sind erst der Anfang. Was hier funktioniert, soll auf 56 Kilometern Schule machen. Der Lech soll wieder atmen dürfen, mit Kurven, Kies und Platz für Hochwasser.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren