Sieht man ihnen an, dass sie einen kaltblütigen Mord begangen haben sollen? Rudolf R. (56) und Raimund M. (58) wirken wie harmlose Männer von nebenan. Für viele waren sie das auch, bis zum 29. Dezember. An diesem Tag wurden die Brüder als Verdächtige im Fall des getöteten Polizisten Mathias Vieth (41) festgenommen. Gestern folgte der nächste spektakuläre Schritt: Die Ermittler veröffentlichten die Namen und Fotos der Männer.
„Das ist keine Verzweiflungstat“, kommentierte gestern ein Ermittler gegenüber unserer Zeitung das ungewöhnliche Vorgehen. Es gebe bereits eine Reihe von Beweisen und Indizien. Nun gehe es darum, den Fall komplett auszuleuchten. Offenbar ist noch nicht geklärt, was die Verdächtigen genau geplant hatten, als sie Ende Oktober nachts am Augsburger Kuhsee auf den Streifenbeamten Mathias Vieth und dessen 30-jährige Kollegin trafen. Nach einer Verfolgungsjagd hatten die Flüchtenden das Feuer eröffnet. Mathias Vieth wurde tödlich getroffen, seine Kollegin verletzt.
Brüder haben offenbar Raub geplant
Die Polizei geht davon aus, dass die Männer einen Raub geplant hatten. Möglich wäre ein Überfall auf eine Werttransportfirma, aber auch viele andere Ziele sind denkbar – von der Tankstelle bis zum Spielkasino. Die Ermittler der Soko setzen darauf, dass Zeugen die Männer gesehen haben, etwa beim Ausspionieren von möglichen Tatorten. Zudem hofft die Kripo, dass die Männer auch in Ingolstadt gesichtet wurden. Dort wurde in der Nacht zum 11. Oktober ein Motorrad, Typ Honda CB 500, kurzgeschlossen und gestohlen. Auf dieser Honda sollen die Brüder in der Tatnacht unterwegs gewesen sein. Die Honda wurde am Tatort im Augsburger Stadtwald zurückgelassen. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Brüder auf ihrer Flucht stürzten. Die Brüder schweigen bisher.
Fotos entstanden kurz nach der Festnahme
Der Mord am Augsburger Polizisten Mathias Vieth
Der Augsburger Polizeibeamte Mathias Vieth wird am frühen Morgen des 28. Oktober 2011 im Augsburger Siebentischwald von unbekannten Tätern erschossen.
Der Streifenbeamte und seine Kollegin wollen an diesem Freitagmorgen gegen drei Uhr auf einem Parkplatz am Augsburger Kuhsee ein Motorrad mit zwei Männern kontrollieren.
Die beiden Verdächtigen flüchten sofort in den nahen Siebentischwald, die Beamten nehmen mit ihrem Streifenwagen die Verfolgung auf.
Im Wald stürzen die Motorradfahrer. Dann kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Beamten und Tätern. Der 41-jährige Polizeibeamte wird trotz Schutzweste tödlich am Hals getroffen, seine Kollegin durch einen Schuss an der Hüfte verletzt.
Die Täter flüchten. Eine anschließende Großfahndung, an der sich mehrere hundert Polizeibeamte beteiligen, bleibt ohne Erfolg.
Die Augsburger Polizei richtet noch am gleichen Tag eine Sonderkommission ein. Der Soko "Spickel", benannt nach dem Augsburger Stadtteil, in dem die Tat geschah, gehören zunächst 40 Beamte an.
Zwei Tage nach dem Polizistenmord geben die Ermittler bekannt, dass das Motorrad der beiden Täter in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2011 im Stadtgebiet von Ingolstadt gestohlen worden war. Dabei wurde die rund 15 Jahre alte Honda kurzgeschlossen.
Drei Tage nach dem tödlichen Schusswechsel rückt die Polizei erneut mit einem Großaufgebot im Augsburger Spickel an. Taucher von Polizei und Feuerwehr suchen in den Kanustrecken des Eiskanals nach Gegenständen.
Am 3. November wird Mathias Vieth bestattet. Am gleichen Tag stockt die Polizei die Soko "Spickel" auf 50 Beamte auf. Zugleich wird die Belohnung, die zur Aufklärung des Polizistenmordes ausgesetzt ist, auf 10.000 Euro erhöht.
Ein Abgleich von DNA-Spuren, die am Tatort gesichert werden konnten, mit der bundesweiten DNA-Datenbank ergibt laut Polizei keinen Treffer.
Am 7. November findet im Augsburger Dom die offizielle Trauerfeier für Mathias Vieth statt. Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nimmt an ihr teilt.
Zehn Tage nach dem Augsburger Polizistenmord greift die Sendung "Aktenzeichen XY" den Fall auf. Zwar gehen daraufhin mehrere Hinweise ein, eine heiße Spur ist aber nicht darunter.
Dezember 2011: Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, wird auf insgesamt 100.000 Euro erhöht.
Am 29. Dezember 2011 nimmt die Polizei in Augsburg und Friedberg zwei Verdächtige fest. Es handelt sich um die Brüder Rudi R. (56) und Raimund M. (58). Schnell wird bekannt: Der Jüngere hat bereits 1975 einen Augsburger Polizisten erschossen.
Nach der Festnahme entdecken die Fahnder etliche Waffen und auch Sprengstoff. Belastet wird einer der Verdächtigen durch DNA-Spuren, die am Tatort gefunden wurden.
Auf die Spur der beiden Männer kamen die Ermittler über ein Fahrzeug. Der Wagen war in Tatortnähe beobachtet worden. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die beiden Brüder des Öfteren mit diesem Wagen unterwegs waren.
Mitte Januar ergeht auch Haftbefehl gegen die Tochter von Raimund M.. Bei ihr wurden Anfang Januar drei Schnellfeuergewehre und acht Handgranaten gefunden, die ihr Vater und dessen Bruder Rudi R. versteckt haben sollen.
Im Juli 2012 wird die Tochter von Raimund M. verurteilt. Das Gericht spricht sie wegen Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffengesetz, wegen Geldwäsche, Hehlerei und Diebstahl schuldig.
August 2012 Die Augsburger Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen die Brüder Raimund M., 60, und Rudi R., 58, wegen Mordes am Polizisten Mathias Vieth. Außerdem listet die Anklage fünf Raubüberfälle auf.
Es zeichnet sich ein Mammutprozess ab. Das Landgericht Augsburg setzt mehr als 49 Verhandlungstage an.
21. Februar 2013: Der Mordprozess gegen die Brüder beginnt unter großen Sicherheitsvorkehrungen - und mit einem Eklat. Rudi R. beschimpft den Staatsanwalt als "Drecksack".
August 2013: Das Gericht hat den Mordkomplex abgearbeitet und beginnt mit der Beweisaufnahme zu den Raubüberfällen. Viele Beobachter rechnen mit einem Mordurteil.
September 2013: Ein Gutachter stellt fest, dass sich M.s Gesundheitszustand nach 15-monatiger Isolationshaft so verschlechtert hat, dass er verhandlungsunfähig ist.
November 2013: Das Gericht setzt den Prozess gegen M. aus. Er bleibt vorerst in Haft. Gegen seinen Bruder Rudi R. wird normal weiterverhandelt.
Februar 2014: Rudi R. wird zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sieht bei ihm eine besondere Schwere der Schuld und ordnet die anschließende Sicherungsverwahrung an.
September 2014: Der neue Prozess gegen Raimund M. beginnt.
Februar 2015: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Augsburger Urteil gegen Rudolf R.
Die Fotos der Verdächtigen sind kurz nach deren Festnahme entstanden. Aus dem Blick von Raimund M. könnte man Verzweiflung lesen – oder Resignation. M. lebte in Friedberg ein bürgerliches Leben, viele Jahre war der Metzger als Platzwart im Tennisclub engagiert. Eine Vorliebe für Autos wurde ihm nachgesagt. Er fuhr einen BMW. Auch dieses Auto zeigt die Polizei jetzt öffentlich mit dem Ziel, Hinweise zu bekommen, wo der Wagen gesehen wurde. Der 58-Jährige ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. Ermittler beschrieben ihn als „Mann mit zwei Gesichtern“. Seine Frau, eine Beamtin, reagierte nach Informationen unserer Zeitung entsetzt auf die Veröffentlichung der Fotos. Vor wenigen Tagen hat sie ihren Dienst bei der Stadt Friedberg wieder angetreten. Gegen sie wird derzeit nicht ermittelt.
Polizistenmord bei Aktenzeichen XY ungelöst
Die Fotos wurden gestern Abend auch in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ ausgestrahlt. Das sei keine eigenmächtige Aktion von Polizei und Staatsanwaltschaft, sagte Polizeisprecher Udo Dreher. „Für die Veröffentlichung der Fotos gibt es einen richterlichen Beschluss.“ Die Polizei vermutet zudem, dass die Brüder weitere Waffenlager besitzen – drei Depots mit einem regelrechten Kriegsarsenal wurden bisher entdeckt.
Rudi R. ist nach Ansicht der Ermittler ein Berufsverbrecher. Über 20 Jahre saß er im Gefängnis – unter anderem, weil er 1975 in Augsburg einen Polizisten erschossen hat. Als gewieft erweist er sich auch, als die Beamten ihn fotografieren. Er kneift die Augen zusammen. Wohl in der Hoffnung, schlechter erkannt zu werden. Der 56-Jährige lebte im Augsburger Stadtteil Lechhausen. Er nutzte einen Mitsubishi, der auf einen Verwandten zugelassen ist. Das Auto wurde von Polizisten bemerkt, weil es nahe am Tatort mit warmem Motor stand. Der Wagen wurde nach Informationen unserer Zeitung verwanzt – in dem Auto wurde R. später auch von Polizeibeamten überwältigt.