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Prozess in Augsburg

06.03.2021

Mutmaßliche Vergewaltigung am Hettenbachufer: "Er war die große Liebe"

Ein Mann soll am Hettenbachufer in Augsburg-Oberhausen eine Frau vergewaltigt haben. Der Tatverdächtige sitzt seit 20 Monaten in Untersuchungshaft.
Foto: Klaus Rainer Krieger (Archivbild)

Plus Weil er eine Frau im Hettenbach-Park vergewaltigt haben soll, sitzt ein Mann seit knapp zwei Jahren in Untersuchungshaft. Vor Gericht sagte nun das mutmaßliche Opfer aus.

Knapp drei Stunden lang sitzt Amira S. (Name geändert) neben ihrer Anwältin Marion Zech auf dem Zeugenstuhl. Geduldig und gefasst beantwortet sie Dutzende von Fragen, die zumeist ins Detail gehen. Es geht um Zeitangaben in Minuten, um Abstände in Metern, um Chatverläufe, um genaue Worte. Und es geht um intime Geschehnisse, die man als Betroffene nicht gern in der Öffentlichkeit erörtert. Amira S. tut es. Weil der Mann, der knapp drei Meter schräg hinter ihr auf der Anklagebank sitzt, sie - wie sie sagt - geschlagen und vergewaltigt habe. Weil er ihre Gefühle missbraucht habe.

Am Schluss ihrer Anhörung bekennt die 45-Jährige: "Ich habe ihn echt geliebt. Er war die große Liebe für mich." Amira S. ist die Kronzeugin in einem ungewöhnlichen Prozess vor der 1. Strafkammer beim Landgericht Augsburg. Denn der Mann, den sie beschuldigt, war bereits im Januar 2020 von einer anderen Kammer zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof hob den Schuldspruch in der Revision aber auf. Jetzt muss neu verhandelt werden.

Angeklagter vor Augsburger Gericht: "Ich sitze eh in Haft"

Weniger gefasst als sein mutmaßliches Opfer gibt sich Ahmet B. (Name geändert), der nun schon seit 20 Monaten in Untersuchungshaft sitzt. Denn der dringende Tatverdacht gegen ihn besteht weiter. Der 48-Jährige fällt immer wieder durch Kommentare und Gesten auf, während Amira S. aussagt. Der Vorsitzende Richter Christian Grimmeisen mahnt ihn mehrfach. Weil dies nichts nützt, droht er dem Angeklagten mit Ordnungshaft und Ordnungsgeld und notfalls mit dem Ausschluss aus dem Verfahren. Das rührt Ahmet B. offenbar wenig: "Ich sitze eh in Haft. Das ist mir alles egal." Denn der 48-Jährige (Verteidiger: Peter Zeitler) hat auch im zweiten Prozessanlauf vehement die Vergewaltigung seiner damaligen Freundin bestritten. Alles sei freiwillig geschehen. Nur Ohrfeigen hat er eingeräumt.

Im Frühjahr 2018 hatte Amira S. den Angeklagten auf einer Party kennengelernt. "Alles war schön am Anfang. Ich war verliebt in ihn. Wir sind im Sommer in Urlaub gefahren. Es gab keinen Streit, nichts", schildert die Zeugin den Beginn der Bekanntschaft. Sie habe gewusst, dass Ahmet B. Kinder habe, nicht aber, dass er mit der Mutter der Kinder zusammenlebte. Dass noch eine andere Frau im Spiel war, erfuhr Amira erst Monate später im Oktober. Auf einer Party sah sie eine ihr unbekannte Frau neben ihm. "Er stellte sie als seine Lebensgefährtin vor. Das war ein richtiger Schock für mich. Ich habe nur noch geheult", erinnert sich die 45-Jährige an diese bittere Erfahrung. Es sei dann "hin und hergegangen. Anfang 2019 habe sie Schluss gemacht. "Wir bleiben Freunde", versprach man sich gegenseitig.

Amira S. schildert die Vergewaltigung im Hettenbach-Park

Offenbar war die Affäre mit Amira S. der Partnerin von Ahmet B. zu Ohren gekommen. Dieser verdächtigte nun Amira S., sie habe im Bekanntenkreis alles herumerzählt. Um Ahmets Partnerin zu beruhigen, schickte Amira S. ihm per WhatsApp ein Foto, das sie mit einem anderen Mann zeigt. Der Angeklagte soll daraufhin jedoch voller Eifersucht reagiert haben. "Wer ist dieser Typ? Du musst herkommen. Wir müssen reden", schrieb Ahmed. Nichtsahnend fuhr Amira in der Nacht zum 19. Juni 2019 zur Bar von Ahmet B. im Stadtteil Oberhausen. Dort soll er sie gleich wütend an den Haaren gezogen und mehrmals geohrfeigt haben.

"Er hat mich am Hals gedrückt und in die Lippe gebissen", schildert die Zeugin. Draußen im Biergarten sollen weitere Ohrfeigen gefolgt sein. Schließlich habe er sie am Arm gepackt, man sei zum Hettenbach-Park gegangen. Dort habe sie der Angeklagte dann mehrfach vergewaltigt - zuerst auf einer Parkbank, dann am Geländer des Bachufers. "Ich sagte mehrmals 'Nein', er solle aufhören", beteuert die Zeugin. Doch Ahmet B. habe weitergemacht.

Opfer der mutmaßlichen Vergewaltigung ging erst nach Wochen zur Polizei

Erst als ein Mann am Fenster einer Nachbarwohnung auftauchte, schimpfte und drohte, die Polizei zu holen, habe der Angeklagte von ihr abgelassen. Warum sie denn nicht weggerannt sei oder um Hilfe geschrien habe, will der Vorsitzende Richter wissen. Denn diese Frage hat auch den Bundesgerichtshof beschäftigt. Amira S. begründet ihr Verhalten so: "Ich hatte Angst. Ich sah keine Chance, ich konnte einfach nicht wegrennen. Ich war nur froh, dass da jemand gerufen hat."

Amira S., deren Gesicht durch die Ohrfeigen voller Hämatome war, ging erst nach Wochen zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Zuvor hatte sie die blauen Flecken stets mit einem "Unfall" erklärt. "Ich habe mich so geschämt." Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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