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Augsburg

07.08.2020

Tödlicher Schlag am Königsplatz: Anklage stellt Tat anders dar

Am Nikolaustag vergangenen Jahres starb ein 49-jähriger Mann am Königsplatz in Augsburg an den Folgen eines Schlages. Bald soll der Prozess zu dem Fall starten.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

Plus Nach der tödlichen Attacke am Königsplatz hielten die Ermittler eine Pressekonferenz ab. Die Anklage schildert den Angriff nun anders. Wann startet der Prozess?

Am 9. Dezember vergangenen Jahres hielten Polizei und Staatsanwaltschaft eine Pressekonferenz ab. Thema war ein Augsburger Kriminalfall, der so viel Aufmerksamkeit erregte wie vielleicht zuletzt der Mord an dem Polizisten Mathias Vieth. Es ging um einen tödlichen Schlag am Königsplatz, Opfer war ein 49-jähriger Passant gewesen, ein Mitglied der Augsburger Berufsfeuerwehr. Das Interesse an dieser Pressekonferenz war gewaltig, der Medienrummel groß, noch heute ist die Übertragung etwa auf der Internetseite des ZDF zu sehen. Es fielen an diesem Nachmittag eindeutige Sätze der Ermittler zum Tatablauf, die aus heutiger Sicht erstaunen. In der Anklageschrift der Augsburger Staatsanwaltschaft jedenfalls ist von ihnen nicht mehr viel übrig.

Der damalige Kripo-Chef Gerhard Zintl sagte etwa, das spätere Opfer habe sich am Königsplatz umgedreht, sei auf eine Gruppe zugegangen und "war plötzlich umringt von diesen sieben jungen Männern". Doch erste Zweifel an dieser Darstellung kamen bereits einen Tag später auf, als das Video der Frontscheiben-Kamera eines Taxis bekannt wurde, einer sogenannten Dashcam.

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Ein klassisches "Umringen" konnte man etwa nur schwer erkennen, eher schon sah es nach einem kurzen Handgemenge zwischen dem 49-jährigen späteren Opfer und mehreren Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der Gruppe aus, ehe einer von ihnen den Mann mit einem Schlag niederstreckte. Es waren auch keine sieben jungen Männer zu erkennen, zwei junge Männer aus der Gruppe standen zu der Zeit einige Meter vom Tatort entfernt. Es blieben Fragen offen.

Tödlicher Streit am Augsburger Königsplatz: Das steht in der Anklageschrift

Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft den mutmaßlichen Täter angeklagt, einen 17-jährigen Augsburger. Sie legt ihm unter anderem Körperverletzung mit Todesfolge zur Last. Von einem "Umringen" ist in der Anklageschrift keine Rede mehr. Der darin geschilderte Tatablauf liest sich stattdessen anders – nämlich tendenziell eher so, wie es die Jugendkammer des Landgerichtes annahm, als es kurz vor Weihnachten sechs der sieben Haftbefehle gegen die damals sieben Beschuldigten aufhob. Die Staatsanwaltschaft geht von einem unvermittelten Schlag aus. Gleichsam aus dem Nichts, also ohne jede Vorgeschichte, kam es aber auch laut Anklage nicht zu der tödlichen Attacke.

Einer aus der Gruppe soll das spätere Opfer nach einer Zigarette gefragt haben. Es entwickelte sich ein Streit zwischen den Beteiligten, das spätere Opfer soll einen aus der Gruppe mit den Händen weggestoßen haben. Es folgte der tödliche Schlag von der Seite. Durch den Schlag war laut Obduktion eine Schlagader eingerissen.

Die Mitglieder der Augsburger Berufsfeuerwehr gedachten am Königsplatz ihres getöteten Kollegen.
16 Bilder
Augsburger Feuerwehrleute gedenken ihres getöteten Kollegen
Bild: Michael Hochgemuth

Feuerwehrmann starb im Dezember am Kö

Angeklagt sind neben den mutmaßlichen Haupttäter nur noch zwei weitere junge Männer aus der Gruppe, ein 20-Jähriger und ein 18-Jähriger. Sie haben sich laut den Vorwürfen aber nur noch der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht, weil sie, ebenso wie der 17-Jährige, einen Freund des Feuerwehrmannes geschlagen haben sollen. Aus Sicht der Ermittler hatte es zeitweise offenbar Gründe gegeben, von einer Gruppenstruktur der Verdächtigen auszugehen, was sich in den Ermittlungen dann aber so nicht bestätigte.

Die Anwälte der damaligen Verdächtigen sahen die Sachlage deutlich anders, die Stimmung im Ermittlungsverfahren war frostig. Wie berichtet, waren die sechs zwischenzeitlich freigelassenen Jugendlichen und jungen Männer nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichtes München wieder in Untersuchungshaft gekommen, ehe eine Verfassungsbeschwerde eines Anwaltes Erfolg hatte und daraufhin alle damaligen Verdächtigen mit Ausnahme des mutmaßlichen Haupttäters im März wieder frei kamen.

Prozess in Augsburg um tödliche Attacke am Königsplatz

Zugelassen hat die Jugendkammer die Anklage noch nicht, es steht daher auch noch nicht sicher fest, wann der Prozess stattfinden wird. Angesichts der Tatsache, dass jetzige Anklage von der Sichtweise des Gerichtes ausgeht, als es die Haftbefehle zwischenzeitlich aufhob, wäre es allerdings mehr als nur eine faustdicke Überraschung, sollte die Anklage nicht zugelassen werden.

Angepeilt ist offenbar ein Prozessbeginn im Herbst, das Verfahren soll dem Vernehmen nach mehrere Verhandlungstage lang dauern. Da sich das Verfahren auch gegen Heranwachsende, also 18- bis 20-Jährige richtet, dürfte der Prozess grundsätzlich öffentlich sein, auch wenn der Hauptverdächtige erst 17 Jahre alt ist.

Angesichts der Menge der Prozessbeteiligten wird sich die Kammer wohl etwas überlegen müssen. Neben den drei Angeklagten, die jeweils von zwei Verteidigern vertreten werden, wollen auch mehrere Angehörige des Opfer als Nebenkläger am Prozess teilnehmen, offenbar jeweils auch mit eigenen Anwälten. Was zu normalen Zeiten kein großes Thema wäre, wird durch Corona zu einer kleinen Herausforderung: Allzu viele Sitzungssäle, in denen eine große Zahl von Prozessbeteiligten Platz haben und Abstand zueinander halten können, stehen der Augsburger Justiz nicht zur Verfügung.

Ein Saal, der sich anbieten würde, wäre der alte Schwurgerichtssaal im Gerichtsgebäude Am Alten Einlass, der vielen Beteiligten Platz bietet. Dort werden in der Regel Zivilklagen behandelt, keine Strafverfahren. Doch auch der Strafprozess um das mutmaßliche Buskartell soll dort beispielsweise ab Oktober stattfinden.

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Die Diskussion ist geschlossen.

08.08.2020

Das war ein richtiges Schurkenstück. Der Polizei und der Justiz.

Die DAZ nannte die zu Unrecht Inhaftierten mit ziemlicher Berechtigung politische Gefangene.

Wenn Tatsachen so verdreht bis negiert werden, um nicht einem Sachverhalt Rechnung zu tragen sondern einer politischen Haltung Ausdruck zu verleihen, dann ist das für den Rechtsstaat äußerst gefährlich.

Zum Glück und großen Aufatmen, ist auf das BVerfG noch Verlass.

Für die Richter am OLG München, die die Haftbefehle wider besseres Wissen(könnens) wieder eingesetzt haben, schwebt mir eigentlich ein Verfahren wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung vor.

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08.08.2020

Es bleiben jede Menge an Fragen offen. Letztlich waren es keine unterschiedliche Meinungen, sondern eine falsche Auslegung der Tatsachen. Üble Reaktionen der öffentlichen Meinung wurden ganz bewusst in Kauf genommen.

Schließlich gelingt es nur selten, dass mit einer Kamera oder Dash Cam Tatsachen festgehalten werden können, deswegen stellt sich auch die Frage, ob es öfters diese Art einer Auslegung von Straftaten gibt.
Unser bayerische Innenminister Herrmann hält sich wohl heraus, obwohl er deswegen doch einiges zu tun hätte.

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08.08.2020

Wir müssen wohl leider davon ausgehen, dass die Tatbeteiligten ohne diese Kameraaufnahmen ganz schlechte Karten hätten. Sie würden jedenfalls heute noch alle in Haft sitzen und sie müssten wohl ihre Unschuld beweisen. Staatsanwaltschaften in Deutschland haben eigentlich die Pflicht, auch entlastende Fakten zusammenzutragen und in die Bewertung eines Falles einfließen zu lassen. Dieses Prinzip scheint (zumindest in Augsburg) bei bestimmten Taten und Tätergruppen außer Kraft gesetzt zu sein. Das ist bedenklich.

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08.08.2020

Und was folgt daraus nun? Hat die Augsburger Kripo, der von Anfang an ausführliches Bildmaterial vom Tatgeschehen vorlag, die Öffentlichkeit bewusst belogen? Und warum? Ohne die Bilder der Dashcam des Taxis und die erfolgreiche Verfassungsbeschwerde säßen vermutlich heute noch alle sieben Tatbeteiligten in Untersuchungshaft, einige davon unschuldig. Was hat die Augsburger Staatsanwaltschaft bewogen, die sachgerechte Entscheidung des Landgerichts Augsburgs anzufechten? Warum hat das OLG München eine offensichtlich falsche Entscheidung getroffen? Dieser Fall birgt einige Aspekte eines Polizei- und Justizskandals.
Wenigstens hat die Polizei der Versuchung widerstanden, der in den sozialen Medien erhobenen Forderung nachzugeben und Täterbeschreibungen und Fahndungsphotos herauszugeben. Sonst hätten wir in der aufgeheizten Stimmung weihnachtliche Jagdszenen in Augsburg erlebt. Gewünscht hätten sich wohl das einige.

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