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Augsburg: Nach einem Schicksalsschlag wurde die Kahnfahrt für Bela Balogh zur Rettung

Augsburg

Nach einem Schicksalsschlag wurde die Kahnfahrt für Bela Balogh zur Rettung

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    Bela Balogh betreibt die Augsburger Kahnfahrt in vierter Generation. Er verbindet sehr viel mit dem Ort, an dem er schon den Großteil seiner Kindheit und Jugend verbrachte.
    Bela Balogh betreibt die Augsburger Kahnfahrt in vierter Generation. Er verbindet sehr viel mit dem Ort, an dem er schon den Großteil seiner Kindheit und Jugend verbrachte. Foto: Silvio Wyszengrad

    Im Nachhinein mutet das Geschenk in Bela Baloghs Augen wie ein schlechter Witz an. Dabei hatte er sich damals gefreut. "140 Jahre Kahnfahrt. Die Stadt Augsburg gratuliert", ist in den Sockel der steinernen Zirbelnuss eingraviert. Balogh hat das Präsent vor rund sieben Jahren vom einstigen Oberbürgermeister Kurt Gribl erhalten. Nun bescherte die Stadt dem Betreiber eine ganz andere Überraschung: Die seit Jahrzehnten bestehende Gastronomie soll abgerissen werden. Bei Überprüfungen des Brandschutzes hatte sich - wie berichtet - herausgestellt, dass es sich bei dem Gebäude auf städtischem Grund um einen Schwarzbau handelt. Balogh ist fassungslos. Er sagt, es gehe nicht nur um ihn, sondern um eine kulturelle Institution Augsburgs. Er selbst ist an der Kahnfahrt groß geworden - und hat mithilfe dieses besonderen Ortes einen schweren persönlichen Schicksalsschlag verarbeitet.

    "Ich bin verzweifelt, ich sehe keine Perspektive", sagt Bela Balogh. Die Kahnfahrt gehöre zu Augsburg. "Sie steht in Reiseführern, in Wikipedia, die Stadt macht damit Werbung." Sprachlos sei er über die Entwicklung - und maßlos enttäuscht. "Wenn ich irgendeine Erwartung an die Stadt hätte, dann wäre es Unterstützung und nicht ein Abriss." Der 53-Jährige ist mit der Kahnfahrt, an der schon Lyriker Bert Brecht romantische Stunden verbracht haben soll, familiär eng verwoben. In vierter Generation führt Bela Balogh das Restaurant und den Bootsverleih. Dabei war er als Kind von der Kahnfahrt oft genervt. 

    Ein Geschenk der Stadt Augsburg zum 140-jährigen Jubiläum der Kahnfahrt vor rund sieben Jahren.
    Ein Geschenk der Stadt Augsburg zum 140-jährigen Jubiläum der Kahnfahrt vor rund sieben Jahren. Foto: Silvio Wyszengrad

    Weil seine Eltern, allen voran Mutter Erna, das Ausflugsziel 44 Jahre lang betrieben, wuchs er als Kind dort auf. Nach der Schule machte er dort Hausaufgaben, half im Familienbetrieb mit. "Wenn ich Pech hatte, regnete es und ich musste die Boote ausschöpfen", erinnert er sich. In solchen Momenten habe er sich gefragt, warum seine Eltern nichts Normales arbeiten können. "Als Kind wusste ich das nicht zu schätzen. Stammgäste zogen mich teilweise mit auf, mit manchen verbrachte ich mehr Zeit als mit meinen Eltern." Abnabeln wollte er sich eigentlich.

    Nach der Tragödie konnte Bela Balogh so nicht mehr weitermachen

    Balogh machte als junger Mann eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, bildete sich weiter, leitete in Augsburg eine Werkstatt, wurde Mitglied in der Kfz-Innung, nahm Gesellenprüfungen ab. Er gründete eine Familie. Doch dann platzte dieser schwere Schicksalsschlag in das Leben der Familie. Es war im Jahr 2004. Sein jüngster Sohn Oliver, gerade mal vier Jahre alt, wird vor dem Kindergarten von einem Auto überfahren. Wie Balogh erzählt, hatte eine Autofahrerin beim Rangieren den Jungen auf dem Gehweg übersehen und ihn beim Rückwärtsfahren tödlich erfasst. "Ich hätte mir damals Hilfe holen sollen", sagt er im Rückblick. Denn seine Arbeit wurde für ihn zunehmend ein Problem. Er projizierte das Unglück auf Autos. Als Unfallautos in die Werkstatt kamen, schaffte er es nicht, sie zu reparieren. "Ich wollte mich beruflich verändern." Hier schließt sich der Kreis.

    Eine Augsburger Tradition: So sah die Kahnfahrt früher aus

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    15 Bilder
    Der Augsburger Kahnfahrt droht das Aus. Der Bootsverleih hat eine weit über hundert Jahre alte Tradition, wie diese Bilder aus der Vergangenheit zeigen.

    Bela Balogh steigt in die Kahnfahrt seiner Eltern ein, übernimmt sie 2005 ganz. "Für mich war das wie eine Befreiung. Die Kahnfahrt hat mir sehr geholfen." Für ihn ist der Ort an der Stadtmauer und dem mit Wasser gefüllten Stadtgraben und den großen Bäumen ein Ort der Begegnung mit den Menschen und der Entspannung. "Hier ist die Welt einfach noch in Ordnung." Das bekomme er auch von seinen Gästen widergespiegelt. 

    Männer kamen zum Frühschoppen an die Augsburger Kahnfahrt

    "Mittagsgäste sagen, sie fühlen sich hier wie im Urlaub, und wollen am liebsten gar nicht mehr in die Arbeit zurück." Früher, erinnert er sich an seine Kindheit, seien sonntags viele Männer zum Frühschoppen gekommen und versackt. "Ab mittags riefen die Frauen bei uns an und fragten nach ihren Ehemännern." Er schmunzelt. "Ich sagte dann am Telefon, dass die schon auf dem Heimweg seien. Viele von ihnen arbeiteten damals bei Haindl." Früher, da hätten die Männer in den Booten das Ruder übernommen und die Frauen ihnen verliebt in die Augen gesehen. 

    Ein Bild aus vergangenen Zeiten. Die Eltern von Bela Balogh: Erna Balogh, die 2018 starb, und Bertl Balogh. 44 Jahre lang waren sie die guten Seelen der Kahnfahrt. 2005 übernahm ihr Sohn den Betrieb.
    Ein Bild aus vergangenen Zeiten. Die Eltern von Bela Balogh: Erna Balogh, die 2018 starb, und Bertl Balogh. 44 Jahre lang waren sie die guten Seelen der Kahnfahrt. 2005 übernahm ihr Sohn den Betrieb. Foto: Fred Schöllhorn (Archiv)

    "Heute geben die Frauen den Ton an und sagen den Männern, wo sie entlangzurudern haben. Aber sie sitzen nach wie vor in einem Boot, und wenn sie aussteigen, lachen sie miteinander." Balogh findet das schön. Viele Generationen an Augsburgern besuchten die Kahnfahrt. "Hier finden Tauffeiern statt, später kommt der Täufling mit seiner Schulklasse hierher, irgendwann mit der ersten Freundin, nach einer Pause mit den eigenen Kindern und dann mit den Enkeln", beschreibt er seine Erfahrungen. 

    Hiobsbotschaft vom drohenden Abriss macht Kahnfahrt-Betreiber sprachlos

    Als seine Mutter Erna Balogh vor knapp fünf Jahren starb, baute Balogh einen Brotbackofen und vertiefte sich in die Kunst des Brotbackens. Seitdem verkauft er das eigens gefertigte Sauerteigbrot "Erna". Mit seinem inzwischen 88-jährigen Vater Bertl, einem gelernten Schreiner, baut Balogh heute noch Boote. Die Hiobsbotschaft von dem drohenden Abriss der Kahnfahrt habe er seinem Vater in den letzten Tagen versucht, scheibchenweise und schonend beizubringen. Bela Balogh selbst sagt von sich: "Ich bin immer noch sprachlos."

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