In der Dämmerung lauerte er in den verwinkelten Gassen der Augsburger Altstadt seinen Opfern auf. Eine hagere Gestalt mit einem langen schwarzen Mantel, das Gesicht verborgen durch einen breiten Hut. In der Hand eine scharfe Klinge, mit der er auf offener Straße Frauen verletzte, an den Händen, am Hals oder dem Oberkörper schnitt. Fast 20 Jahre lang versetzte der Unbekannte, den sie in Augsburg bald den „Mädchenschneider“ nannten, die Stadt in Angst und Schrecken. Im Rahmen der Recherchen für ihre Promotion ist Susanne Wosnitzka auf diese schauerliche Episode der Augsburger Stadtgeschichte gestoßen. Und auf einen tragischen Todesfall.
Frauen verließen teils nur noch mit Militärschutz das Haus
Eigentlich war die Musikwissenschaftlerin im Jahr 2020 auf der Suche nach Informationen für ihre Doktorarbeit gewesen. Während des Lockdowns durchforstete sie dafür wochenlang Augsburger Zeitungen aus dem 19. Jahrhundert. Doch dabei fand sie weit mehr, als sie ursprünglich gesucht hatte. Etwa die Geschichte des Mädchenschneiders, der zwischen 1818 und 1837 die Stadt in Atem hielt und dem sie einen ausführlichen Blogbeitrag mit dem Titel „Karl the Ripper“ widmete. Immer wieder ploppten in den Augsburger Zeitungen in diesen beinahe 20 Jahren Nachrichten auf, die von Attacken auf junge Frauen, in der Hauptsache Dienstmägde, berichteten. „Es war so heftig, dass man sich teilweise sogar Militär bestellt hat, wenn man aus dem Haus gehen wollte“, erzählt die 47-Jährige. Daneben sei den Frauen zeitweise empfohlen worden, stets ein Gemisch aus Sand, Salz und Pfeffer parat zu haben, quasi eine frühe Form des Pfeffersprays, um den Täter damit in die Flucht schlagen zu können.
Der erste Fall ereignete sich am Jakobertor
Trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen aber häuften sich die Fälle. Der erste ereignete sich nach den alten Unterlagen, die Susanne Wosnitzka aufgetan hat, im August 1818. Am Jakobsthor hatte sich demnach eine größere Menge versammelt, um einem Wasserspringer zuzusehen. Dort wurde Therese Hillenbrand mit einer Klinge am Hals verletzt. Im September 1819 dann wurde die Magd Barbara Zettler auf einem Botengang verwundet. Einen fingerlangen und bis auf den Knochen eindringenden Schnitt am Oberarm habe ihr ein Unbekannter, der auf sie zugesprungen war, zugefügt.
So steht es in den „Annalen der deutschen und ausländischen Criminal-Rechts-Pflege“, die den Fall des Augsburger Mädchenschneiders ausführlich behandeln. Und sie berichten in diesem Zusammenhang auch von einem tragischen Detail. Denn schon eine knappe Stunde später habe ein Polizeidiener Zettler damals einen Verdächtigen vorgeführt. Weil sie ihn nicht als ihren Angreifer identifizieren konnte, ließ man ihn wieder laufen. Erst viele Jahre später, nach der Verhaftung des Mädchenschneiders, stellte sich bei seiner Vernehmung heraus: Sie hatten den richtigen erwischt.
Nach der Ausweisung des vermeintlichen Täters war zunächst Ruhe
So machte der Mädchenschneider, auch wenn er nur knapp entkommen war, weiter. Griff in den Gassen der Stadt immer wieder Frauen an, die er teils auch würgte, fesselte und knebelte, um sie ruhig zu stellen, wie Susanne Wosnitzka erzählt. Der Druck auf die Polizei wurde immer größer. Es musste ein Ermittlungserfolg her. 1820 kam es schließlich zu einer Verhaftung. Weil er dem Beschriebenen ähnelte und nach dem Weg zu einer Gaststätte gefragt hatte, geriet Georg Rügemer ins Visier der Polizei und wurde verhaftet.
Die Indizienlage sei äußerst dünn gewesen, sagt Wosnitzka, doch in der Stadt habe man einen Schuldigen gebraucht, der mit Rügemer, der ursprünglich aus Frankfurt stammte, gefunden schien. Er wurde verhaftet, ausgewiesen und mit einem Karren bis an die württembergische Grenze gebracht, von wo aus er gesellschaftlich erledigt in seine Heimat zurückkehrte. Von dort aus habe er wie ein Löwe gegen die Anschuldigungen gekämpft, sogar eine Entschädigungsklage gegen den damaligen Bürgermeister und Magistrat von Augsburg angestrengt. Doch als diese im Sande verlief, habe er seinem Leben ein Ende gesetzt. „Es muss für ihn eine unglaubliche Demütigung gewesen sein. Sein Leben war kaputt. Im Nachhinein war das eine Riesenpolizeiskandal“, sagt Wosnitzka.
1832 schlug der Mädchenschneider in immer kürzeren Abständen zu
Dabei schien es zunächst tatsächlich so, als ob mit der Ausweisung von Rügemer der Spuk in Augsburg ein Ende hätte. Lange Zeit war es wieder ruhig in der Stadt. Bis zwölf Jahre später neue Berichte über Frauen mit Schnittverletzungen in Augsburg die Runde machten. Zwischen Januar und März 1832 seien allein fünfzehn Fälle registriert worden, sagt Wosnitzka. Und den Behörden sei klargeworden: Rügemer war nicht der Mädchenschneider. Wieder habe Panik in der Stadt um sich gegriffen. Sogar ein Theaterstück über den Mädchenschneider sei im April zur Aufführung gekommen. Doch obwohl die Stadt ein hohes Kopfgeld von 50 Gulden, was später auf 100 Gulden erhöht worden sei, aussetzte, konnte der „Ripper von Augsburg“ nicht gefasst werden. Es dauerte weitere fünf Jahre, in denen der Unbekannte noch mehrmals zuschlug, bis er 1837 dingfest gemacht werden konnte.
Am Dreikönigstag 1837 erkannte eine Dienstmagd ihren Angreifer
Denn die Dienstmagd Louise Günther, die er bei einem abendlichen Botengang am Dreikönigstag 1837 in der Nähe des Weißen Lamms mit einem Stilett an der Brust verletzte, erkannte ihren Angreifer. Es war der 37-jährige Gastwirtssohn Karl Bertle. Hochinteressant sind für Susanne Wosnitzka vor allem auch die Dokumente, die sich auf die Zeit nach Bertles Verhaftung beziehen. Denn in ihnen geht es auch ausführlich um die psychologischen Hintergründe der Tat. Und um das Motiv, das in Bertles umfassend erhaltenen Aussagen zutage trat.
Der von Bekannten als zurückgezogener Eigenbrötler beschriebene Mann gab darin unter anderem an, von frühester Jugend an eine Abscheu gegen „Weibspersonen“ gehegt und niemals intimen Kontakt zu Frauen gehabt zu haben. Um 1820 herum aber habe er schließlich einen „unwiderstehlichen Trieb“ empfunden, „Weibspersonen leicht zu verwunden, indem dieses mir doch eine Art von Geschlechtslust ahnen ließ“. Durch die Verletzungen habe er „wollüstigen Genuss“ empfunden. Ernsthaft in Gefahr, so beteuerte Bertle, habe er aber keines seiner Opfer bringen wollen. Um dies zu tun, sei er zu religiös gewesen, wird er in den „Annalen der deutschen und ausländischen Criminal-Rechtspflege“ zitiert.
Sieben Stilette und Degenstöcke fand die Polizei beim verhafteten Täter
Sieben Stilette und Degenstöcke, die er für seine Überfälle teils mit ätzenden Flüssigkeiten präpariert hatte, seien bei Bertle gefunden worden, erzählt Susanne Wosnitzka. Zwölf der über 30 Angriffe hätten die Behörden als Verbrechen eingestuft und näher beleuchtet. Doch ein entscheidendes Detail hatte die Musikwissenschaftlerin bisher nicht in Erfahrung bringen können: Wie Karl Bertle für seine Taten bestraft wurde. Vielleicht, sagt sie, schlummern die Prozessakten noch im Augsburger Stadtarchiv. Und tatsächlich zeigen alte Unterlagen aus den umfangreichen Magazinen dort, wie es mit Karl Bertle weiterging. Dass sie erhalten sind, sei ein absoluter Glücksfall, sagt Mario Felkl vom Stadtarchiv.
Durch sie lasse sich nachvollziehen, dass er 1839 wegen Körperverletzung zu einer Zucht- und Arbeitshausstrafe von vier Jahren verurteilt und nach Verbüßung von drei Vierteln begnadigt wurde. Unter Bewährungsauflagen kehrte der Mädchenschneider dann nach Augsburg zurück, wo er bis ins hohe Alter lebte. Und 1883, mit 84 Jahren, noch einmal die Polizei beschäftigte, weil er versucht hatte, sich im Holzbach zu ertränken. Doch Bertle wurde von zwei Männern gerettet und starb letztlich erst mit 86 Jahren. Seine Geschichte würde Susanne Wosnitzka, die in Augsburg auch Stadtführungen anbietet, in Zukunft gerne zu einem Stadtrundgang ausbauen. Auch, um an die vielen Frauen zu erinnern, die Karl Bertle verletzt hat. Und an den unschuldig verdächtigen Georg Rügemer, den dessen Taten in den Tod trieben.
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