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Claudia Sievers schreibt über ein vielfach geschundenes ukrainisches Dorf

Zeitgeschichte

Claudia Sievers schreibt über ein vielfach geschundenes Dorf in der Ukraine

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    Claudia Sievers engagiert sich in der Ukraine. Ihre Erlebnisse dort hat sie in einem Buch zusammengefasst.
    Claudia Sievers engagiert sich in der Ukraine. Ihre Erlebnisse dort hat sie in einem Buch zusammengefasst. Foto: Sievers

    Claudia Sievers ist in Augsburg aufgewachsen, lebt in Wiesbaden und war ganz oft in der Ukraine. Vor allem im Dorf Peremoha, 50 Kilometer östlich von Kiew. Als Geschäftsführerin der Martin-Niemöller-Stiftung - die nach dem Pfarrer und Nazi-Gegner benannte Stiftung engagiert sich für Friedenspolitik und Demokratie - besuchte sie seit den 1990er Jahren mehr als 30 Mal das Dorf und versuchte dort mit Freiwilligen aus Deutschland und der Ukraine, vor allem mit den Dorfbewohnern, ein soziales Begegnungszentrum aufzubauen, organisierte Jugendfreizeiten und Besuche von ehemaligen Zwangsarbeitern in Deutschland. Claudia Sievers stieß auf eine Geschichte politischer Gewalt und entdeckte mit Schrecken, dass Peremoha eines der „verbrannten Dörfer“ der Ukraine ist.

    Zuerst waren die Bewohner betroffen von Stalins Hungerpolitik, dem „Holodomor“, bei dem in Peremoha (das damals noch Jadliwka hieß) über 800 Menschen verhungerten. Dann kam die deutsche Wehrmacht, die von den Bewohner zuerst begrüßt wurde, weil sie ihnen ihre von Stalin enteigneten Häuser zurückgab. Doch ab 1942 deportierten die Deutschen 50 junge Leute zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich, und SS-Einsatzgruppen brachten 29 Dorfbewohner um als Vergeltung für Partisanen-Aktionen. 1943 zerstörte die Wehrmacht dann das gesamte Dorf, fast alle Dorfbewohner wurden ermordet oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschickt.

    Nach dem Weltkrieg wurde das Dorf neu gegründet

    Nach Kriegsende wurde das Dorf unter dem Namen Peremoha („Sieg“) nach sowjetischem Muster neu gegründet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bauten die Bewohner die orthodoxe Kirche und das Gemeindehaus wieder auf, es begann ab 1991 der Austausch mit der Niemöller-Stiftung mit Projekten der Begegnung und der Erinnerung. 

    Doch dann kam 2022 Putins Überfall auf die Ukraine, und der erreichte auch Peremoha. Wohnhäuser, Kirche und Gemeindehaus sind zerstört, die russischen Soldaten erschossen sechs Frauen und ein Kind, als sie versuchten, aus dem Dorf zu fliehen, die Gewalt ist nach Peremoha zurückgekehrt.

    Die Geschichte von Peremoha ließ die Autorin nicht mehr los

    Claudia Sievers sagt, als sie davon erfuhr, habe sie das „mitten ins Herz getroffen“. Wie dieses kleine Dorf in der Gewaltgeschichte der Ukraine geschunden wurde, das ließ sie nicht mehr los, und deshalb schrieb sie ihre Erfahrungen auf. Unter dem Titel „Das Buch des Lebens zu Ende lesen“ erzählt sie von Tragödien und Traumata der politischen Geschichte, vom bitteren postsowjetischen Erbe, aber auch vom Entstehen zivilgesellschaftlichen Engagements, von Mut und Lebenswillen der Menschen in Peremoha.

    Da sind die Schulkinder im Dorf, die sich über die Gleichaltrigen aus Westdeutschland freuen, die an den Freizeiten der Niemöller-Stiftung teilnehmen. Sie sind neugierig und offen für die Anderen, führen in einem deutsch-ukrainischen sommerlichen Theaterprojekt den „Jedermann“ auf der Wiese vor der Schule auf. Da sind Menschen wie Nadezhda, die als Fünfjährige mit Mutter und Schwester aus ihrem Heimatdorf in ein brandenburgisches Dorf deportiert wurde - Zwangsarbeit, Lagerleben, Schläge , Hunger, Angst - und die unermüdlich Begegnungen ermöglicht und Erinnerungen wachruft, trotz eigener Traumatisierung. 

    Die Deutschen wirken im Leben der Ukrainer nach

    Überhaupt ist Erinnerungskultur ein wichtiges Thema. Die jetzt alten Menschen, die zur Zwangsarbeit in Deutschland gezwungen waren, wollen darüber reden, sie hören damit nicht auf, sie wollen „das Buch des Lebens zu Ende lesen“. Die Gewalt durch die Deutschen wirkt bis heute im Leben der Ukrainer nach. Die deutschen Besucher haben viel zu lernen, über Respekt und ihre eigene Neigung zu Überidentifikation und Bevormundung, und damit wird Sievers Buch auch lehrreich für alle Akteure der Erinnerungskultur. Lernen mussten die Freiwilligen und die Planer der Niemöller-Stiftung auch viel über den „homo sovieticus“, über postsowjetische Machtstrukturen, Korruption und fehlende Transparenz.

    Claudia Sievers steht auch in der jetzigen Kriegszeit in engem Kontakt mit den Dorfbewohnern von Peremoha, sie sammelt Spenden, schreibt und bekommt Briefe, und sie erfährt viel über einen „unerschöpflichen ukrainischen Optimismus“. Ob die Ukraine als souveräner Staat überleben wird, weiß auch sie nicht. Aber sie weiß, dass die Welt viel lernen kann vom Mut und Überlebenswillen ukrainischer Menschen wie der Dorfbewohner von Peremoha.

    Claudia Sievers: Das Buch des Lebens zu Ende lesen. Ibidem-Verlag, 205 Seiten, 24,90 Euro.

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