Andy Scott braucht dringend ein frisches Handtuch. Der junge Mann, der rechts von Scott am Bühnenrand steht, ist auch dafür zuständig, sich ein wenig um den 76-Jährigen zu kümmern. Dazu gehören Aufgaben, wie die Gitarren von Scott hin und wieder auszutauschen, oder eben, wenn er stark schwitzt, ein Handtuch zu reichen. Scott rubbelt sich das lange, weiße Haar, das ihm im Gesicht klebt, zur Seite. „So sieht es aus, wenn ein Mann das tut, was ihm Spaß macht“, sagt er und lacht ins Mikro. Andy Scott, der letzte Überlebende der englischen Rockband The Sweet, hat sich unmittelbar vor dem Finale in der Augsburger Location Spectrum völlig verausgabt. Dabei ist es schon ein kleines Wunder, dass er immer noch da oben steht.
Andy Scott lässt sich auch in Augsburg nicht unterkriegen
Seine ehemaligen Mitstreiter Brian Connolly, Mike Tucker und Steve Priest leben schon lange nicht mehr. Bereits im Jahr 2009 wurde bei Andy Scott, bei einer Untersuchung, eine Krebserkrankung festgestellt. „Da hängt immer ein Schwert über deinem Kopf“, sagte er einmal. Aber Scott lässt sich nicht unterkriegen. Nur einmal verlässt er für eine zehnminütige Pause die Bühne. Doch Sänger Paul Manzi, Bassist Lee Small, Schlagzeuger Adam Booth und Gitarrist Jim Kirkpatrick, den sich Scott von der englischen Rockband FM ausgeliehen hat, überbrücken diese Zeit ganz gut ohne ihn.
90 Minuten The Sweet ist natürlich zugleich ein Hit-Festival der frühen 1970er-Jahre. Zwar spielen die Engländer mit „Don‘t bring me Water“ oder „Circus“ auch zwei Titel aus dem aktuellen Album „Full Circle“, aber ansonsten Nostalgie pur. Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Komik, wenn jetzt bei „Teenage Rampage“ keine Teenies mehr vor der Bühne stehen, sondern Menschen im teilweise (sehr) gesetzten Alter. Bis auf wenige Plätze ist der Laden mit 600 Zuschauer gut gefüllt und The Sweet spielen an zwei Abenden hintereinander.
Gute Laune beim Konzert von The Sweet im Spectrum
Dass The Sweet damals so erfolgreich waren, haben sie in erster Linie dem Songwriter Duo Nicky Chinn und Mike Chapman zu verdanken. Das Duo schrieb damals Hits für alle Künstler, die nicht bei drei auf dem Baum waren. Ob Suzi Quatro, Smokie, Exile, Mud oder sogar Tina Turner – alle bedienten sich bei Chinn/Chapman. Peinlichkeiten und Songs zum Fremdschämen ließen sich daei nicht immer vermeiden. So würde man heute wohl The-Sweet-Titel wie „Funny, Funny“ oder „Co-Co“ oder „Poppa Joe“ eher als Jugendsünden abtun. Allerdings zählten The Sweet in den frühen 1970er-Jahren auch eher noch zu den Boybands wie Bay City Rollers oder Hello. Aber es ehrt Andy Scott und seine Jungs, dass sie dazu immer noch stehen – und mittlerweile sind das ohnehin alles Mitgrölsongs für jede Party geworden. So ist auch im Spectrum gute Laune Trumpf.
Allerdings im Laufe der Jahre wurden die Engländer immer rockiger und immer besser. So ist es auch nicht verwunderlich, dass The Sweet schon seit längerer Zeit mit „Action“ ihren Auftaktsong bestreiten. Als der Titel 1975 auf ihrem Album „Strong Up“ erschien, gehörten sie schon längst zur ersten Klasse der Glam-Rocker. Mit „Hell Raiser“ setzen The Sweet ihre Reise in die Vergangenheit fort. Schließlich mit „Lost Angels“ (1977) hat das Qintett sogar einen Titel auf der Setlist, den man schon lange nicht mehr gehört hat und den The Sweet auch höchst selten zelebrieren.
Andy Scott beendet das Konzert mit „Blockbuster“ und „Ballroom Blitz“
Ansonsten prasseln die Hits nur so auf die Fans ein: „The Six Teens“, „Burn on the Flame“, „Set Me Free“, „Little Willy“, „Wig Wam Bam“ oder „Love Is Like Oxygen“ – es gibt kaum einen im Saal, der da die Luftgitarre nicht ausgepackt hat. Zum Grande Finale wird es dann noch einmal richtig laut im Spectrum. Einer der größten Sweet-Hits „Fox on the Run“ ist sogar mittlerweile den Jugendlichen ein Begriff. Nicht zuletzt deshalb, weil „Fox on the Run“ der Soundtrack beim Marvel-Film „Guardians of the Galaxy“ war. Oben auf der Bühne gönnte sich Andy Sott einen Whiskey mit Cola und die Band stimmte zu einem Prosit der Gemütlichkeit an. Es war die Ruhe vor dem letzten Sturm. Den zwei Kracher fehlten noch – „Blockbuster“ und „Ballroom Blitz“. Damit ging ein fetziger Abend zu Ende und Andy Scott wurde zum allerletztenmal an diesem Abend ein Handtuch gereicht.
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