Was für ein Kuscheltier sie denn da bei sich habe, will der Vorsitzende Richter Michael Eberle von der kleinen Emilia (Name geändert) wissen. „Das ist ein Schwan, aber er hat noch keinen Namen.“ Der Schwan war wohl auch das Lieblingstier von Emilias Mutter, Nina H. Die Nachbildung eines solchen weißen Tieres zierte ihr Grab bei der Beerdigung. Die 30-jährige Mutter ist vergangenes Jahr in ihrem Haus in Haunstetten erschossen worden. Am Montag musste die neunjährige Tochter, das älteste der drei Kinder, nun als Zeugin im Prozess aussagen. Zuvor hatte das Gericht immer wieder an den Angeklagten Gino F. appelliert, sich endlich zur Tat zu äußern. Man wollte dem Kind, das die traumatische Tat miterlebt hat, die Aussage ersparen. Vergeblich. Der 30-Jährige hatte mehrfach abgeblockt. Emilias Vernehmung findet unter besonderen Umständen statt.
Der Zuschauerraum ist komplett gefüllt. Justizbeamte müssen Interessierte an der Tür zum Gerichtssaal abweisen. Die Menschen sind gespannt, ob Emilia den Angeklagten belasten wird. Gino F. bestreitet die brutale Tat. Zunächst befragt das Gericht die Psychologin und Traumatherapeutin, die die drei Kinder seit der Ermordung der Mutter begleitet. Richter Michael Eberle interessiert vor allem der seelische Zustand der Neunjährigen. Sie hatte in jener Nacht mit ihrem damals knapp zwei Jahre alten Bruder gemeinsam mit der Mutter im Wohnraum im Erdgeschoss in einem Bett geschlafen, als der Täter plötzlich durch die Eingangstür kam. Die Aussage der Psychologin, die auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Josefinum arbeitet, ist in ihrer Klarheit bedrückend.
Psychologin vor Augsburger Gericht: „Sie hat massive Angst, dass der Täter wiederkommt“
Die Symptome hätten sich bei Emilia zuletzt verschlechtert. „Sie hat Schlafprobleme, Albträume, Flashbacks, bei denen sie die Schüsse hört oder die Mutter in der Blutlache liegen sieht. Sie hat massive Angst, dass der Täter wiederkommt.“ Das Kind gebe sich die Schuld, dass es der Mutter nicht geholfen habe. Emilia leide unter innerer Unruhe, entwickle Wutanfälle. Manchmal äußere sie, sie wolle zur Mutter gehen, also Selbstmordgedanken. Man habe mit Emilia noch nicht mit der Tataufarbeitung begonnen, betont die Expertin. „Bislang steht immer noch ihre Stabilisierung im Vordergrund.“ Entsprechend behutsam geht das Gericht bei der Vernehmung des Kindes vor.
Emilia muss nicht im Prozesssaal erscheinen, sondern wird per Videokamera aus dem sogenannten Kindervernehmungsraum zugeschaltet. Dieses besondere Zimmer, ausgestattet mit modernster Technik, aber gemütlich eingerichtet, gibt es seit knapp drei Jahren im Augsburger Strafjustizzentrum. Emilia darf sich dort auf die blaue Couch setzen. Über den Monitor sieht sie nur den Vorsitzenden Richter. Das Kind lernte bereits vergangene Woche Michael Eberle kennen und durfte sich das Zimmer anschauen, um Vertrauen zu fassen. Vor ihrer Befragung zieht sich der Richter noch die schwarze Robe aus. „Sie soll keinen schwarzen Mann sehen“, erklärt Eberle die Modalitäten. Fragen dürfe nur er an das Kind richten, Fragen weiterer Prozessbeteiligter könnten per Laptop gestellt werden, er werde sie an das Kind weiterreichen. Doch dazu kommt es nicht.
Es scheint, als ob alle – auch die Verteidigung – die Befragung Emilias zu ihrem Wohl so kurz wie möglich halten wollen. Die Zuschauer haben keinen Blick auf den Monitor mit dem Kind. Sie hören nur Emilias Stimme. Sie klingt hell, offen, zugänglich. Tapfer beantwortet das Kind alle Fragen des Richters – und belastet Gino F. schwer. Auch über den Ex-Partner der Mutter, Christian S., hat die junge Zeugin nichts Nettes zu berichten. Dieser soll, nachdem sich Nina H. von ihm getrennt hatte, seinen Ziehsohn Gino F. beauftragt haben, Nina auszuspähen.
Kleine Tochter von Mordopfer Nina H.: Den Ex-Partner der Mutter wolle sie nie wieder sehen
Den Christian wolle sie nie wieder in ihrem Leben sehen, sagt Emilia dem Richter. Er sei zu ihr und ihrer Mutter immer gemein gewesen. Zu seinen beiden eigenen Kindern, Emilias Geschwistern, sei er viel netter gewesen. Hin und wieder habe Christian den Gino mit nach Haunstetten gebracht, wenn er dort am Wohnmobil herumgeschraubt habe. Dann hätte sie auch mit Gino gespielt. Emilia beschreibt Gino als dünnen Mann mit wenig Muskeln. Als die Mutter sie am Tag vor der Tat mit dem Lastenrad von der Schule abgeholt hatte, habe sie auf der Bank nahe ihrem Haus den Gino sitzen sehen. „Er hatte einen schwarzen Pullover, eine schwarze Hose, eine schwarze Mütze und eine dunkle Sonnenbrille an. Ich habe ihm nicht gewunken.“ Gegen Abend habe der Christian dann ihre Schwester abgeholt. „Er war nervös.“
Wie hat sich das geäußert, will der Richter wissen. „Er hat gezittert und zu meiner Schwester gesagt, ob sie nicht lieber bei der Mama bleiben möchte.“ Das habe sie komisch gefunden. Als sie, der kleine Bruder und die Mama in das Bett im Wohnraum mit der Küche gingen, sei es wie immer gewesen. „Das Licht am Herd blieb an und ich kuschelte mich an Mamas Bein.“ Sie hätte schon ihr eigenes Schlafzimmer gehabt, erklärt Emilia dem Richter. „Aber da ich ein Angsthase bin, schlafe ich immer bei der Mama.“ Gegen Mitternacht sei die Haustür mit einem Knall aufgegangen, die Mutter aufgesprungen und in die Küche gelaufen.
Prozess im Mordfall Nina H. in Augsburg: „Warum meinst du, dass es der Gino war?“
Emilia schildert weiter: „Sie schrie: ‚Geh weg‘ und Gino sagte: ‚Sei leise‘. Dann kamen die Schüsse.“ Richter Eberle hakt nach. „Warum meinst du, dass es der Gino war?“ Sie sei ein Mensch, der schlau ist und gut hören kann, sagt das Mädchen. „Ich habe seine Stimme erkannt. Der Mann im Haus war genauso gekleidet wie Gino am Nachmittag auf der Bank. Und er war dünn und klein, genau wie der Gino.“
Alle drei Kinder leben seitdem bei der Oma, der Mutter der Getöteten. Sie soll sich aufopferungsvoll um die Geschwister kümmern. Das bescheinigt auch die Traumatherapeutin vor Gericht. Die Oma biete den Kindern ein stabiles Umfeld. „Sie geht auf sie ein, ist ihre Bezugsperson und gibt ihnen das Gefühl, richtig bei ihr zu sein. Sie haben eine starke Bindung zu ihr.“
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