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Zugunglück in Aichach
31.07.2018

Unglück mit zwei Toten: Der Lokführer hat Schlimmeres verhindert

Bei dem Zugunglück in Aichach kamen zwei Menschen ums Leben.
Foto: Erich Echter

Der Mann, der beim Zugunglück ums Leben gekommen ist, hat offenbar vorbildlich reagiert. Die Regiobahn weiß inzwischen, was kurz vor dem Aufprall geschehen ist.

Es sind die letzten Augenblicke seines Lebens. In diesen Momenten am Abend des 7. Mai rettet er womöglich mehreren Menschen das Leben. Der 37-jährige Lokführer selbst aber wird beim Zusammenstoß seines Regionalzugs mit einem stehenden Güterzug um 21.15 Uhr 500 Meter vor dem Aichacher Bahnhof getötet. Ebenso wie eine 73-jährige Passagierin. Doch zuvor hat der Lokführer vorbildlich reagiert. Zu diesem Schluss kommt die Bayerische Regiobahn (BRB) nach Auswertung der Daten aus dem Unglückszug. Fabian Amini, Technischer Geschäftsführer, der ab 1. Oktober den Vorsitz der Geschäftsführung übernimmt, bilanziert, „dass unser Triebfahrzeugführer den Umständen entsprechend wirklich vorbildlich reagiert hat. Aber er hatte halt einfach keine Chance“.

Zugunglück in Aichach: Der Lokführer hatte keine Chance

Keine Chance deshalb, weil es damals schon dunkelte und die Einfahrt in den Bahnhof aus Richtung Augsburg in einer leichten Kurve liegt. Fachleute haben rekonstruiert, wo der Lokführer wie reagierte. Amini: „Er hat im Grunde genommen sofort in dem Moment, wo er erkannt hat, dass er auf ein Hindernis zufährt, eine Schnellbremsung eingeleitet, hat noch gepfiffen. Allerdings war die Zeit so kurz, dass er keine Chance hatte, da noch deutlich Geschwindigkeit abzubauen.“ Theoretisch habe der Lokführer, weil es sich um ein durchgehendes Gleis handelt, mit Tempo 120 fahren dürfen. Stattdessen war er laut Amini mit 80 unterwegs. Das Aufpralltempo liege dank seiner Bremsung deutlich darunter.

Welche Folgen hätte der Zusammenstoß ohne diese Reaktion gehabt? Es ist kaum auszudenken, denn sie sind auch so schlimm genug: Der Lokführer und eine Passagierin sterben, drei Menschen werden nach Angaben der Polizei schwer, zwölf leicht verletzt.

Der Zug hatte eine Art Blackbox

Aus Aminis Erklärungen ist herauszuhören, wie erleichtert die Regiobahn, Betreiber der Paartallinie, ist über die Erkenntnisse, die das System Punktförmige Zugbeeinflussung (PZB) liefert. Mit diesem sind in Deutschland fast alle Züge und Gleise ausgestattet. Dadurch verfügte der Zug über eine Speicherkassette, ähnlich der Blackbox eines Flugzeuges, die alle Handlungen aufzeichnet. Laut Amini, hätte das PZB-System, mit dem auch in Aichach die Gleise ausgerüstet sind, die Bahn ausbremsen können. Doch es schreite nur ein, wenn sich der Zug nicht dem Signal entsprechend verhält.

In Aichach aber stand das Signal auf Gleis zwei auf Durchfahrt. Dementsprechend verhielt sich der Lokführer. In der Regel ist in Aichach Gleis zwei die Anlaufstation für Züge, die bis Ingolstadt durchgehen. Wenn ein Zug in der Gegenrichtung verkehrt, fahren sie allerdings „ab und an auf Gleis eins ein“, erklärt Amini. Dann muss der Lokführer eigens umgelotst werden. Doch am 7. Mai ist das nicht der Fall, obwohl auf Gleis zwei bereits der Güterzug stand. Der Fahrdienstleiter habe „anscheinend vermutlich vergessen, dass er den Güterzug schon ins Gleis eingelassen hat“, folgert der Geschäftsführer.

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Gegen den Fahrdienstleiter wird ermittelt

Auf den 24-jährigen Fahrdienstleiter konzentrieren sich schon bald nach dem Unfall die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung. Sie dauern an. Endgültige Aussagen sind laut Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai erst möglich, wenn das Gutachten eines Sachverständigen vorliegt. Das kann noch Wochen dauern.

Die BRB fordert schon kurz nach dem Unglück Konsequenzen, „dass so ein Unfall nicht wieder passiert“. Die aktuelle Nachricht, dass die Deutsche Bahn (DB), die für die Gleisanlagen zuständig ist, 600 alte Stellwerke mit elektronischen Warnanlagen nachrüsten will, kommt bei der BRB deshalb gut an. Amini geht davon aus, „dass Aichach mit als erstes dabei sein wird“.

Die Regiobahn sieht aber weiteren Handlungsbedarf. Eine zweite Forderung ist ein „Vier-Augen-Prinzip“, das den Fahrdienstleiter absichert, wenn er bei einer Störung technische Sicherungen selbstständig handhaben muss. Als Kontrollinstanz könne die Betriebszentrale oder ein benachbarter Fahrdienstleiter fungieren, erläutert Amini.

Dritte Forderung ist, monotone Einzelarbeitsplätze zu vermeiden. Wenn einmal pro Stunde ein Zug vorbeifahre, könne das zu Routinefehlern führen. Viertens fordert die BRB, abgehoben vom Fall Aichach, die umfassende technische Sicherung von Bahnübergängen, weil es dort auf Regionalbahnstrecken immer wieder zu Unfällen kommt. Der Forderungskatalog sei ein wichtiges Signal an die 70 BRB-Lokführer, weiß Amini, der gleichwohl betont: „Die Bahn ist und bleibt das sicherste Verkehrsmittel.“

Bei dem Zusammenstoß eines Personen- und eines Güterzuges sind in Aichach am Montag zwei Menschen gestorben. Retter waren mit einem Großaufgebot vor Ort.
18 Bilder
Zugunglück bei Aichach: Regiobahn fährt in Güterzug
Foto: Matthias Balk, dpa

Konsequenzen sind auch von anderer Seite denkbar: Die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU), die es erst seit einem Jahr gibt, untersucht das Unglück in technischer Hinsicht. Wie Pressesprecher Gerd Münnich auf Anfrage erklärt, gehe es darum, die Eisenbahnsicherheit zu verbessern. Diese Untersuchung darf ein Jahr dauern. Münnich glaubt aber, dass das Ergebnis schneller vorliegt.

Ebenfalls noch unklar ist, was aus dem verunglückten Zug wird. Der Schaden geht laut Amini in die Millionenhöhe. Mit den Versicherungen muss geklärt werden, ob der Zug repariert oder ersetzt wird.

Solche Fragen liegen weit entfernt von der menschlichen Dimension des Unglücks. Wie groß diese ist, zeigt sich zum Beispiel an der Spendenbereitschaft für die Familie des verunglückten Lokführers, der Ehefrau und drei Kinder hinterlassen hat. Ein mittlerer fünfstelliger Betrag ist bislang laut Amini auf dem Spendenkonto eingegangen.

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Die Diskussion ist geschlossen.

01.08.2018

Ergänzung des Sachverhalts: der Tf fuhr mit ca. 80 km/h, da er den planmäßigen Halt in Aichach vor sich wusste und daher mit hoher Wahrscheinlichkeit eine geeignete Annäherungsgeschwindigkeit - und dies sind sicher nicht 120 km/h - gewählt hatte. Dies findet jeden Tag dutzendfach dort so statt.
Die Vorschläge hinsichtlich des "4-Augen-Prinzips" sind nicht praxistauglich, da sie vielfach wirkungslos wären: entweder müsste der Korrespondenz-Fdl die selbe Orts- und Anlagenkenntnis haben wie der reguläre Fdl (was bei der Vielzahl der Fälle unmöglich ist) oder er kann nur (quasi als "kommunizierende Röhre") die falsche Entscheidung bestätigen, da er eben nicht vor Ort ist und keinen vollständigen Blick auf die Situation hat. Der Hinweis auf die arbeitsmedizinisch-psychologische Untersuchung der Arbeitsplätze von Mitarbeitern im Betriebsdienst ist gerechtfertigt und fehlt im System der Bahn weitgehend. Fairerweise müsste aber auch die Rolle des Tf mit betrachtet werden. Auch hier kennt man die Probleme der "Dauer-Ablenkung" mit elektronischen Medien, der lange Phasen absoluter Unterforderung kombiniert mit plötzlicher hoher Anforderung usw. und ist nicht gefeit vor menschlichen Fehlhandlungen (siehe z. B. die Flankenfahrt von Mannheim). Schon daher ist die im Sektor nicht unübliche "Auf-den-anderen-Zeigerei" hier - trotz vmtl. recht eindeutiger Ursachenzuscheidung - unangebracht.

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