Das Ende ist hoffnungslos. Allein sitzt Bauer Andi auf dem Feld, seine Energie ist gebrochen wie die Zapfwelle, die er in Händen hält. Geschuftet hat Andi wie verrückt, gebracht hat ihm das nix. Die Mächte des Marktes haben erbarmungslos zugeschlagen, und er muss sich fragen, ob sein Hof noch eine Zukunft hat. Die Gegenwart jedenfalls hat ihn überrollt. Landwirt zu sein, das muss er bitter erkennen, heißt: wachsen oder weichen.
Viele Bauern geraten in diese Lage, sie ist zur Bedrohung ihres Lebens und Arbeitens geworden. Unzählige Landwirte haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ihren Hof aufgegeben. In Deutschland, in Bayern, im Allgäu. Maxi Schafroth kennt das auch. Der Kabarettist, Schauspieler und Musiker hat als Sohn eines Unterallgäuer Bauern den wirtschaftlichen Druck, den Zwang zu Intensivierung und Optimierung, quasi mit der Kuhmilch aufgesogen. Für die Münchner Kammerspiele hat der 40-Jährige jetzt eine Art Theaterstück über dieses existenzielle Thema ländlichen Lebens geschaffen. Titel: „Wachse oder weiche“. Schafroth spielt den konventionellen Landwirt Andi, der in die Optimierungs-Mühle geraten ist. Dafür hat er sich einen knallroten Overall übergezogen, das üppig gelockte Haar unter eine schwarze Baseball-Kappe gepresst und seine Füße in schwere Schuhe gesteckt. An diesem Freitag feiert „Wachse oder weiche“ Premiere in den Kammerspielen.
Kaum einer dürfte die ländliche Lebenswelt besser in die Großstadt bringen als Schafroth
Drei Monate nach seinem Aus als Fastenprediger beim Derblecken auf dem Münchener Nockherberg meldet sich Maxi Schafroth in diesen Tagen vehement auf mehreren Bühnen zurück. Nächste Woche kommt der neue Pumuckl-Film in die Kinos, in dem er dem frechen Kobold wieder seine Stimme leiht. Vor wenigen Tagen ist die Komödie „Zweigstelle“ in den Kinos angelaufen, die im Jenseits spielt, und in der Schafroth einen trockenen Bürokraten gibt. Und nun die Premiere in den Kammerspielen an der Maximilianstraße im Herzen Münchens, eine erstrangige Adresse in der deutschsprachigen Theaterwelt.
Im großen Saal präsentiert er mit langjährigen Bühnenpartnern wie Gitarrist Markus Schalk sowie Schauspielern der Kammerspiele ein abendfüllendes Stück, das von allem etwas ist: Kabarett, Theater mit (Volks-)Musik, Persiflage, Satire, Tragikkomödie. Entwickelt und geschrieben hat es Schafroth mit einem anderen Allgäuer: Martin Valdés-Stauber aus Kaufbeuren, viele Jahre Dramaturg an den Kammerspielen und nun in gleicher Funktion an der renommierten Schaubühne in Berlin tätig. Die beiden sind befreundet, Valdés-Stauber stand Schafroth beim Verfassen der Fastenpredigten auf dem Münchner Nockherberg als Berater zur Seite.
Aufgewachsen ist er im 80-Seelen-Dorf Stephansried bei Ottobeuren
Kaum einer dürfte besser geeignet sein als Maxi Schafroth, um die ländliche Lebenswelt in die Großstadt zu bringen. Aufgewachsen ist er in dem 80-Seelen-Dorf Stephansried bei Ottobeuren im Unterallgäu. „Als Kind war das ein Paradies für mich“, erzählt Schafroth gerne. In dem dörflich-bäuerlichen Kleinkosmos erlebte der schmächtige Bub lustige und kuriose Abenteuer. Spielte mit den Freunden Fußball und schoss auch mal Kirchenfenster zu Scherben, überstand am Kneipp-Brunnen Mutproben im kalten Wasser, sauste mit selbst gebauten Seifenkisten die steilen Sträßchen zwischen den Bauernhöfen hinunter, gönnte sich im Wirtshaus von Leni einmal im Monat den sagenhaften Wurstsalat mit Romadur und Zwiebeln für fünf Mark.
Bauer werden wollte Schafroth in diesem Paradies freilich nicht. Nach der Schule begann er lieber eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Als er, gerade 18 Jahre alt, für ein paar Monate in die Zentrale nach München kam, blieb er in der Großstadt hängen. Dort drängte es ihn bald auf die Bühne. Schon seit Schulzeiten liebte er improvisiertes Reden und humorvolle Auftritte. Einfach drauflos schwätzen, ist bis heute eines seiner Erfolgsrezepte. Was beim jeweiligen Publikum ankommt und was nicht, spüre er schnell, sagt der Kabarettist. „Da läuft mein Gehirn auf Hochtouren.“
Wenn Maxi Schafroth heute – meist auf der Gitarre begleitet von seinem Stephansrieder Hofnachbarn Markus Schalk – als Kabarettist auftritt, drehen sich viele seiner satirisch-ironischen Geschichten um das heile und weniger heile Leben im Allgäu. Auch wenn er seit über 20 Jahren in München lebt, der Kontakt in seine Heimat ist nicht abgerissen. Regelmäßig besucht er seine Familie im Unterallgäu. Und seine Eltern, die vor fünf Jahren mit dem Hof aufgehört haben, sind schon mehrmals zu Proben nach München gekommen. Neulich haben sie das Metallrohr eines Güllefasses mitgebracht, das Schafroth prompt in seine Inszenierung eingebaut hat.
Schafroth will dem großstädtischen Theaterpublikum aus seiner Allgäuer Lebenswelt erzählen
Aber bei aller Verbundenheit zum bäuerlichen Leben: Nostalgisches Schwärmen ist nicht sein Ding. Deshalb singt er bei den vielen Auftritten im deutschsprachigen Raum, durchschnittlich rund 80 im Jahr, keine liebevollen Loblieder aufs Ländliche. Längst kontrastiert er die wahren und unwahren, realen und surrealen Geschichten, die er aus seinen Erinnerungen strickt, mit den Erfahrungen des Großstädters. Genau dies ist nun auch im Theater zu erleben.
Die Kammerspiele, in deren Jugendclub er einst parallel zur Banklehre mitspielte, haben ihn Ende letzten Jahres gefragt, ob er ein Stück machen möchte. Schafroth zögerte nicht lange, obwohl er noch nie Regie geführt hat. Die Chance, dem großstädtischen Theaterpublikum aus seiner Allgäuer Lebenswelt zu erzählen, wollte er sich nicht entgehen lassen. Er ist nicht der erste Kabarettist, dem die Kammerspiele ein Podium bieten. Das hat eine lange und lebendige Tradition, die von Liesl Karlstadt und Karl Valentin in der 1920er Jahren bis zu Gerhard Polt und den Well-Brüdern reicht, deren „Erblastkomödie“ mit dem Titel „A scheene Leich“ immer noch im Repertoire ist. „Maxi Schafroth verkörpert mit seinem feinen Gespür für Sprache, Haltung und Humor genau das, was die Kammerspiele seit jeher ausmacht“, sagt der künstlerische Direktor Daniel Veldhoen.
Schafroth grantelt und flucht als Bauer Andi in schärfstem Allgäuer Dialekt
Maxi Schafroth nutzt die Freiheiten, die ihm die Kammerspiele einräumen, mit – wie er es nennt – „sprudelnder Kreativität“. Das wird bei einem Probenbesuch deutlich. Er konfrontiert in „Wachse oder weiche“ den Klang des bäuerlichen Allgäus mit dem Sound der geschäftigen Großstadt. Da rattern Melkmaschinen, brummen Traktormotoren. Und ein Bschüttfass dürfte das Münchener Publikum auch noch nicht auf einer seiner Bühnen gesehen haben. Dazu grantelt und flucht Maxi Schafroth als Bauer Andi in schärfstem Allgäuer Dialekt – bis sanfte Volksmusik wieder eine Idylle erzeugt. Die kann allerdings nur als ironisch aufgefasst werden. Zumal es Harmonie nicht geben kann, wenn arbeitswütige Bauern auf psychologisierende Stadtmenschen treffen, und ein skrupelloser Baywa-Manager seine Produkte an den Landwirt bringen möchte. Schon bei den Proben zeigt sich, dass das Publikum ein schmissiges Stück mit schrägen Typen erleben wird, auch wenn das Thema alles andere als lustig ist.
Mit seinem Theaterstück wolle er „dem Zorn und dem Verdruss der Bauern spielerisch Ausdruck verleihen“, erklärt Schafroth in einer Probenpause. Obwohl er in der Doppelfunktion als Regisseur und Schauspieler gerade vier Stunden lang an der Verfeinerung des Stücks gearbeitet hat, nimmt er sich nun eine Stunde Zeit für ein Interview inklusive spätem Mittagessen. Ins vorbestellte Restaurant neben dem Theater will er aber nicht gehen. „Da ist es zu laut“, sagt er. Lieber nimmt er den Gast drei Stockwerke hinunter in den Keller der Kammerspiele, wo die Probenräume liegen und man sich ungestört unterhalten kann. Das Essen lässt er sich bringen.
Wenn Maxi Schafroth bei Spinatknödel mit Sauerkraut über sein Stück spricht, merkt man bald, wie sehr ihn die schwierige Lage der Bauern beschäftigt und aufwühlt. Er verstehe den Frust der Landwirte gut, sagt er. Gleichwohl seien sie bei den Protesten vor zwei Jahren auch übers Ziel hinausgeschossen. „Man fährt nicht mit dem Galgen zur Demo“, sagt Schafroth. Was ihm ebenfalls gegen den Strich geht: wenn die Landwirte über „die da oben“ herziehen und dabei nicht nur die Politiker negativ beurteilen, sondern die Demokratie insgesamt. Andererseits kritisiert Schafroth auch die Äußerungen von Politikern wie Aiwanger und Söder, die sich gern zu Patronen der Landbevölkerung aufschwingen. Deren arg zugespitzte Äußerungen nennt er „Zündeleien“ und findet: „Da fehlt der politische Anstand.“
Womit man beim Thema Derblecken wäre. Bekanntlich ging Schafroth heuer auf der Bühne des Paulaner-Saals in München scharf mit der Polit-Prominenz ins Gericht. Über den erzwungenen Abgang als Fastenprediger möchte er aber nicht mehr viele Worte verlieren. Er habe dies mit einem lachenden und weinenden Auge hinnehmen müssen, sagt er. Auf dem Nockherberg drehe man als Kabarettist nun mal „das ganz große Rad“ angesichts der schwergewichtigen Politiker im Saal und den Millionen von Zuschauern an den Fernsehgeräten. Deshalb dürfe man sich über Gegenwind nicht wundern. Nicht zuletzt deswegen habe er weder Empörung schüren, noch sich selbst als „Abgesägten“ inszenieren wollen, versichert er. Für ihn sei es vielmehr eine Ehre gewesen, sieben Jahre lang den Politikern die Leviten lesen zu dürfen.
Und nun sei es ihm eine ebenso große Ehre, an den Kammerspielen inszenieren zu können. Die anfangs beschriebene Szene mit dem traurigen Bauern Andi führt übrigens auf eine falsche Fährte. Zwar wolle er den Zorn und den Verdruss in der Landwirtschaft zeigen und beschreiben, „wie die Menschen ihr Glück verlieren“. Das Bühnenbild mit einem blauschwarzen Acker vorn und einem bedrohlich blauschwarzen Gebirge dahinter betont das Bedrohliche. Aber natürlich kann der Komödiant Maxi Schafroth nicht aus seiner Haut heraus. Er mischt der tragischen Geschichte eine gute Portion satirischen Witz bei, persifliert und ironisiert, überzeichnet die Figuren. Letztendlich wolle er „eine Botschaft der Zuversicht“ rüberbringen, versichert Schafroth und kommt noch einmal auf die Politik zurück: „Ich versuche mit dem Stück, die Zündeleien zu löschen. Und ich möchte dem Zorn den Humor entgegensetzen – und damit den Zorn entkräften.“
„Wachse oder weiche“ im Theater
Die Premiere von „Wachse oder weiche“ am 24. Oktober in den Münchner Kammerspielen ist so gut wie ausverkauft; auch für die nächste Aufführung am 31. Oktober gibt es nur noch wenige Karten (online auf muenchner-kammerspiele.de)
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