Wenn Marianne Krohnen Ende April ihren Schreibtisch räumt, dann geht damit auch ein Stück Geschichte. Mehr als ihr halbes Leben war Krohnen hier, in Geiselbach im Kreis Aschaffenburg, die erste Frau im Rathaus – und bis zuletzt Bayerns dienstälteste Bürgermeisterin. Als sie 1984 gewählt wurde, war das tatsächlich eine Besonderheit. 42 Jahre später muss die CSU-Politikerin ihr Amt an einen deutlich jüngeren Mann abgeben. Jan Maier, 43 Jahre, holte in der Stichwahl 53,7 Prozent.
Damit tritt nicht nur Bayerns Rekord-Bürgermeisterin ab, sondern eine weitere Frau an der Spitze einer Gemeinde. Und damit ist Krohnen nicht allein. Die wenigen Frauen in der bayerischen Kommunalpolitik werden noch weniger.
Schon bislang war der Frauenanteil in der Kommunalpolitik niedrig. Derzeit sitzt nur in einem von zehn Rathäusern im Freistaat eine Bürgermeisterin, 22 Prozent der Gemeinde- und Stadtratsposten sind von Frauen besetzt, in den Kreistagen sind es 28 Prozent. Nach einer Auswertung der Universität Stuttgart ist die Quote nur in Hessen und im Saarland noch niedriger.
Alle 25 kreisfreien Städte sind künftig in Männerhand
Noch liegen keine detaillierten Angaben zur Geschlechterverteilung in den Stadt- und Gemeinderäten sowie den Kreistagen in Bayern vor, die offizielle Auswertung gibt es erst im August. Doch ein Blick auf die Wahlergebnisse zeigt: In den kommunalen Spitzenämtern ist die Frauenquote weiter gesunken. In Bayerns Großstädten gibt es keine Oberbürgermeisterin mehr. Die 25 kreisfreien Städte werden künftig alle von Männern geführt. In Augsburg wurde Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) abgewählt, in Hof verlor SPD-Amtsinhaberin Eva Döhla, auch Regensburg wird künftig von einem Mann regiert.
Für Monika Meier-Pojda sind diese Zahlen „erschreckend“. Die Präsidentin des bayerischen Landesfrauenrats gibt zu bedenken: „Gerade da, wo Demokratie ihre Basis hat und das Lebensumfeld der Menschen unmittelbar betroffen ist, müssen Frauen in besonderem Maße ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Kompetenzen einbringen.“
Auf Landrats-Ebene sind die Zahlen nur wenig besser – und das, obwohl im Kreis Landsberg mit Daniela Groß erstmals eine Frau und zugleich die erste grüne Landrätin Bayerns gewählt wurde. Im Freistaat ist der Trend ein anderer: In Unterfranken, der Heimat von Marianne Krohnen, wurde die Landrätin im Kreis Main-Spessart abgewählt. Vor allem der Alpenrand ist zunehmend in Männerhand: Im Oberallgäu und Ostallgäu, wo mit Indra Baier-Müller und Maria Rita Zinnecker bisher zwei Frauen an der Spitze standen, sind beide Nachfolger Männer, auch in Weilheim-Schongau regiert künftig ein Mann. Damit sinkt die Frauenquote unter den Landräten von zehn auf acht Prozent.
Das Problem: Frauen werden seltener gewählt, auch von anderen Frauen
Das ist ernüchternd. Vor allem, weil die parteiübergreifende Initiative „Bavaria ruft!“ seit geraumer Zeit darum wirbt, mehr Frauen für die Kommunalpolitik zu begeistern. Deren Schirmherrin ist Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Sie beobachtet derzeit eine „generelle gesellschaftliche Stimmung, die Frauen nicht stärkt“. Trotzdem wertet sie die Initiative als Erfolg. Schließlich seien noch nie so viele Frauen bereit gewesen, zu kandidieren.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Das gilt für die Listen der Gemeinde- und Stadträte sowie Kreistage. Was die Spitzenämter angeht, also (Ober-)Bürgermeister und Landräte, sind weniger Frauen angetreten als noch vor sechs Jahren. Zudem beobachtet Aigner, dass Frauen oft auf den hinteren Listenplätzen zu finden seien. „Und sie werden nicht so viel gewählt, auch nicht von Frauen“, sagt Aigner.
Marianne Krohnen, die scheidende Rekord-Bürgermeisterin aus Unterfranken, hat selbst festgestellt, dass immer weniger Frauen für den Gemeinderat kandidieren wollen. Und, dass Frauen sich bei Wahlen zunehmend schwerer tun. Im neuen Gemeinderat in Geiselbach, dem Krohnen auf eigenen Wunsch nicht mehr angehört, sitzen künftig drei Frauen – bisher waren es fünf.
Aigner fordert klare Sitzungszeiten und mehr digitale Treffen
Auch Helga Lukoschat, die Vorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft in Berlin, beobachtet, dass sich das Rad zurückdreht, was weibliche Mitbestimmung angeht. „Die Gefahr ist, dass sich dadurch eine Spirale in Gang setzt.“ Weniger Frauen in der Kommunalpolitik – das bedeute weniger weibliche Vorbilder und letztlich auch weniger Frauen, die in Zukunft politisch aktiv seien. „Diesem Kreislauf müssen wir entschieden entgegenwirken“, sagt sie.
CSU-Politikerin Ilse Aigner ist überzeugt, dass es vor allem bessere Rahmenbedingungen braucht, um mehr Frauen zu gewinnen: „Klare Sitzungszeiten mit festem Ende, auch mal digitale oder hybride Sitzungen und grundsätzlich mehr Vereinbarkeit helfe nicht nur den Frauen, sondern auch jungen Vätern“, sagt sie. „Am Ende muss es ein gemeinsames Thema von Männern und Frauen werden.“
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren