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Ein Jahr nach dem Anschlag auf das israelische Generalkonsulat ist die Angst jüdischer Menschen noch größer

München

„Man spürt die feindseligen Blicke“: Juden leben ein Jahr nach dem Anschlag in Angst

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    Mit der Kippa auf die Straße? Viele Jüdinnen und Juden verzichten darauf, ihren Glauben offen zu zeigen.
    Mit der Kippa auf die Straße? Viele Jüdinnen und Juden verzichten darauf, ihren Glauben offen zu zeigen. Foto: imago/IPON

    Die Einschusslöcher sind längst zugemauert, die gesplitterten Fensterscheiben ausgetauscht. Doch bei Talya Lador-Fresher reißt die Erinnerung an jenen Donnerstag vor ziemlich genau einem Jahr jetzt wieder auf. Durch die Bürofenster kann die Generalkonsulin des Staates Israel in Richtung leuchtend grüner Bäume schauen. Hinter ihnen wurde der Mann überwältigt, der am 5. September 2024 mit einem alten Armee-Gewehr auf das Generalkonsulat in München geschossen hatte. Lador-Fresher ist sich bewusst: Dieser Anschlag war gegen sie gerichtet. Gegen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gegen den Staat Israel.

    Ein Jahr später sagt die Diplomatin, neben deren Schreibtisch gerahmte Porträts von Staatspräsident Izchak Herzog und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu aufgehängt sind: Ich freue mich, dass wir nach wie vor viele Besucher hier bei uns empfangen. Und ich freue mich, dass unsere Fahne immer noch stolz gehisst hier weht. Ich freue mich, dass wir hier immer noch arbeiten dürfen und können.“ Vor dem Grundstück patrouilliert ein Polizist mit Waffe, Sicherheitskräfte haben den Hof permanent über mehrere Kameras im Blick.

    Ihr Sohn will lieber in Israel leben

    In einem anderen Teil der Stadt hilft Familie Lichtental ihrem ältesten Sohn gerade beim Kofferpacken. Er ist vor Kurzem 19 Jahre alt geworden, hat das Abitur bestanden und will nicht mehr in Deutschland sein. Er hat sich für ein Leben in Israel entschieden. „Er sieht hier für sich keine Zukunft als Jude. Und schon gar nicht, wenn er an die Zeit denkt, selbst Kinder großzuziehen“, sagt seine Mutter Chaja Lichtental, die ihren richtigen Namen zur Sicherheit für sich behalten will. Die Ablehnung, die die jüdische Familie spürt, drückt sich meistens in Worten aus. Das Attentat im September 2024 war ein extremer Fall.

    Die Generalkonsulin des Staates Israel für Süddeutschland, Talya Lador-Fresher, in ihrem Münchner Büro.
    Die Generalkonsulin des Staates Israel für Süddeutschland, Talya Lador-Fresher, in ihrem Münchner Büro. Foto: Generalkonsulat des Staates Israel für Süddeutschland

    Talya Lador-Fresher ist noch zu Hause, als sie damals von dem Anschlag erfährt. Als sie am Nachmittag endlich grünes Licht bekommt und ins Generalkonsulat darf, ist immer noch überall Absperrband und Polizei. „Aber ich wusste auch nahezu von Anfang an, dass keine meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen waren.“ Das Haus war am 5. September geschlossen, wegen einer Gedenkfeier für die Opfer des Olympia-Attentats 1972. Sie wird angesichts des Terrors abgesagt. Den Rest des Tages verbringt die Diplomatin mit Interviews. „Ich wollte alles für die Israelis und für die Deutschen einordnen. Man soll die Strömungen hier verstehen. Antisemitismus kommt von der rechten Seite, von der linken, aber auch von der radikal-islamistischen Seite.“

    Es ist etwa neun Uhr am Vormittag, als in München damals einer Polizeistreife der junge Mann auffällt, der mit einem langen Gegenstand durch die Arcisstraße nicht weit vom Konsulat läuft. Ein sogenanntes Repetiergewehr ist es, ein am Lauf befestigtes Bajonett soll es noch gefährlicher machen. Die Streife verliert den Verdächtigen wieder aus den Augen.

    Täter verwechselte das Generalkonsulat wohl mit dem NS-Dokumentationszentrum

    Es ist der 18-jährige Österreicher Emrah I. Er irrt umher, schießt zweimal auf das NS-Dokumentationszentrum. Offenbar hat er das Gebäude mit dem Generalkonsulat verwechselt. Dann zerschießt er das Fenster eines Universitätsgebäudes. Als Nächstes geht er zum Israelischen Generalkonsulat und versucht, über ein Auto den Zaun um das hoch gesicherte Gebäude zu erklimmen. Das klappt nicht, der Attentäter begibt sich nun zur Hauptzufahrt des Konsulats. Dort sticht er mit dem Bajonett auf ein Symbol des Staates Israel ein, das an einer Art Klingelkasten befestigt ist. Mit der Stichwaffe beschädigt er auch das Fenster zum Wachraum. Die Polizisten, die dort Schicht haben, suchen zu diesem Zeitpunkt draußen nach dem Verdächtigen. Er schießt auch auf ein Nebengebäude des Konsulats.

    In einem kleinen Park gelingt es der Polizei, den Täter zu stellen. Er stirbt, nachdem er mindestens elfmal seine Waffe abgefeuert hat, zum Schluss in Richtung der fünf Beamten. Sein Körper ist durchsiebt von 14 Polizeikugeln. Emrah I., ein Außenseiter, ein instabiler junger Mann. Ein Waffenfan, der sich in einen kompromisslosen muslimischen Glauben hineinsteigerte. Sein Hauptmotiv, das teilt die Generalstaatsanwaltschaft nach Abschluss ihrer Ermittlungen mit, ist aber nicht Islamismus, sondern Hass auf Israel.

    Polizisten am 5. September 2025 in München am Anschlagsort. Auch auf das NS-Dokumentationszentrum schoss der Täter, das Konsulat befindet sich im Hintergrund.
    Polizisten am 5. September 2025 in München am Anschlagsort. Auch auf das NS-Dokumentationszentrum schoss der Täter, das Konsulat befindet sich im Hintergrund. Foto: Peter Kneffel, dpa

    Für die Jüdinnen und Juden in München ist die Bedrohung damit nicht vorbei. Sie ist heute noch ausgeprägter als vor einem Jahr - auch wenn rund um den Anschlagsort gerade nichts davon sichtbar ist. Kurz vor dem Jahrestag schlendern Studierende über den Parkplatz zwischen dem IGK und dem NS-Dokumentationszentrum, auf dem am 5. September 2024 auch der Schütze umherirrte. Die Sonne scheint, im Lenbachhaus ganz in der Nähe genießen die Menschen den Nachmittag, trinken Kaffee auf der Terrasse.

    Die jüdische Mutter Chaja Lichtental ist eher selten in der Gegend um das Generalkonsulat. Eigentlich nur, wenn sie selbst dort etwas Behördliches erledigen muss oder ein Familienmitglied dorthin begleitet. Aber ihr Mann arbeitet nicht sehr weit entfernt. Von dem Anschlag erfährt sie am 5. September von Familie und Freunden. „Sie fragten, ob bei uns alles in Ordnung sei. Dann habe ich meinen Mann kontaktiert.“ Bei ihm war alles gut.

    Trotzdem fühlt Chaja Lichtental sich oft unsicher. „Sobald meine Kinder allein unterwegs sind oder wir als Familie auf dem Weg in Richtung Synagoge sind, dann ist es angespannt“, erzählt sie. „Man spürt die Blicke, manchmal konkret feindselig, manchmal nur neugierig.“ Ab und zu gebe es aber auch aufmunternde Worte, zum Glück.

    2024 registrierte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Bayern 1515 antisemitische Vorfälle - fast eine Verdoppelung im Vergleich zum Vorjahr und eine Verdreifachung zu den Jahren vor dem Nahost-Krieg. Etwa 550 Taten lagen im strafbaren Bereich: Körperverletzung, Sachbeschädigung, Bedrohung und als trauriger Höhepunkt der Terroranschlag im Herzen Münchens.

    Am Eingang zum Generalkonsulat beschädigte der Täter mit seinem Bajonett dieses Schild.
    Am Eingang zum Generalkonsulat beschädigte der Täter mit seinem Bajonett dieses Schild. Foto: Stefan Puchner, dpa

    Bei der dreifachen Mutter lösen diese Zahlen keine große Überraschung aus. „Seit dem 7. Oktober 2023 ist es viel mehr geworden.“ Es war der Schwarze Schabbat, der Tag des Massakers der Hamas im Süden Israels, bei dem auf dem Supernova-Festival und in den Kibbuzim rundherum 1200 Menschen starben und 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Seit fast zwei Jahren dauert der daraus resultierende Krieg nun an. Mehr als 60.000 Menschen sind schwer zu überprüfenden Zahlen zufolge dabei schon gestorben.

    In Bayern hat RIAS bei etwa 80 Prozent aller antisemitischen Vorfälle auch Hass auf Israel als Motiv ausgemacht. „Wir hatten alles“, sagt Chaja Lichtental. Menschen hätten auf der Straße vor ihnen ausgespuckt, sie als Kindermörder bezeichnet, ihr Kind gefragt, wie viele Kinder die israelische Armee heute Nacht wieder getötet habe. Dazu die Drohgebärden in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

    „Es ist sehr problematisch, dass Leute keine Trennung vornehmen zwischen dem Staat Israel und der jüdischen Gemeinschaft hierzulande.“

    Talya Lador-Fresher, Generalkonsulin

    Generalkonsulin Talya Lador-Fresher wird von Securitys vor solchen Anfeindungen geschützt. Wer zu ihr will, muss eine Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen, strenger als am Flughafen. Sie fasst an die gelbe Schleife, die sie an ihren Pullover geheftet hat. Die Schleife ist zum Symbol für die Geiseln geworden, von denen sich etwa 50 noch in den Händen und Tunneln der Hamas befinden. Mitgliedern der jüdischen Community rät sie, im Zweifel nicht mit diesem Anstecker auf die Straße zu gehen, auch nicht mit der Kippa oder einer Davidstern-Kette.

    „Ja, natürlich kann man Israel kritisieren“, sagt sie. „Ich bin eine israelische Diplomatin. Ich bin bereit für diese Gespräche. Aber eine jüdische Mutter hier in München, mit einem Kindergartenkind vielleicht, ist die falsche Zielscheibe für Anfeindungen und Kritik.“ Lador-Fresher nennt es sehr problematisch, dass viele „keine Trennung vornehmen zwischen dem Staat Israel und der jüdischen Gemeinschaft hierzulande“.

    In mehreren Städten in ganz Deutschlands tauchten in den vergangenen Monaten anti-israelische und pro-palästinensische Graffitis auf. Das rote Dreieck ist das Zeichen der Hamas.
    In mehreren Städten in ganz Deutschlands tauchten in den vergangenen Monaten anti-israelische und pro-palästinensische Graffitis auf. Das rote Dreieck ist das Zeichen der Hamas. Foto: Bernd von Jutrczenkad, pa

    Selbst in Israel gehen mittlerweile Zehntausende Menschen gegen die Kriegsführung des Regierungschefs Benjamin Netanjahu auf die Straße, fordern ihn zu einer Waffenruhe auf. Die Generalkonsulin nimmt einen Schluck Tee. Sie redet viel in diesen Monaten, vor allem über Gaza. Wenig überraschend lässt sie auf die Regierung nichts kommen: In den Medien sehe sie eine Menge „Fehlinformationen“. Und auf Portalen wie Instagram und Tiktok sei es noch viel schlimmer. „Deshalb gibt es Leute wie den Attentäter, der ja offensichtlich vor allem durch soziale Medien radikalisiert wurde. Und der dann wirklich geglaubt hat, wir Juden sind der Teufel, den man töten muss.“

    Chaja Lichtental möchte solchen Meinungen etwas entgegensetzen. Sie ist Ehrenamtliche bei„Meet a jew“, auf Deutsch: „Lerne einen Juden kennen“, einer Initiative des Zentralrats. Sie geht an Schulen, erzählt von ihrem Alltag als Jüdin, von jüdischen Bräuchen und den Gemeinsamkeiten, die etwa Juden und Muslime teilen. Seit dem 7. Oktober 2023 engagiert sie sich dort noch mehr als zuvor. Das ist ihr Versuch, gegen den Antisemitismus anzukommen.

    Ihr ältester Sohn hat die Hoffnung aufgegeben, dass alles Engagement etwas bringt. Deshalb hat er sich für Aliyah entschieden. So nennt man im Judentum die Rückkehr von Jüdinnen und Juden ins Heilige Land. Chaja Lichtental kann seine Entscheidung nachfühlen. „Als Mutter ist es sehr schwer“, gesteht sie. „Aber ich verstehe ihn zu hundert Prozent und unterstütze ihn.“

    Ein paar Tage später wird ihn die Familie gemeinsam am Flughafen in Berlin verabschieden. Dann hebt sein Flugzeug ab nach Tel Aviv. Er ist einer von Tausenden, die in den vergangenen Monaten nach Israel eingewandert sind.

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