Wenn Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind, spricht die Kriminologie von Femiziden. Auch der Fall aus Thannhausen, der nun vor Gericht verhandelt wird, fällt unter diese Kategorie: Dort soll ein 55-Jähriger seine Ehefrau getötet haben. Offiziell werden diese Taten allerdings nicht erfasst. Die Aktivistinnen hinter dem Instagram-Kanal „Femizide_stoppen“ haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Lücke zu schließen: Jedes Jahr veröffentlichen sie die Taten, die in Deutschland begangen wurden. Ein Blick auf die Auflistung zeigt, wie es um den Freistaat steht.
„Uns hat eine öffentliche Einordnung gefehlt“, erklärt Lilly von „Femizide_stoppen“. Sie hat die Seite 2022 mit ihrer Freundin Saskia ins Leben gerufen, nachdem ihre gemeinsame Freundin Derya sowie deren kleiner Sohn Kian bei einem Femizid getötet worden sind. Beide Frauen treten nur mit ihren Vornamen in der Öffentlichkeit auf. „Wir haben uns damals mit unseren Fragen und unserem Schmerz allein gefühlt“, so Lilly. Offizielle Zahlen und Solidarisierung habe es nicht gegeben. Da Lilly sogenannte Femizid-Zähler bereits aus Südamerika und der Schweiz kannte, entschlossen die Freundinnen sich, selbst aktiv zu werden.
Was ist ein Femizid?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt Femizide als Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Femiziden gehen oft Taten wie Misshandlungen, Einschüchterungen oder sexualisierte Gewalt voraus. Zudem gelten sie als Ausdruck von patriarchalen Vorstellungen und Strukturen, die Frauen benachteiligen. In Deutschland sind sie bislang kein eigener Straftatbestand.
Unzureichende Statistik: Femizide bleiben oft unsichtbar
Tötungen von Frauen durch (Ex-)Partner werden in Medien oft als „Partnerschaftstötung“ oder „Familiendrama“ bezeichnet, auch rechtlich ist der Begriff Femizid in Deutschland nicht verankert. „Der Femizidbegriff ist bei uns bisher vor allem ein soziologischer Begriff, juristisch wird er erst, wenn er im Gesetz steht“, erklärt Konstanze Jarvers vom Max-Planck-Institut. Seit 2023 forscht sie in einem Projekt zu den Möglichkeiten der Bestrafung des Femizids. Bis 2026 wollen sie und ihre Kolleginnen untersuchen, wie ausgewählte Rechtssysteme den Femizid behandeln und inwiefern eine rechtliche Verankerung in Deutschland funktionieren könnte. Bisher haben vor allem lateinamerikanische Staaten eigene Femizid-Tatbestände, in Europa sei das nur vereinzelt der Fall, so Javers. Insgesamt sei der Femizidbegriff juristisch schwer zu fassen. „Es wird immer Lücken geben“, sagt die Forscherin.
Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) fehlt zudem „bislang eine bundeseinheitliche Definition von Femiziden“. Zwar veröffentlichte das BKA 2024 erstmals ein Lagebild über „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“, als Femizide gelten dort allerdings alle Tötungsdelikte gegenüber Frauen, unabhängig von Motiv und Umständen der Tat. Diese Daten können daher nicht als „Femizide im Sinne des allgemeinen Verständnisses Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist, interpretiert werden“, heißt es im Bericht des BKA.
Elf Frauen wurden in diesem Jahr in Bayern bei Femiziden getötet
Lilly und das Team von „Femizide_stoppen“ möchten Abhilfe schaffen: Seit knapp vier Jahren informieren sie nun auf ihrem Kanal über die Frauen, die in Deutschland getötet wurden, einfach weil sie weiblich waren. In diesem Jahr waren das nach ihrer Zählung bisher 73 Frauen – elf davon in Bayern. Das bedeutet: Jeden Monat wird im Freistaat mindestens eine Frau von einem Mann ermordet. Unter den 73 bisher erfassten Femiziden auf der Seite von „Femizide_stoppen“ wurden elf an folgenden Orten in Bayern verübt:
- Kochel am See (24.01.2025)
- Kulmbach (02.03.2025)
- Thannhausen (19.03.2025)
- München (März 2025)
- Würzburg (08.04.2025)
- Waldaschaff (20.05.2025)
- München (08.06.2025)
- Krailling (14.06.2025)
- Alzenau (26.06.2025)
- Lauben im Allgäu (05.08.2025)
- Nürnberg (04.09.2025)
Der Mord an der Mutter Nina H. aus Augsburg-Haunstetten befindet sich (noch) nicht auf der Liste. „Wir haben eine eher konservative Zählung“, erklärt Lilly von „Femizide_stoppen“. Um in die Liste aufgenommen zu werden, müssten entweder die Beziehung von Täter und Opfer oder das Motiv bekannt sein. Solange diese Informationen öffentlich nicht bekannt sind, listen sie die Fälle nicht. So erklärt die Aktivistin Abweichungen im Vergleich zu anderen Zählungen: „Bei der internationalen Kampagne One-Billion-Rising sind es dieses Jahr zum Beispiel schon mehr“, erklärt Lilly. Sollten sich in dem Mordfall Nina Neuigkeiten ergeben, werde das Team von „Femizide_stoppen“ den Fall nachtragen.
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