Markus Söder ist seit jeher ein Mann für die Attacke. Einer, der sich im Zweifel immer für die Vorwärtsverteidigung entscheidet. Kritik im Keim ersticken, Herr der Lage bleiben, zumindest nach außen hin. Umso bemerkenswerter ist dieses kurze Video. Gerade einmal 55 Sekunden dauert das Statement, das der CSU-Vorsitzende am späteren Montagabend postet. Vormittags hatte er bereits eine Pressekonferenz gegeben. Nannte allerlei Gründe, warum die Kommunalwahl für seine Partei so ausgegangen sei, wie sie ausging: miserabel. Schrotflintentaktik. Nun also noch ein kurzes Video für die Sozialen Netzwerke. Das normale Business? Eben nicht! Denn Söder tut etwas, was er ganz selten macht: Er rudert – und zwar zurück.
Will die CSU-Spitze künftig die Bürgermeisterkandidaten aussuchen?
„Natürlich werden auch Kandidaten weiterhin vor Ort ausgesucht. Falls das in irgendeiner Form zu Missinterpretationen geführt hat – natürlich bleibt es dabei“, sagt der 59-Jährige in die Kamera seines Smartphones. Und man fragt sich: Sollte das nicht eh eine Selbstverständlichkeit sein? Ist es in diesem Moment nicht. Und schuld daran ist der Parteichef selbst. Schließlich hatte er in jener Pressekonferenz am Vormittag noch angekündigt, die Aufstellungen der Kandidatinnen und Kandidaten müsse „noch einmal grundlegend überlegt werden“ und könne eben nicht nur in den Kommunen getroffen werden. Söder kündigte an, die Kandidatenkür müsse „zumindest begleitet werden von hier aus“ – also aus der Parteizentrale. Die CSU-Spitze will sich also künftig einmischen, wer wo als Bürgermeisterin oder Landrat kandidiert?
Viele Kommunalpolitiker empfinden das als Affront. In den Kreisverbänden machen diese fast beiläufig dahingesagten Sätze schnell die Runde. „Da hat jeder nur noch gekotzt“, berichtet ein führender CSU-Kommunalpolitiker. Die Kandidaten sollen also verkehrt gewesen sein, nicht die Politik, nicht die Themen, nicht die Strategie?
Politologin Münch: „Kann an der Basis zu gewisser Bockigkeit führen“
Nach Einschätzung der Politologin Ursula Münch bewegt sich Söder nach der Kommunalwahl ohnehin auf oblatendünnem Eis. „Wenn die CSU-Ergebnisse auf allen Ebenen nicht stimmen, kann das an der Basis auch zu einer gewissen Bockigkeit führen. Weil die Leute im Wahlkampf, im Kontakt mit den Leuten, ja gespürt haben, dass sie dafür in Mithaftung genommen wurden, was in München oder Berlin schiefläuft, wo die CSU nun mal regiert“, sagt sie unserer Redaktion.
Und tatsächlich spürt man hinter den Kulissen auch am Dienstag eine Mischung aus Frust und Ratlosigkeit. Gerade bei denen, die in den Stichwahlen überraschend aus dem Amt gefegt wurden. Lag es tatsächlich nur an ihnen selbst? An eigenen Fehlern? Wähnten sie sich zu sicher? Oder wog doch der Vertrauensverlust in die Politik insgesamt – auch in Söders Politik – schwerer als der vermeintliche Amtsbonus?
Der Parteichef merkt schnell, dass ihm wenig Zeit bleibt, um die Geschichte mit den vermeintlich falsch ausgesuchten Kandidaten wieder einzufangen. Einige Vertraute warnen ihn noch vor, da schlägt ihm bereits der Unmut von der Basis entgegen. CSU-Leute werden später berichten, Söder sei es wichtig gewesen, dass seine abendliche 55-Sekunden-Klarstellung über Chatgruppen und Mailverteiler bis hinunter in die Ortsverbände geteilt und verbreitet wird. Manche werten das Video als Entschuldigung. Schadensbegrenzung.
Hat die CSU das Gespür für das Land verloren?
Söders Macht sieht die Politikwissenschaftlerin Münch aktuell nicht gefährdet, ungemütliche Wochen erwartet sie allerdings durchaus für ihn: „Man muss jetzt sicher nicht den Untergang des CSU-Chefs herbeireden. Aber die Kommunalwahl ist schon ein Warnzeichen für Markus Söder. Der Unmut und vor allem die Nervosität innerhalb der Partei, an der Basis, wird sich jetzt in ganz Bayern ausbreiten. Die CSU hat offenkundig ein Stück weit das Gespür dafür verloren, was die Menschen auf dem Land, in den Gemeinden wirklich umtreibt, was sie erwarten.“
Auch im CSU-Vorstand sind einige irritiert von Söders Reaktion auf die verpatzte Wahl. Er versuche, das Debakel kleinzureden, sagt ein Mitglied der Führungsmannschaft. „Da war keine Selbstreflexion da, keine Form von Demut.“ Ein anderer einflussreicher CSU-Mann konstatiert: „Er sucht bei allen die Schuld, nur nicht bei sich selbst. Vielleicht sollte er weniger Bratwurstsemmeln verteilen und über die Grünen schimpfen und stattdessen mehr über unsere Politik reden.“ Der Vollständigkeit halber: Söder hat im Wahlkampf nicht nur Bratwurst-, sondern auch Leberkässemmeln, Burger und Döner verteilt, was freilich nichts am Gesamtbefund ändert. Die Menschen in Bayern scheinen nicht mehr so genau zu wissen, wofür die CSU steht.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren