Ein Mädchen steht in einer geräumigen Wohnküche, brät Essen an. Um die Ecke sitzt ein Junge in einer Couchecke und schaut fern. Dann schaltet er aus, er hat Hunger. „Was ist denn heute los mit euch, sonst fangen wir doch immer pünktlich mit Essen an?“, fragt er und klatscht mit einem Betreuer ab. In einer Wohngemeinschaft wie dieser finden seit Jahren immer mehr Kinder in Bayern ein zweites Zuhause. Ein Neunjähriger gibt Einblicke in seinen Alltag.
„Am Wochenende kochen wir zusammen und am Mittwoch gibt es eine Gesprächsrunde, bei der wir alles besprechen“, sagt er. In der achtköpfigen Wohngemeinschaft in Augsburg kommen dabei wie in jeder Familie ganz alltägliche Probleme auf: „Zum Beispiel, wenn einer den Joghurt vom anderen aus dem Kühlschrank weggegessen hat“, erklärt der Junge. Auch Gruppenausflüge werden geplant. „Zum Beispiel ins Kino.“ Filme schauen und Fußball spielen, das vermittelt dem Jungen Normalität. Seit gut einem Jahr lebt er auf dem 10.000 Quadratmeter großen Areal des Evki-Kinderhauses in Augsburg, als eines von 600 Kindern insgesamt. Die Abkürzung Evki steht für Evangelisches Kinder- und Jugendhilfezentrum.
Zahl der hilfsbedürftigen Kinder stieg in zehn Jahren stark
Rund 5700 Kinder wurden in Bayern im Jahr 2024 von den Jugendämtern in Obhut genommen. Davon kamen 2831 Kinder als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland. Weitere 1327 Kinder sind wegen Überforderung der Eltern in einer pädagogischen Einrichtung oder bei Pflegeeltern untergebracht. Auch Vernachlässigung, körperliche und psychische Misshandlung spielen laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik eine zunehmend große Rolle. 2024 waren rund 1000 Kinder mehr als noch 2014 auf Hilfe angewiesen. „Manche Kinder haben noch nie ein eigenes Bett gehabt, andere haben sogar die Eltern verloren“, sagt Sigrun Maxzin-Weigel, die das Kinderhaus leitet.
Ulrike Ricaldi leitet die heilpädagogischen Wohngruppen des Evki. Sie erzählt von einem Jungen, der bereits als Achtjähriger allein nach Deutschland gekommen sei. Heute hat er sich in sein Zimmer zurückgezogen, will niemanden sehen. „Immer wieder hat er Hoffnungen gehegt, dass die Familie zusammenkommen kann, und immer wieder wurden diese Hoffnungen enttäuscht“, erklärt Ricaldi. Die Eltern des Jungen sitzen in der Türkei fest. Seit vier Jahren ist er von ihnen getrennt und sie von ihm. Wie lange er noch bleibt, ist ungewiss.
Fast ausgewogen ist die Zahl der Kinder, die 2024 in Bayern kurzfristig oder langfristig in Schutzstellen unterkommen sind. Zu den Kindern mit Langzeit-Betreuungs-Bedarf gehört auch der Neunjährige. In seinem Zimmer liegen die Hausaufgaben auf dem Schreibtisch, auf dem Regal stehen Transformer-Figuren. Vom Bett aus blickt er auf eine Wiese. „Mit seinen neun Jahren ist er der Jüngste in der Wohngruppe, die älteste ist 17“, so Ricaldi. Wer gegessen und Hausaufgaben gemacht hat, hat eine Stunde Medienzeit pro Tag. Der Neunjährige spielt dann Minecraft: „Ich sammle Diamanten, damit ich mir daraus eine härtere Rüstung machen kann“, sagt er. Im Computerspiel hat er viele Leben, weicht spielend Gefahren aus, anders als in der Realität.
Der Betreuer ist im Evki-Kinderhaus Elternersatz
Begleitet von seinem Betreuer Julian Schwindl verlässt der Neunjährige sein Zimmer, vorbei an einem Schwimmbecken und einem Basketballfeld. Der 25-jährige Betreuer bleibt dicht bei ihm, auch als sie sich hinsetzen, bleibt nur eine kleine Lücke zwischen den Ellbogen der beiden. „Ich bin wie ein Elternteil, aber mit mehr Distanz“, sagt er. Der Junge grinst: „Ich mag Julian, weil er Schmarrn macht. Manchmal mopst er Essen vom Teller weg und ich hole es mir wieder.“ Die großen Augen strahlen einen Moment lang.
„Inobhutnahmen werden im Vergleich zu ‚regulären Aufnahmeanfragen‘ des Jugendamts tendenziell häufiger“, sagt die Leiterin des Evki. Sie meint damit, dass die Kinder auf zweierlei Art ins Evki oder vergleichbare Einrichtungen gelangen können. Entweder, weil die Sorgeberechtigten beim Jugendamt selbst Hilfe suchen. Oder, weil das Kind akut gefährdet ist und schneller Handlungsbedarf besteht.
Während viele Kinder am Wochenende zu den Eltern fahren, bleibt der Neunjährige im Kinderhaus. Er hat keinen Kontakt zur Mutter. Die spiele die Geschwister gegeneinander aus und übe Druck und Gewalt aus. Durch diese Erfahrungen hat der Junge früh gelernt, den Schein nach außen zu wahren, Kleidung adrett zu bügeln und für Ordnung zu sorgen. Wenn Kinder die Aufgaben von Erwachsenen übernehmen, heiße das Parentifizierung, so Ricaldi. Für die Kinder bedeute das den Verlust einer unbeschwerten Kindheit. Umso wichtiger sei das Wissen, an einem sicheren Ort zu sein und geliebt zu werden, so Maxzin-Weigel. Sonst drohten gesundheitliche Folgen.
Je jünger ein Kind, desto verletzlicher ist es
Anne Sartor ist Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der KJF Klinik Josefinum in Augsburg. Sie erklärt, was für Betroffene am wichtigsten ist: „Schnelle Hilfe mit kurzen Wartezeiten.“ Allgemein gelte, je jünger ein Kind sei, desto verletzlicher sei es. Solche Kinder entwickelten „Ängste, Schreckhaftigkeit, Zurückgezogenheit, Hyperaktivität und Gereiztheit“. Das seien alles Anzeichen für Stress. Manche nässten sich auch wieder ein. Wer Gewalt über Jahre hinweg ausgesetzt sei, entwickele unter Umständen eine posttraumatische Belastungsstörung. „Betroffene wirken oft abgelenkt oder auffallend angespannt“, litten unter Schlaflosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten sowie Emotionsregulationsproblemen. Zudem hätten sie oft ein negatives Selbstbild.
Auf die Frage, worauf er stolz sei, fällt dem Neunjährigen nichts ein. Stattdessen erzählt er: „Abends treffen wir uns zum Fußballspielen, ich schieße den Ball dann ganz fest ins Kreuzeck aus Wut.“ Sport als Ventil für unterdrückte Gefühle. Dann plaudert er: „Ich mag Jamal Musiala wegen seiner Dribblings.“ Er klingt dabei wie viele andere Kinder in seinem Alter.
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