In Bayern und Schwaben liegen Orte, an denen Geschichte geschrieben wurde. Oft mit Folgen, die weit über ihre Grenzen hinausreichten und -reichen. Manche stehen für große politische Entscheidungen, andere für Entwicklungen, die das Leben der Menschen bis heute prägen. Einige dieser Orte und ihre Geschichten stellen wir hier vor.
Schlacht auf dem Lechfeld: Wie der Frieden kurz zurück nach Bayern kam
Am 10. August 955 entschied sich südlich von Augsburg eine Schlacht, die die Geschichte Mitteleuropas entscheidend verändern sollte: Der ostfränkische König Otto der Große gewann auf dem Lechfeld eine wichtige Schlacht. Die besiegten Gegner waren die Magyaren (Ungarn), die zuvor bereits seit fast 60 Jahren gegen das Ostfrankenreich gekämpft und Mitteleuropa geplündert hatten.
Der Sieg auf dem Lechfeld gilt als Wendepunkt, denn danach zogen sich die Magyaren weitgehend aus dem Gebiet zwischen Alpen und Donau zurück und ließen sich dauerhaft im heutigen Ungarn nieder. Ottos Macht wurde durch diesen größten Sieg seiner Herrschaft enorm gefestigt. Wenige Jahre später wurde er 962 zum römisch-deuschen Kaiser gekrönt. Für die Bewohner Bayerns und Schwabens kehrte nach langer Zeit erstmals wieder Frieden ein.
Übrigens: Einige Historiker sind der Meinung, dass die Schlacht nicht auf dem heutigen Lechfeld stattfand, sondern generell westlich von Augsburg. Unter dem Namen wurde sie dennoch berühmt – auch wenn sich das genaue Gebiet nicht durch eine ganz sichere Linie irgendwo im Gras belegen lässt.
Augsburg: Religionsfrieden, Fuggerei und Wasser
Wer nach Augsburg kommt, findet an jeder Ecke Geschichte. Doch drei Ereignisse prägten die Stadt ganz besonders. 1555 etwa wurde hier der Augsburger Religionsfrieden geschlossen. Er regelte erstmals das Zusammenleben von Katholiken und Protestanten im Heiligen Römischen Reich und brachte damit eine Phase vergleichsweise stabilen Friedens. Der Grundsatz „cuius regio, eius religio“ („Wessen Land, dessen Religion“) bestimmte ab diesem Zeitpunkt die Religion im Reich. So konnte jeder Landesherr selbst bestimmen, welche Konfession seine Untertanen zu befolgen hatten.
Doch Augsburg prägt nicht nur religiöse, sondern auch soziale Geschichte. 1521 ließ der Kaufmann Jakob Fugger die Fuggerei bauen, die älteste bis heute bestehende Sozialsiedlung der Welt. Noch immer leben dort bedürftige Menschen zu einer symbolischen Jahresmiete. Ganz unreligiös war und ist die Fuggerei ebenfalls nicht: Bis heute müssen die Bewohnerinnen und Bewohner katholischen Glaubens sein und täglich für die Stifter beten.
Ganz besonders und einzigartig ist außerdem das Wassermanagementsystem der Stadt. Es gilt als eines der ältesten dauerhaft funktionierenden Wassermanagementsysteme Europas. Hier wurden schon im Mittelalter Trink- und Brauchwasser getrennt, was für die Zeit sehr ungewöhnlich war. Über viele Jahrhunderte hinweg sicherte dieses System die Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner Augsburgs, konnte von Handwerk und Gewerbe genutzt werden und diente ab dem Zeitalter der Industrialisierung auch der Energiegewinnung. Das Wissen um und das Nutzen des Wassers machten Augsburg so zu einem Zentrum der Industrialisierung und ist bis heute eine Besonderheit, die die Stadt prägt.
Donauwörth: Kreuz- und Fahnengefecht
1606 und 1607 kam es in Donauwörth zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, die schwerwiegende Folgen für das ganze römisch-deutsche Reich hatten.
Der Rat der Stadt hatte sich früh der Reformation angeschlossen. Viele Einwohnerinnen und Einwohner waren zum Protestantismus konvertiert. Den verbliebenen Katholiken der Stadt gefiel das natürlich nicht. Im Zuge der Gegenreformation wurden die Konflikte der beiden Konfessionen immer stärker. An den Markusprozessionen 1606 und 1607 eskalierten schließlich die Konflikte. Katholiken zogen mit fünf Benediktinermönchen singend und mit wehenden Fahnen durch die Stadt. Davon fühlten sich die Protestanten so provoziert, dass es schließlich zu einer Prügelei kam. Im Folgejahr wiederholte sich die Auseinandersetzung.
Der Konflikt hatte nicht nur für Donauwörth Folgen. Für die Stadt selbst wurde nach dem zweiten Konflikt die sogenannte „Reichsacht“ verhängt. Maximilian von Bayern besetzte Donauwörth, es verlor den Status als freie Reichsstadt, wurde Teil des Herzogtums Bayern und betrieb eine Rekatholisierung der Einwohner, von denen viele deshalb Donauwörth verließen. Darüber hinaus verschärfte sich deutschlandweit der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Andere zerstrittene protestantische Reichsstädte gründeten gemeinsam die Protestantische Union, um sich gegen die Katholiken zu wehren. Das ebnete schließlich den Weg in den Dreißigjährigen Krieg.
Nördlingen: Die große Schlacht von 1634
Eine der bedeutendsten Schlachten dieses Krieges fand unweit von Donauwörth in Nördlingen statt. Hier trafen im September zwei große Heere aufeinander: Auf der einen Seite die schwedisch-protestantischen Truppen, auf der anderen Seite ein Bündnis aus kaiserlichen, bayerischen und spanischen Soldaten, die auf katholischer Seite standen. Diese belagerten zuvor die Stadt. Die Schweden wollten die Stadt von der Belagerung befreien, hatten jedoch das gegnerische Heer stark unterschätzt.
Am 6. September 1634 fiel die Entscheidung. Die Protestanten hatten das gut positionierte kaiserlich-spanische Heer im Vorfeld angegriffen, konnten deren Stellung aber nicht durchbrechen. Die Angriffe scheiterten mehrfach. Als die schwedischen Truppen sich schließlich zurückziehen wollten, eskalierte die Lage. Die Armee wurde auseinandergerissen, viele Soldaten wurden gefangen genommen oder getötet. Ihre Stellung in Süddeutschland brach danach praktisch zusammen.
Die Folgen reichten weit über die Region hinaus: Viele Verbündete der Schweden wandten sich ab, es kam schließlich zum Prager Frieden (1635), der schwedische und auch französische Truppen aus dem Reichsgebiet vertreiben sollte. Doch der Krieg war damit nicht beendet, denn sowohl Schweden als auch Frankreich führten ihn weiter. 13 weitere Jahre sollte es dauern, bis der Dreißigjährige Krieg mit dem Abschluss des Westfälischen Friedens vorbei war.
Ulm: Einstein, weiße Rose und der höchste Kirchturm der Welt
Ulm liegt zwar in Baden-Württemberg, ist als Zwillingsstadt von Neu-Ulm jedoch auch für Bayerisch-Schwaben von Bedeutung. Angefangen beim Turm des Ulmer Münsters, der bis zum 20. Februar 2026 mit 161,53 Metern der höchste Kirchturm der Welt war und Ulm internationale Berühmtheit einbrachte. Schon 1377 wurde der Grundstein im damals noch römisch-katholischen Ulm gelegt und 1890 als evangelische Kirche vollendet.
Doch Ulm hat auch noch darüber hinaus große historische Bedeutung. 1879 wurde hier Albert Einstein geboren. Und auch wenn er den Großteil seines Lebens anderswo verbrachte, blieb die Stadt immer ein wichtiger Teil seiner Herkunft.
Länger in Ulm lebten hingegen Hans und Sophie Scholl. Beide verbrachten hier große Teile ihrer Jugend. Später wurden die Geschwister zu zentralen Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Ihr Widerstand gegen das NS-Regime machte sie bis heute zu Symbolen für Zivilcourage und Mut.
Landsberg am Lech: Wo das Dritte Reich auf Papier kam
Auch Landsberg am Lech in Oberbayern ist mit einem Ereignis verbunden, das weit über die Region hinaus Bedeutung hatte und bis heute nachwirkt. Nach dem gescheiterten Hitlerputsch im November 1923 wurde Adolf Hitler zu einer Haftstrafe verurteilt und 1924 im Gefängnis Landsberg inhaftiert.
In dieser Zeit verfasste er große Teile seines Buches „Mein Kampf“, in dem er seine politischen Ideologien und Vorstellungen auf Papier brachte. Das Buch wurde später zur zentralen Grundlage der nationalsozialistischen Propaganda und Politik. Die Haft in Landsberg gilt deshalb als die Phase, in der seine Ideen erstmals systematisch formuliert und verbreitet wurden. Und so ging Landsberg in einen unbequemen Teil der deutschen Geschichte ein, auch wenn die entscheidenden Ereignisse zur Gründung des Dritten Reichs und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges außerhalb der Stadt stattfanden.
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