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KI-Fabrik in München: Wie Deutschland sich gegen Google & Co behaupten will.

KI-Industrie

Das Milliarden-Ding im Keller: So beginnt in München Europas KI-Aufholjagd

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    Ein Roboter drückte symbolisch den Startknopf für die KI-Fabrik. Das Gemeinschaftsprojekt von Telekom, Nvidia und SAP hat gut eine Milliarde Euro gekostet.
    Ein Roboter drückte symbolisch den Startknopf für die KI-Fabrik. Das Gemeinschaftsprojekt von Telekom, Nvidia und SAP hat gut eine Milliarde Euro gekostet. Foto: Deutsche Telekom

    Die Fabrik für die Zukunft ist ein garstiger Ort. Laufen die Maschinen auf Hochtouren, kreischen sie so laut wie Motorsägen, die Temperaturen in ihrem Umfeld erreichen an die 40 Grad. Welcher Mensch will an diesem Ort schon gerne länger arbeiten? Nun, allzu oft sollen allzu viele auch nicht hinter die eineinhalb Meter dicken Stahlbetonmauern kommen, nachdem sie zuvor einen knapp 50 Meter langen Tunnel unter dem Münchner Eisbach hindurch passiert haben. Der Zugang zu dem sechs Stockwerke tief ins Erdreich ragenden Betonklotz wird künftig über eine kleine Schleuse abgewickelt. Dahinter geht es bis zu 30 Meter tief zu den vier Hallen mit 10.000 Grafikprozessoren: Deutschlands erste KI-Fabrik, eine der größten Europas. KI steht für künstliche Intelligenz. Um sie arbeiten zu lassen, braucht es an diesem Ort vielleicht 40, 50 Menschen.

    Der Telekom-Chef spricht vom „Rettungsanker für die deutsche Industrie“

    Für den Chef der Deutschen Telekom ist der Rechner-Park im Untergrund nichts weniger als der Rettungsanker für die deutsche Industrie und den Mittelstand, deren Stärke dem Land Jahrzehnte lang Wohlstand beschert haben. Eine Nummer kleiner macht es Tim Höttges an diesem Tag nicht. Zum offiziellen Start der KI-Fabrik am Mittwoch sind Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit seinem halben Kabinett gekommen, schließlich haben sich mit die renommiertesten deutschen Unternehmen hier zusammengetan: Europas größtes Softwareunternehmen SAP ist ebenso mit von der Partie wie Siemens. Gut eine Milliarde Euro hat das Vorhaben gekostet. „Wir beweisen hier, dass Europa auch Künstliche Intelligenz kann“, sagt Höttges und weiß natürlich, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Ohne die Chips des US-Herstellers Nvidia würde das Gemeinschaftsprojekt nicht funktionieren.

    Der Mensch träumt schon lange von denkenden Maschinen. Ende des 18. Jahrhunderts erregte der Erfinder Wolfgang von Kempelen mit einem Schachautomaten Aufsehen. Der sogenannte Schachtürke des Österreichers war freilich ein rechter Schmäh, weil in seinem Innern ein Mensch saß. „Deep Blue“ dagegen war echt künstlich. 1997 schlug die Schachmaschine den damaligen Weltmeister Garry Kasparov und knapp 15 Jahre später begann die KI den Alltag der Menschen zu erobern. Leistungsstarke Prozessoren und Grafikkarten in Computern, Smartphones und Tablets machten die beliebten Sprachassistenten möglich: Apples „Siri“ kommt 2011 auf den Markt, 2014 stellt Microsoft die Software „Cortana“ vor und Amazon präsentiert 2015 den Sprachdienst „Alexa“. Noch einmal sieben Jahre später erobert ChatGPT den Markt, der wohl bekannteste Chatbot. Und das alles dürfte erst der Anfang gewesen sein. Denn KI, darin sind sich alle einig, die sich damit beschäftigen, ist dabei, die Welt in Windeseile zu verändern.

    Die USA haben 70 Prozent der KI-Rechenleistung

    Im Hintergrund stehen gewaltige Rechenzentren, so etwas wie die Gehirne der KI. 70 Prozent der weltweiten Rechenleistung für KI befinden sich in den USA, fünf Prozent in Europa. Und die Marktführer, die die Konkurrenz aus China fürchten, klotzen weiter. Im Wettlauf der KI-Entwickler hebt die Google-Mutter Alphabet ihre Investitionen massiv an. Für das laufende Jahr stellte der Konzern Kapitalausgaben zwischen 175 und 185 Milliarden Dollar in Aussicht. Das Geld dürfte unter anderem in Rechenzentren für Künstliche Intelligenz fließen. Im vergangenen Jahr hatte Alphabet gut 91 Milliarden Dollar investiert. Der Facebook-Konzern Meta wiederum will dieses Jahr 115 bis 135 Milliarden Dollar in KI stecken. Was dafür gekauft werden soll: jede Menge Computer-Kapazität.

    Serverschränke sind in einem Rechenzentrum der KI-Fabrik „Industrial AI Cloud“ der Telekom und Nvidia während der offiziellen Eröffnung zu sehen.
    Serverschränke sind in einem Rechenzentrum der KI-Fabrik „Industrial AI Cloud“ der Telekom und Nvidia während der offiziellen Eröffnung zu sehen. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Und mit diesen Riesen will die Telekom mit ihrem „KI-Fabrikchen“, wie es der Konzernchef selber nennt, nun mithalten? Das Rechenzentrum unter dem Münchner Tucherpark erhöht die in Deutschland verfügbare Rechenleistung für Künstliche Intelligenz mit einem Schlag um 50 Prozent. Was man damit anfangen kann? Der Speicherplatz würde genügen, um vier Millionen Spielfilme in HD-Qualität aufzubewahren. Oder - anderes Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie würden pro Sekunde eine Rechenaufgabe aus dem kleinen Einmaleins lösen, etwa „vier mal drei ist zwölf“. Und nicht nur Sie würden rechnen, sondern jeder andere Mensch auf der Welt. Würden das nun alle zusammen mehr als zwei Jahre lang tun . . . Das macht natürlich kein Mensch. Der Münchner Supercomputer würde es in einer Sekunde schaffen.

    Diese KI-Programme werden in München trainiert

    Die Maschine hat natürlich anderes zu tun. So trainiert sie derzeit für die Uni Hannover Soofi - wenn man so will, ist das Europas Antwort auf ChatGPT. Der eigentliche Schwerpunkt des Rechenzentrums soll es aber sein, deutschen Unternehmen zu dienen. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz sollen Fabriken entworfen, Produkte entwickelt oder die Arbeit von Maschinen überwacht werden: schneller, genauer und vor allem billiger, als der Mensch es könnte. Das Versprechen der Betreiber an die Kunden: Im Münchner Rechenzentrum sind ihre wertvollen Geschäftsgeheimnisse sicher. Die Telekom beruft sich dabei auf Zahlen, wonach aufgrund der geopolitischen Lage rund ein Fünftel der Unternehmen ihre geschäftskritischen und sensiblen Daten zurück aus der Cloud wieder lokal gespeichert hat. Das zeige, wie groß der Bedarf der Wirtschaft an Rechenkapazitäten sei, die nach europäischen Regeln betrieben werden. Die Erkenntnis der Europäer, dass es besser ist auf eigenen Beinen zu stehen, sie zeigt sich in diesen Tagen auf vielen Feldern: Eines davon liegt tief unter einer Wiese am Rande des Englischen Gartens.

    Am Tag der Eröffnung der KI-Fabrik in München ist jedenfalls viel von Daten-Souveränität und Daten-Sicherheit die Rede. Die Telekom-Manager tragen Polo-Shirts, weiße Turnschuhe und lässige Jacken - was in merkwürdigem Gegensatz zu dem staatstragenden Pathos steht, den sie an den Tag legen. „Das ist unser Beitrag für Made in Germany“, erklärt Vorstand Ferri Abolhassan. Auch er weiß natürlich, dass mit diesem Argument längst ein anderer Konkurrent aus den Startlöchern gekommen ist, der den Deutschen ebenso bekannt sein dürfte wie die Telekom - nur auf einem ganz anderen Feld.

    Die Lidl-Mutter investiert in ein noch größeres KI-Rechenzentrum

    Die Schwarz-Gruppe, die Muttergesellschaft von Lidl und Kaufland, investiert elf Milliarden Euro in ein neues Rechenzentrum in Lübbenau im Spreewald. Der erste Bauabschnitt der größten Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte soll bis Ende 2027 fertiggestellt werden. Das Rechenzentrum wird nach Angaben des Unternehmens im Regelbetrieb mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben. Die Anlage ist in zwei Bauabschnitten modular erweiterbar und soll bis zu 100.000 KI-Spezialchips (GPUs) bekommen. Zum Vergleich: Das Münchner Rechenzentrum hat 10.000 GPUs. Sein größter Vorteil ist die Geschwindigkeit, mit der es entstanden ist. Während im Spreewald noch gebaut wird, geht München ans Netz. Nicht einmal vier Monate dauerten die Bauarbeiten, und zu verdanken ist das einem Zufall.

    Der Münchner Tucherpark, eine aus den 1960er Jahren stammende Bürolandschaft im Grünen, ist derzeit eine riesige Baustelle. Auf 14 Hektar entstehen an die 600 Wohnungen, riesige Büroflächen, Restaurants, Kitas. Größte Baustelle ist das Hilton Hotel, das zu einem der modernsten Europas werden soll und dafür kernsaniert wird. Nicht weit von der Edel-Absteige entfernt geht es in einem Bürohaus 24 Stufen hinab, durch ein halbes Dutzend Stahltüren hindurch und dann in einem ersten Aufzug hinab, zu dem Tunnel unter dem Eisbach, der wiederum zu einem Rechenzentrum führt, für das es keine Verwendung mehr gab.

    Darum ist die KI-Fabrik in München

    Gebaut wurde es einst für die Hypovereinsbank, ein alter Schaltkasten aus der EDV-Steinzeit steht noch inmitten der neuen Technologie, die sich in abgetrennten schwarzen Kammern befindet, in deren Innern es so höllisch laut werden kann. In knapp vier Monaten entfernten 200 Arbeiter den alten Elektroschrott, zogen armdicke Kupferkabel heraus, verlegten 75 Kilometer Glasfaserkabel neu und installierten die neuen Server. 150 Lastwagenladungen an Material haben sie nach Unternehmensangaben durch den Tunnel geschafft. Als zusätzlicher Pluspunkt entpuppt sich die Lage am Eisbach. Dessen Wasser soll nämlich über Wärmetauscher die KI-Fabrik kühlen, später soll die Abwärme des Rechenzentrums Wohnungen im Tucherpark beheizen. Ebenfalls in Planung: ein Wasserkraftwerk. Der Eisbach stürzt mit 20.000 Liter in der Sekunde vorbei und soll so den Strom für die KI-Fabrik liefern. Denn die Versorgung mit Strom ist mit die größte Achillesferse der riesigen Rechenzentren.

    In München scheint das gelöst. Doch tatsächlich soll dieses Projekt nur die Visitenkarte für eine noch größere Hausnummer sein. Die Europäische Union will vier bis fünf KI-Gigafabriken erreichen, die eine etwa zehnmal größere Kapazität haben als das Münchner Milliarden-Ding. Sie sind dann auch zehnmal so teuer und brauchen wesentlich mehr Strom. Genau an diesem Punkt werde es problematisch, sagt Telekom-Chef Höttges. 80 Millionen Euro betragen seinen Angaben zufolge die Strom-Mehrkosten am Standort Deutschland im Vergleich etwa zu Finnland. Höttges lässt an diesem Tag durchblicken, dass die sogenannten Giga-Factorys, mit denen Europa aufschließen will zu USA und China und die sich die Europäische Union 20 Milliarden Euro kosten lassen will, aus seiner Sicht kein Selbstläufer sind. Neben einem günstigeren Strompreis fordert der Manager, dass sich die Staaten als Großkunden einbringen müssen, um die Rechenzentren auszulasten.

    In das Rechenzentrum sind Investitionen in der Höhe von über einer Milliarde Euro geflossen.
    In das Rechenzentrum sind Investitionen in der Höhe von über einer Milliarde Euro geflossen. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Die ersten Adressaten dieser Forderung sitzen in der ersten Reihe: Vize-Kanzler Klingbeil und Ministerpräsident Söder. Sie reagieren wohlwollend. Söder spricht sich für einen Industriestrompreis für Rechenzentren aus, Klingbeil kündigt an, die Bundesregierung werde in Kürze eine Strategie vorlegen, um mindestens eine Giga-Factory nach Deutschland zu holen. Zu hören ist, dass die Konkurrenten Telekom und Schwarz-Stiftung dabei durchaus zusammenarbeiten könnten. Offen ist, welche Chancen Schweinfurt hat, das Söder als Standort für die Gigafactory ins Spiel gebracht hat.

    Bei der Bewerbung um dieses europäische Großprojekt sei Deutschland gut beraten, die Einzel-Interessen seiner Regionen hintan zu stellen, sagt Lucy Czachowski, Expertin für KI-Infrastruktur beim Branchenverband Bitkom. „Eigentlich ist es egal, wo es steht. Hauptsache, es kommt.“ Im Wettbewerb um diese vier bis fünf Rechenzentren habe Deutschland zwei Standortnachteile: langwierige Genehmigungsverfahren und die hohen Strompreise. Das müssten Bund und Länder ändern. „Wir können es uns nicht leisten, bei den Themen Rechenzentren und KI abgehängt zu werden. Wir müssen hier deutlich aufholen.“ In München, so beschreibt es Telekom-Chef Höttges, geht es nun darum, laufen zu lernen für diesen Marathon.

    Klingt so, als würde es bald mächtig laut werden im KI-Keller.

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