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Berlin macht es vor: Deswegen ist „Faust“ in einfacher Sprache auch in Bayern sinnvoll

Kommentar

Bayern regiert an der Realität vorbei: „Faust“ sollte man in der Schule in einfacher Sprache lesen

Kilian Voß
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    Generationen von Schülerinnen und Schülern lasen Goethes „Faust“ im Unterricht. Doch der Umgang mit der Lektüre könnte sich auch in Bayern ändern.
    Generationen von Schülerinnen und Schülern lasen Goethes „Faust“ im Unterricht. Doch der Umgang mit der Lektüre könnte sich auch in Bayern ändern. Foto: Nicolas Armer, dpa

    „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn.“ Ich erinnere mich noch gut an den Eingangsmonolog aus Goethes Faust. In der zehnten Klasse war ich wohl der einzige Schüler im ganzen Kurs, der sich von diesem Epochalwerk nicht abschrecken ließ. Und trotzdem musste ich jede Seite zwei- bis dreimal lesen, um mir einen Reim auf Goethes Werk zu machen. Aber mit jedem Mal verstand ich es ein wenig besser. Ich konnte Zusammenhänge erkennen, die Handlung interpretieren und wichtige Passagen zusammenfassen. Solche Kompetenzen üben sich an Goethe und Lessing.

    Gerade deswegen besteht das bayerische Kultusministerium auf literarische Klassiker – „Kompetenzorientierung“. Aber wie gesagt, ich war einer der wenigen, die Goethe mochten. Für alle anderen war es eine Tortur: Die letzte Reihe verbrachte den Unterricht mental im Stand-by-Modus, die Stunde wurde von wenigen getragen, kaum einer lernte was. Hätte uns die Lehrerin den Zugang zum Goethe etwas erleichtert, wären Klausuren und Co. sicherlich besser ausgefallen. Und trotzdem wehrt sich das Kultusministerium vehement dagegen, dass Klassiker in einfacher Sprache zur Unterstützung herangezogen werden. Das widerspräche den „Anforderungen“.

    Deswegen ist Schiller, Goethe und Lessing in einfacher Sprache sinnvoll

    Wenn diese Anforderungen aber dafür sorgen, dass viele Schüler und Schülerinnen ihre Lernziele nicht erreichen, wird das Ziel klar verfehlt. Die Pisa-Studie zeigt, die schulische Leistung nimmt ab – und in Zeiten von Tiktok und Co. gleicht die Aufmerksamkeitsspanne mancher einem Sekundenschlaf. Aber wer glaubt, dass Herder oder Brecht das ändern könnten, muss von der Realität derbe enttäuscht sein. Lernbereitschaft entsteht aus Eigenmotivation. Deswegen ist es für den Lernfortschritt katastrophal, interessante Zugänge zu Goethe oder Lessing zu verwehren. Estland macht es vor: Hier steht schülerzentriertes und personalisiertes Lernen im Vordergrund. Bei der jüngsten Pisa-Studie schnitt das Land unter den europäischen Teilnehmern am besten ab.

    Im Übrigen: Es gibt auch tolle Illustrationen für Erwachsene. Da liest sich Dantes „Göttliche Komödie“ oder Shakespeares „Hamlet“ gleich viel einfacher. Oder ist man ein Dilettant, wenn man das Nibelungenlied auf Hochdeutsch, statt auf Mittelhochdeutsch liest? Denn vielen Schülerinnen und Schülern dürfte die Sprache im „Faust“ mindestens genauso fremd vorkommen. Deswegen verwenden auch in Bayern viele Lehrerinnen und Lehrer bereits lange literarische Klassiker in einfacher Sprache als Unterstützung – trotz der Vorgaben des Bildungsministeriums, welches versucht, an der Realität vorbeizuregieren.

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