Als der Helferkreis an diesem Abend in Memmingen zusammenkommt, geht es um die wichtigen Dinge. Um den Wohnraum, der so schwierig zu finden ist – erst recht für Geflüchtete. Um Deutschkurse, von denen es nach wie vor zu wenige gibt. Themen, die die Ehrenamtlichen der Freiwilligenagentur Schaffenslust, wo etwa 300 Flüchtlingshelferinnen und -helfer tätig sind, umtreiben. Die Stimmung an diesem Abend ist durchwachsen.
Siebeneinhalb Monate sind seit Beginn der russischen Invasion vergangen. Mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine sind seither nach Deutschland gekommen, allein in Bayern kamen mehr als 148.000 an. Zu Beginn war die Hilfsbereitschaft enorm, so viele wollten Gutes tun, sich etwa in Helferkreisen engagieren. Und heute?
Weniger Flüchtlingshelfer als noch zu Beginn des Kriegs in der Ukraine
In Memmingen sagt Isabel Mang, die Leiterin der Freiwilligenagentur Schaffenslust: „Es hat sich Ernüchterung breitgemacht. Darüber, dass der Krieg viel länger dauert als gedacht. Dass die Menschen länger dableiben.“ Das gilt nicht nur für die 648 Ukrainerinnen und Ukrainer, die die Stadt Memmingen aufgenommen hat, sondern auch für einen Teil der Helfer.
In Memmingen sind diese längst nicht nur bei der Freiwilligenagentur aktiv. Wie andernorts engagieren sich zahlreiche Privatleute. Ein neu gegründeter Verein will die Integration in der Stadt voranbringen. Trotzdem, stellt Mang fest, ist es schwerer geworden, Flüchtlingshelfer zu gewinnen.
Auch andernorts haben sich Helferkreise verkleinert oder aufgelöst. Ein Teil der Engagierten sei müde geworden, sagt Mang. „Manche haben einen Riesensprint hingelegt, hätten aber die Kraft für einen Marathon gebraucht.“ Etwa die Dolmetscher, von denen sich zu Beginn des Ukrainekriegs so viele gemeldet haben. Gut die Hälfte hat mittlerweile aufgehört, andere wollen kürzertreten. „Man schafft das nicht auf Dauer, sich ein bis zwei Tage die Woche komplett dafür freizuhalten“, erklärt Mang. Irgendwann sei der Punkt erreicht, wo man das nicht mehr stemmen kann. Wo die Energie fehlt. Oder man feststellt, dass Flüchtlinge sich selber helfen müssen, etwa mit Übersetzungs-Apps. Bei „Schaffenslust“ ist man bemüht, dass die Helferinnen und Helfer sich nicht mehr zumuten, als sie stemmen können. Seit 17 Jahren leitet Mang die Agentur, die Ehrenamtliche für unterschiedliche Bereiche gewinnen will. Es gibt Lesepatenschaften, Leute, die das Marionettentheater machen oder Senioren betreuen.
Ein Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe ist anspruchsvoll
Die Flüchtlingshilfe wiederum hat seit Herbst 2015, als innerhalb kürzester Zeit Zehntausende – vor allem aus Syrien - über die Grenze kamen, an Bedeutung gewonnen. Damals war der Ansturm an Ehrenamtlichen enorm, erinnert sich Mang. 305 neue Helfer kamen damals dazu, knapp 60 Prozent sind nach wie vor aktiv.
Manche allerdings können die Zeit nicht mehr aufbringen. Andere waren nicht vorbereitet darauf, was auf sie zukommt. „Flüchtlingshilfe ist wertvoll, aber auch komplex, mühsam, frustrierend.“ Weil mancher die Hilfe vielleicht nicht annehmen will. Oder jemand trotz aller Bemühungen abgeschoben wird. Weil es immer wieder Rückschläge gibt.
Zu Beginn des Ukrainekriegs steht das Telefon nicht mehr still in der Freiwilligenagentur. Die einen haben Betten, andere eine Einliegerwohnung. Noch größer als 2015 ist die Betroffenheit unter denen, die ehrenamtlich helfen wollen. Zugleich gibt es Unverständnis und Frust, dass Ukrainer besser gestellt sind als Asylbewerber. Dass sie Anspruch auf Hartz IV haben und in Deutschland arbeiten dürfen, während Syrer oder Eritreer oft langwierige Verfahren durchlaufen. Von „besseren Flüchtlingen“ ist immer wieder die Rede. Das sei nun mal die Rechtslage, die es den einen leichter macht als den anderen, sagt Mang. Doch auch viele Helfer verstehen diese Ungleichbehandlung nicht.
"Bessere Flüchtlinge"? Frust über Ungleichbehandlung von Ukrainern und Syrern
In Deutschland geht man davon aus, dass die Zahl der Flüchtlinge weiter steigen wird – nicht nur aus der Ukraine. Viele Kommunen tun sich schon jetzt schwer, die Menschen unterzubringen. Auch bei den Helferkreisen hat sich in diesem Punkt Ernüchterung breit- gemacht. Flüchtlingen bei der Wohnungssuche zu helfen, sei hoffnungslos, sagt Mang. „Es gibt einfach keine Wohnungen.“
Die Zeiten, in denen massenweise Privatleute ihre Einliegerwohnung im Keller oder ein möbliertes Zimmer zur Verfügung stellen, sind vorbei, berichtet Alexandra Hartge vom Europabüro der Stadt Memmingen. „Wir finden kaum noch Leute, die sich dazu bereit erklären.“ Immer mehr Ukrainer müssen in größere, kommunale Unterkünfte umziehen. Die Stadt hat leer stehende Bürogebäude angemietet oder ein Haus, das abgerissen werden sollte – Objekte, in denen mindestens 20 Personen unterkommen können. Doch je größer die Unterkünfte, desto eher gibt es auch Konflikte.
Trotzdem ist die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung nach wie vor groß. Rund 200.000 Euro wurden seit Beginn der Spendenaktion „Memmingen hilft“ gesammelt. Der Bürgermeister der Memminger Partnerstadt Tschernihiw, der zuletzt zu Gast in Augsburg war, ist dankbar dafür. Mit dem Geld sollen in der Stadt im Nordosten der Ukraine Wärmeräume für den Winter eingerichtet und Kabel beschafft werden, um die beschädigte Infrastruktur wiederaufzubauen. „Die Menschen dort“, sagt Hartge, „machen, was geht“.