Trotz allem kommt der Fall der Kühltürme unerwartet. Der Schall des Knalls, der die Sprengung ankündigt, ist langsamer als die zerstörerische Wirkung des Sprengstoffs. Noch bevor das Geräusch die Tausenden Schaulustigen erreicht, geht der erste Kühlturm in die Knie. Er fällt ein klein wenig schräg. Wäre man pathetisch, könnte man sagen: Er verneigt sich vor seinem langjährigen Zwilling. 15 Sekunden später der zweite Knall, der zweite Riese fällt. Niederlegen, so heißt das in der Sprache von Expertinnen und Experten. Das passt.
Alles läuft wie in Zeitlupe, geradezu friedlich. Ein tiefes Grollen begleitet das Ende. Kaum haben 56.000 Tonnen Stahlbeton den Boden erreicht, steigt eine graubraune Staubwolke auf. Den Großteil davon hat eine Wasserwand abgefangen, die zeitgleich mit dem Fall der Türme in die Luft geschossen wurde – und Regen von oben. Trotzdem legt sich etwas grobkörniger Staub auf die Gesichter derer, die am Rand des Sperrbereichs stehen, so nah es geht an dem Spektakel, mit dem in Gundremmingen (Kreis Günzburg) endgültig ein neues Zeitalter beginnt. Eines ohne Atomkraft.
Der Störer von Grafenrheinfeld ist auch in Gundremmingen
Einer will das immer noch nicht akzeptieren: „Atom-Andi“ ruft – in seiner signalgelben Kapuzenjacke unübersehbar – am Rand der Sperrzone Pro-Kernkraft-Parolen in sein Megafon. Er ist der einzige unter rund 30.000 Zuschauerinnen und Zuschauern, dem die Polizei drei persönliche Aufpasser zur Seite stellt. Bei der Sprengung der Kühltürme vergangenes Jahr am ehemaligen Kraftwerk Grafenrheinfeld (Unterfranken) hatte „Atom-Andi“ sich noch in die Verbotszone geschlichen, einen Strommast erklommen und die Niederlegung um eineinhalb Stunden verzögert.
Doch Andi ist ruhiger geworden – nicht nur, weil er seit ein paar Tagen Vater ist. Sondern vor allem, weil er wegen seiner letzten Aktion gerade vor Gericht stehe, wie er verrät. Es gehe um bis zu 35.000 Euro Schadensersatz, sagt der Aktivist aus Karlsruhe. 18.000 davon haben seine vielen Unterstützerinnen und Unterstützer durch eine Spendenkampagne schon vorgestreckt. „Die Kühltürme zu zerstören, ist kompletter Irrsinn“, findet der Mann Ende 30. „Wir haben mit die teuersten Strompreise der Welt, wir geben Unsummen dafür aus, unser Stromsystem zu decarbonisieren und machen gleichzeitig unsere Atomkraftwerke kaputt“, sagt er. „Das Wiederanschalten muss das langfristige Ziel sein.“ In Gundremmingen ist diese Forderung nun aber nur noch Schall und Staub. Und viele sind froh darüber. „Endlich ist's vorbei“ – auch diese Stimmen gibt es unter den Schaulustigen. Die angeblich sichere Atomenergie sei nichts als eine „Lebenslüge“, sagen manche. Und wieder andere beklagen, dass der verstrahlte Müll im Zwischenlager vermutlich noch länger in Gundremmingen bleibe als sie selbst auf Erden.
Der Rückbau läuft in Block B – dessen Turm am Samstag als Erster fiel – bereits seit Januar 2018, in Block C begannen die Arbeiten Anfang 2022. Schritt für Schritt werden die Gebäude auf dem Akw-Gelände entkernt. Dieses Jahr entfernte der Betreiber RWE unter anderem den Hochdruck-Vorwärmer, ein 70 Tonnen schweres Gerät, das den Speisewasserbehälter mit temperiertem Wasser versorgte. Ein entscheidendes Betriebselement, das unwiederbringlich in mehrere Teile zertrennt ist. Wie so vieles in der hoch spezialisierten Technik des Kraftwerks, das bis zur Abschaltung des ersten Blocks an Silvester 2017 etwa 30 Prozent des in ganz Bayern benötigten Stroms erzeugt hatte.
War die Demontage über Jahre hinweg weitgehend unsichtbar geschehen, hat mit dem Doppelwumms am Samstag jeder die Gewissheit: Das war's. Gundremmingen B und C sind von der Skyline Schwabens verschwunden. Diejenigen Bewohnerinnen und Bewohner, für die die beiden Dampfwolken am Himmel immer auch etwas Unheilvolles hatten, sind erleichtert. Sie erinnern sich an den Störfall im Jahr 1977, nach dem Block A für immer abgeschaltet wurde. Oder an den Unfall ein Jahr vorher, wo zwei routinierte Fachleute von austretendem Wasserdampf verbrüht wurden, beide starben.
„Ich werde sie vermissen. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, wird es leer sein, sehr leer.“
Zuschauerin, über die Sprengung der Türme
Dennoch dominiert am Samstag die Wehmut. Wolkentürme, haben manche die Kolosse liebevoll genannt, oder Wolkenmaschinen. Andere fühlten sich an die Beine eines gigantischen Elefanten erinnert. Vielleicht auch deshalb bleiben Krawalle und große Demos aus, ein Polizeisprecher nennt die Stimmung „sehr friedlich“, aus politischen Gründen seien die wenigsten gekommen.
Eine junge Frau aus Gundelfingen erzählt am Rand des Sperrgebiets, wie sie die Kühltürme als Kind Tag für Tag vom Fenster ihres Spielzimmers aus gesehen hatte. „Es ist total surreal, dass ich heute hier stehe, weil sie gesprengt werden.“ Man merkt: Hier geht es ums Abschiednehmen. Sie hatte befürchtet, bei der Explosion weinen zu müssen. „So weit kam es nicht, aber ich werde sie vermissen. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, wird es leer sein, sehr leer.“ Ein kleiner Trost: Das goldene Atomsymbol im Dorfwappen Gundremmingens bleibt.
Bürgermeister Tobias Bühler schaut vor dem improvisierten Medienzelt zu, wie sein Dorf seine Wahrzeichen verliert. „Das sind keine Tränen“, sagt Bühler in den ersten Sekunden nach deren Einsturz und wischt sich sein nasses Gesicht ab. Tatsächlich hat es kurz vor dem ersten Knall angefangen zu schütten. Selbst das Wetter – das Einzige, was an diesem minutiös getakteten Ereignis nicht vorausgeplant werden konnte – spielt also mit. „Ganz viel Regen“ hatten sich die Verantwortlichen für den Moment der Detonation gewünscht, damit möglichst viel Staub gebunden werden kann. Von RWE wird es am Abend heißen, alles sei nach Plan gelaufen. Sprengmeisterin Ulrike Matthes aus Thüringen, der das zu verdanken ist, kann man leider nicht befragen. Sie macht sich rar am Wochenende, auch auf eine Mail unserer Reaktion reagiert sie bis Sonntagnachmittag nicht.
Bürgermeister Bühler ist derweil den ganzen Tag mit dem Fahrrad unterwegs, um nicht im Verkehrstrubel rund um das Akw-Gelände stecken zu bleiben. Er kam vorbei an den Garagen und improvisierten Ständen, an denen seine Wählerinnen und Wähler Würstchen verkaufen und Kaffee verteilen, vorbei an den Menschen entlang der Straßen und Wege, die es sich schon Stunden vor dem Ereignis in Campingstühlen so bequem gemacht haben, wie es eben geht im windigen Herbst. Auf einem leergeräumten Anhänger spielt eine Band, andere haben ihren Grill ausgepackt. Die Stimmung ist wie auf einem Festival, das zum letzten Mal stattfindet.
Melancholisch ist Bühler schon, wie könnte es auch anders sein. Er ist 45 Jahre alt, zwei Jahre jünger als die Kühltürme. Nach der Freigabe der Sperrzone um kurz vor halb zwei radelt der CSUler an den traurigen Stutzen vorbei, die von ihnen geblieben sind. Sie werden demnächst wie geplant abgetragen. „Das schaut ja brutal aus, Wahnsinn“, staunt er und fühlt sich an die Ruine des Kolosseums in Rom erinnert.
Doch selbst wenn Zehntausende Tonnen Betonschutt hier in den nächsten Wochen abtransportiert sind, ist der Meiler Gundremmingen nicht endgültig Geschichte. Bis keine atomrechtliche Überwachung mehr nötig und die Anlage komplett zurückgebaut ist, dauert es nach Berechnungen des bayerischen Umweltministeriums insgesamt 15 bis 20 Jahre. Die RWE Nuclear GmbH will spätestens Ende der 2030er Jahre mit dem Rückbau fertig sein. Bis dahin arbeiten auf dem Areal auch noch viele der 430 Beschäftigten, die im Vollbetrieb im Kraftwerk tätig waren.
Weiterhin stehen die eigentlichen Reaktorgebäude, erkennbar an zwei niedrigen, schmutzig weißen Türmen, und die Maschinenhäuser der beiden Blöcke. Zudem eine eigenes errichtete Rückbaufabrik im Technologiezentrum und ein Infozentrum für Besucherinnen und Besucher. Für den sicheren Abtransport radioaktiven Materials wird gerade ein neues Logistikgebäude auf dem Gelände gebaut, das noch dieses Jahr fertig werden soll. Weniger als ein Prozent des Gesamtmaterials hier ist radioaktiver Problemmüll. Er soll in einem stillgelegten Eisenerz-Bergwerk bei Salzgitter eingelagert werden.
So geht es nach der Sprengung der Kühltürme weiter
Im Zwischenlager in unmittelbarer Nähe der Rückbauanlage stehen zusätzlich 150 Castor-Behälter – nach aktuellem Stand noch bis mindestens 2046. Die Kühltürme mögen verschwunden sein, der Atomabfall bleibt.
Und Gundremmingen bleibt Energiestandort. Schon nächste Woche hat Bürgermeister Bühler wieder einen Termin bei den Schuttbergen: Spatenstich für einen neuen Batteriespeicher, der mit 400 Megawatt Stundenleistung zu den größten im ganzen Land zählen soll. Der Baubeginn eines riesigen Solarparks ist für 2026 vorgesehen. Für ein neues Kraftwerk laufen auch die Planungen, es soll frühestens 2027 in Betrieb gehen und mit Gas oder Wasserstoff betrieben werden können.
Als sich am Samstag nach etwa 45 Sekunden der zweite Kühlturm für immer niedergelegt hat, denkt kaum einer schon an die Zukunft. Die Menschen entlang der Straßen packen ihre Sachen. Von überall her sind sie gekommen, aus ganz Schwaben, teils aus Baden-Württemberg. Der Stau auf den Straßen ist kilometerlang, als sie sich wieder auf den Weg in ihre Heimatorte machen – und ein letztes Mal aus dem Autofenster schauen. Es ist schon erstaunlich: Eben erst sind sie eingestürzt, und trotzdem kann man schon gar nicht mehr mit Sicherheit sagen, wo genau die Wolkentürme in den verhangenen Himmel ragten. (mit hva)
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