Von der bayerischen Kultband Haindling gibt es das lebensweise Lied „Es geht wieder auf!“. Darin wird auf schlichte, aber präzise beschriebene Weise von der Achterbahnfahrt des irdischen Seins erzählt. Irgendwie spiegelt sich in diesem Text auch die Situation der noch immer bekanntesten, zumindest geschichtsträchtigsten Kabarettbühne der Landeshauptstadt wider: der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Denn darin heißt es: „Es geht runter / Und es geht wieder rauf. / Wieder nach unten / Und noch einmal gehts auf! / Es fängt von vorn an / Und es hört wieder auf. / Es geht noch mal runter / Doch dann wieder rauf!“.
Freunde von Verschwörungstheorien mögen nun mutmaßen, dass Haindling-Chef Hans-Jürgen Buchner mit diesem Stück schon 1987 den späteren Entwicklungsverlauf der großen kleinen Schwabinger Bühne gemeint hat. Was natürlich nicht stimmt. Aber passen würde es. Denn was die „Lach und Schieß“, wie Fans ihr Haus kurz nennen, in den vergangenen Jahrzehnten nicht alles mitmachte... – so viel, dass es, wie man in Bayern sagt, auf keine Kuhhaut geht.
Bald heißt es Abschied vom legendären Gebäude in der Ursulastraße 9 im Stadtteil Schwabing
Zuletzt ging es eher steil bergab. Erst im vergangenen Jahr unternahm die zwischenzeitlich insolvente Lach- und Schießgesellschaft einen weiteren Neustart. Jetzt wird schon wieder alles anders. Und ja, natürlich soll es nach dem Willen der neuen Führung ab sofort auch wieder bergauf gehen. Aber wird es das auch?
Neu ist vor allem die Spielstätte. Heißt damit auch: Abschied vom legendären Gebäude in der Ursulastraße 9 im Stadtteil Schwabing nach fast 70 Jahren. Jenem schönen beigefarbenen Eckhaus mit der Gastronomie und der kleinen Bühne im Erdgeschoss, die Leopoldstraße und die Münchner Freiheit sind nur einen Steinwurf entfernt.
Auch der Chef ist neu, wenn auch nicht in dieser Rolle: Münchens Kleinkunst-Guru Till Hofmann, der vor der Corona-Pandemie im Streit mit Kabarettist Bruno Jonas und den anderen Gesellschaftern der traditionsreichen Kulturinstitution wie Leila Nöth gegangen war beziehungsweise mehr oder weniger hinausgedrängt wurde, kehrt zurück und holt die Lach- und Schießgesellschaft aus Schwabing auf die andere Seite der Münchner Isar – im Bestreben, ihr noch einmal frisches Leben einzuhauchen.
Schon für den 16. November ist der Umzug unter dem Motto „Auf zu neuen Ufern“ angekündigt. Ihre neue Heimat soll die Kabarettbühne künftig im sanierungsbedürftigen alten Gasteig finden. Dort wird der frühere kleine Konzertsaal, ein einladender, in hellem Holz gehaltener Raum mit ausladender Bühne und etwa 170 bequemen Plätzen, künftig die Residenz für das Kabarett sein.
Der neue alte Chef der Lach und Schieß, Till Hofmann, kündigt einen klaren Schnitt an
Das ist ein Coup und eine Volte zugleich. Hofmann formuliert es so: „Die Grande Dame des Kabaretts schüttelt sich die letzten vier Jahre aus dem Gewande und bricht auf zu neuen Ufern.“ Und er kündigt einen klaren Schnitt an. Künftig ist Hofmann alleiniger Verantwortlicher.
„Er hat große Erfahrung und er hat Kontakte in die Künstlerszene“, sagt der Münchner Alt-Oberbürgermeister Christian Ude, zugleich Vorsitzender des Fördervereins „Die Ladenhüter“, der zuletzt auch Gesellschafter der Lach und Schieß war, die Lage. Ude ist zusammen mit zwei weiteren Gesellschaftern bereits zurückgetreten. Offiziell lautet die Botschaft: Die Lach- und Schießgesellschaft sei „unter die Fittiche von Till Hofmann und seinem Team zurückgekehrt, die ihr nun das zerzauste Gefieder glätten und sie mit enthusiastischer Gelassenheit am neuen Ort betten werden“.
Der neue Ort, das ist das „Fat Cat“ in Haidhausen, nur ein paar Schritte hinter dem Deutschen Museum. Seit dem Frühjahr 2023 kann man es mit Fug und Recht als den neuen subkulturellen Mittelpunkt Münchens bezeichnen. Es ist auch das größte Zwischennutzungsprojekt der Landeshauptstadt. Im Fat Cat wird schon jetzt eine Menge geboten: Einheimische Bands wie Blackout Problems, Umme Block und sogar die Sportfreunde Stiller oder Nick McCarthy sind hier zugange. Dazu kommen Solistinnen, Studierende der Akademie der Bildenden Künste, Drehbuchautoren, Tanz- und Theatergruppen, aber auch größere Gruppen wie der „Bud Spenzer Heart Chor“. Mit dem „Republik Jazz Club“ haben Jazzfans ein Refugium im Fell der fetten Katze gefunden und mit dem Comedian Michael Mittermaier, der dort seinen eigenen „Lucky Punch Comedy Club“ installierte, nutzt ein weiterer prominenter Künstler Räume in dem mehrstöckigen Kulturbau.
Jetzt also die Lach- und Schießgesellschaft. Für sie könnte der Wechsel in dieses Umfeld nach Meinung von Beobachtern ein Glücksfall sein. Zumal die ursprüngliche Spielstätte mit ihrer großen Vergangenheit laut Hofmann sowieso nicht mehr zur Verfügung stehe – wovon noch die Rede sein wird.
Legenden wie Dieter Hildebrandt oder Bruno Jonas legten auf dieser Bühne zielsicher die Finger in die Wunden der Politik
Was hatte es dort, in diesem Lokal mit den Karikaturen großer Kabarettisten an der Wand und der kleinen Bühne samt schwarzem Flügel, für Sternstunden gegeben! Legenden wie Dieter Hildebrandt oder Bruno Jonas legten auf der jahrzehntelang beliebtesten und bekanntesten Kabarettbühne der Republik zielsicher die Finger in die Wunden der Politik. Die Lach und Schieß war ein Dorado der geschliffenen Pointen.
Lange her, das Ganze. Längst ist der Lack abgeblättert. Das Lachgeschäft lief schon viele Jahre nicht mehr. Die Bühne zu klein, das künstlerische Konzept griff nicht, die zunehmende Konkurrenz in der Stadt mit Lustspielhaus, Schlachthof oder Vereinsheim, dazu der Streit der Gesellschafter über die Ausrichtung und andere Fragen. Alles in allem keine Erfolg versprechenden Rahmenbedingungen für gehobene und erfolgreiche Kleinkunst.
Die Corona-Zeit mit dem staatlichen Abwürgen allen öffentlichen Lebens gab dem Laden dann den Rest. Stephan Hanitzsch, Sohn des bekannten Karikaturisten Dieter Hanitzsch, versuchte es danach noch einmal als Geschäftsführer. Und doch stand am Ende der bittere Konkurs. Bald bildete sich ein neuer Förderverein, der sich „Die Laden-Hüter“ nannte. Altoberbürgermeister Christian Ude setzte sich an die Spitze. Dem Verein ist es zu verdanken, dass es die Lach und Schieß überhaupt noch gibt. Seine Mitglieder sammelten Spendengelder, entwickelten ein Zukunftskonzept. Im November 2024, das ist kein Jahr her, wurde die Lach- und Schießgesellschaft dann mit jeder Menge Nostalgie und in Anwesenheit von Dieter Hildebrandts Witwe Renate offiziell wiedereröffnet.
Gespielt wurde aber nicht mehr nur im „Laden“, sondern auch auf anderen Bühnen wie dem Deutschen Theater. In der Ursulastraße fanden Ude zufolge kaum noch Veranstaltungen statt. Es sei schwierig, am alten Ort zu spielen, sagt er. Denn es gebe dort „Versuche der Gastronomie, etwas anderes zu etablieren“. Was bedeutet: Das Unterfangen, Kabarett und vollwertige Gastwirtschaft zu verbinden, ist offenbar gescheitert. Inzwischen nennt sich das Lokal mit breit aufgestellter Küche „Kult 56“, benannt nach dem Gründungsjahr des Kabaretts. Die Süddeutsche Zeitung berichtete, dass sich nicht zuletzt dadurch die von den Ladenhütern „neu gegründete Gesellschaft am Ende auch als Siechtum und Tod auf Raten“ erwiesen habe.
Neben dem Gasteig soll das Lach- und Schieß-Ensemble auch weiterhin auf anderen Bühnen auftreten
Also musste sich Ude, der mit seinen inzwischen 77 Jahren trotz Krebserkrankung weiterhin gerne und regelmäßig als Kabarettist auf der Bühne steht, noch einmal aufmachen, um jemanden zu suchen, der den festgefahrenen Karren in Gang bringen könnte. Schließlich wandte er sich an den, den sie in München „Kleinkunstkönig“ nennen, weil er mit dem Lustspielhaus und dem Vereinsheim nicht nur zwei beliebte Spielstätten betreibt, sondern auch über die besten Kontakte zur Kabarett- und Comedyszene hat: den gebürtigen Passauer Till Hofmann.
„Wir haben uns mehrmals getroffen und kamen überein, dass ich das Ganze übernehmen werde“, erzählt dieser im Gespräch mit unserer Redaktion. Nachtarocken will er nicht, er schaut nach vorne. Langfristiges Ziel sei es, „dass wir am Ende wieder in Schwabing eine Heimat für die Lach und Schieß finden“, sagt Hofmann. Er will sich dabei zeitlich nicht unter Druck setzen lassen. Denn aufgrund der neuen Spielstätte im Fat Cat, an dem er übrigens auch führend beteiligt ist, sei erst einmal alles soweit paletti.
Neben dem Gasteig soll das Lach- und Schieß-Ensemble Hofmann zufolge auch weiterhin auf anderen Bühnen auftreten. Hofmann sprudelt im Gespräch nur so über vor Ideen: neue, modernere Formate will er finden, beispielsweise auch online punkten. Und er hat bereits mit etablierten Kabarettisten wie Luise Kinseher, Sigi Zimmerschied, Max Uthoff oder Frank-Markus Barwasser gesprochen, mit denen er privat wie geschäftlich seit Jahren verbunden ist. Alle hätten sie Gastauftritte zugesagt. Auch die alte Lach-und-Schieß-Heimat Schwabing will der Impresario nicht aus den Augen verlieren und bereits im kommenden Sommer beispielsweise vor der Seidl-Villa spielen lassen.
Im kommenden Jahr soll das 70-jährige Jubiläum der Lach und Schieß groß gefeiert werden
Dort, im Münchner Künstlerviertel, hatte 1956 alles begonnen. Spätere Stars der Szene wie Ursula Herking, Klaus Havenstein, Hans Jürgen Diedrich und Bühnengründer Dieter Hildebrandt spielten damals das Programm „Denn sie müssen nicht, was sie tun“. Es war der Anfang der Kultinstitution. Auch wenn deren Zauber inzwischen ziemlich verflogen ist: Im kommenden Jahr, sagt Hofmann, werde das 70-jährige Jubiläum der Lach und Schieß trotzdem groß gefeiert. Mit dem Umzug ins Fat Cat als solider Zwischenstation scheint das gesichert.
Wie und wo es mit der legendären Bühne dann endet, lässt sich – Stand heute – allerdings nicht sagen. Aber begründete Hoffnung blüht in diesem Herbst zumindest wieder – und die stirbt ja bekanntlich zuletzt.
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