Wenn Fritze Merz als eine Art Ritter der traurigen Gestalt mit seiner „Knappin“ Bärbel Bas durch ein hoffnungslos veraltetes Deutschland stolpert und Markus Söder die „Bratwurst der Ernsthaftigkeit“ vertilgt, um sein wahres Ich zu erkennen und fortan nur noch die Wahrheit zu verkünden – dann ist wieder Politiker-Derblecken am Münchner Nockherberg.
Das Szenario des Singspiels mit dem kryptischen Titel „Wirf das Handtuch, Lindwurm“ ist der aktuellen Lage entsprechend düster: Weltuntergang und Deutschland-Dämmerung machen sich breit auf der Nockherberg-Bühne. „Ein bisserl magisch, ein bisserl post-apokalyptisch, aber auch heldenhaft“ – so beschreiben die Autoren Richard Oehmann und Stefan Betz ihr Stück.
Und in der Tat versucht der tapfere Merz (David Zimmerschied) als Don Quijote aus dem Sauerland erfolglos alle Drachen vom „Bürokratie-Ungeheuer“ bis zum „Monster der Rezession“ zu besiegen. „Unser Friedrich, er bemüht sich, doch bezieht er viel Kritik, und mit Fettnäpfchen gepflastert, ist sein Weg zum großen Sieg“, dichtet treffend die stets mit einer Wurst bewaffnete Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (Judith Toth).
Hubert Aiwanger (Stefan Murr) bekommt auf der Bühne immerhin ein Double, darf als „entbehrlichster“ Politiker diesmal aber nicht singen. Nur „wer ganz wichtig ist in Bayern, der bekommt am Nockherberg ein Lied“, veräppeln ihn deshalb Katharina Schulze (Sina Reiß), Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (Nikola Norgauer) oder der „Sheriff von Peißenberg“, Alexander Dobrindt (Wowo Habedank). Doro Bär, letztes Jahr noch mit Double? Auch kein Lied. Markus Blume? Klaus Holetschek? Judith Gerlach? Weder Double noch Lied.
Für den Nockherberg zu wenig Charakterköpfe in der bayerischen Politik
Es gebe zu wenige echte Charakterköpfe in der bayerischen Politik, hatten die Autoren bereits im Vorfeld beklagt und nahmen diesmal mehr die Bundespolitik ins Visier. Er hoffe, dass der Nockherberg „bayerisch bleibt und nicht zu sehr preußisch wird, weil dann wird es langweilig“, hatte der echte Markus Söder vor der Veranstaltung bereits gewarnt.
Vielleicht wusste er da schon, dass sein Double (Thomas Unger) als „Nürnberger Blödel-Barde“ fast schon zur Nebenrolle wird – und durch den Biss in die von Aiwanger präparierte Bratwurst sein ernsthaftes Ich entdeckt. Leider habe er seine Regierungszeit mit „leichtem Polit-Entertainment“ vertändelt, räumt er im Stück selbstkritisch ein: Es sei aber „nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können“.
Immerhin gelingt es den Singspiel-Politikern am Ende gemeinsam, den „Lindwurm der schlechten Laune“ zu besiegen und den Optimismus nicht untergehen zu lassen: „Ist die Konjunktur zu flau, gute Laune gibt's für lau“, singen sie im Abschluss-Lied – während Söder wie der Barde Troubadix in den Asterix-Comics mit einer Wurstsemmel im Mund am Marterpfahl ruhig gestellt wird.
Zuvor hatte bereits Stephan Zinner seine Premiere als Fastenprediger. Er ist der Nachfolger von Maxi Schafroth, der nach einer zum Teil heftig kritisierten Rede im vergangenen Jahr seinen Posten räumen musste.
Fastenprediger Zinner gibt sich relativ zahm
Er habe ja „das große Markusium in Söderistik“, scherzt Zinner, bis 2019 viel gelobtes Singspiel-Double von Markus Söder. Und: „Wir können heute zeigen, dass wir über uns lachen können“, appelliert er gleich zu Beginn der Rede an die Kritik-Toleranz der Polit-Prominenz im Publikum: „Wer das kann, zeigt Größe – das war durchaus mal eine bayerische Stärke.“
Richtig böse die Leviten lesen will Zinner den „Derbleckten“ aber nicht. Immerhin: In Bayern sei Söder der Haushalt ohne Schulden wichtiger als dringend benötigte Lehrkräfte, zürnt er. Dafür sollen nun alle in der Schule die Bayernhymne singen: „Verlangen‘s doch nicht so einen plakativen Schmarrn.“ Justizminister Georg Eisenreich könnte stattdessen prüfen lassen, „ob man WhatsApp-Gruppen von so Helikopter-Eltern nicht auch als Terrorzellen einstufen müsste“. Ein großer Lacher. Überhaupt wird viel gelacht diesmal, während vergangenes Jahr sich oft eisige Stille über die Tischreihen gelegt hatte.
Und bei der Energiepolitik seien CSU und Freie Wähler so ziemlich gegen alles, was neu und grün ist, schimpft er. Selbst der liebe Gott, der am Nockherberg eine Göttin ist, kann da nicht helfen, als sie sich mit Blitz und Donner als Stimme aus dem Off in die Halle schaltet. Aber vielleicht hilft die gute Laune der Grünen-Chefin im Landtag: „Wenn Optimismus erneuerbar wär – Katharina Schulze könnt‘ ganz Bayern versorgen.“
Ein bisschen mehr Toleranz und Augenmaß wünscht sich Zinner zudem in der oft aufgeheizten politischen Debatte: „Das ist schon krass, dass das gar nicht mehr geht, dass man dem anderen politischen Lager a bisserl recht gibt.“
Dem neuen „American Way“ aus Twitter-Empörung und Fakten-Verleugnung will Zinner deshalb einen „bayerischen Weg“ aus Augenmaß und Augenhöhe entgegensetzen: „Er erfordert ein Miteinander und kein Gegeneinander“, schreibt er den bayerischen Politikern ins Nockherberg-Stammbuch. Oder kürzer: „Zammhalten müssten wir.“
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