Es gibt diese Geschichte über Mathilde Berghofer-Weichner, die erste Frau im bayerischen Kabinett, 1986 von Franz Josef Strauß zur Justizministerin ernannt. Ein Umstand, mit dem sich mancher Mann wohl damals schwertat. Ein Kabinettskollege hat die „schwarze Mathilde“ einst wegen ihrer Frisur kritisiert. Berghofer-Weichner, die ihre grauen Locken stets akkurat zu einem Dutt zusammengesteckt hatte, soll darauf nur entgegnet haben: „Eigentlich sollte Sie doch eher interessieren, was in meinem Kopf vorgeht, und nicht, was auf meinem Kopf vorgeht.“
40 Jahre ist diese Anekdote alt. Und natürlich hat sich seither vieles getan – auch dank Vorbildern wie Mathilde Berghofer-Weichner. Im bayerischen Kabinett sitzen heute vier Ministerinnen, im Landtag sind 51 von 203 Abgeordneten weiblich. Tatsächlich aber waren es auch schon mehr Frauen. Ihr Anteil ist nicht nur im Landtag und im Kabinett gesunken, seit dem 1. Mai gibt es auch weniger Oberbürgermeisterinnen und Landrätinnen im Freistaat. Die scheidende Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber wurde im Interview mit unserer Redaktion deutlich: „Wir haben in Bayern keine Großstadt mehr, die von einer Frau regiert wird. Viele Landrätinnen oder Landratskandidatinnen sind auch nicht gewählt worden. Das hat System.“
Wurden Frauen bei der Kommunalwahl gezielt abgewählt? Oder ist die Situation noch gravierender? So wie Frauke Brosius-Gersdorf behauptet, die im Juli 2025 auf Vorschlag der SPD zur Richterin des Bundesverfassungsgerichts gewählt werden sollte. Es kam bekanntlich anders, wegen Vorbehalten aus der Union gegen sie wurde die Wahl abgesagt. Die Juristin ist überzeugt, dass eine vorherrschende Frauenfeindlichkeit dazu beigetragen hat, dass ihre Kandidatur gescheitert ist.
Wenn es ohnehin wenig Politikerinnen gibt, fällt jede Abwahl mehr ins Gewicht
Ursula Münch, die die Akademie für Politische Bildung in Tutzing leitet, beobachtet keine Frauenfeindlichkeit im Land. Im Fall von Brosius-Gersdorf seien andere Gründe entscheidend gewesen. Anders sei die Lage bei der jüngsten Kommunalwahl in Bayern. „Das war keine Wahl, wo sich Frauen durchgesetzt haben. Aber Frauen haben es schon immer schwer. Dementsprechend wenige Politikerinnen sind es ja auch.“ Würden diese abgewählt, falle das entsprechend stärker ins Gewicht.
Tatsächlich waren Frauen in Bayerns kommunalen Spitzenämtern schon vor der Kommunalwahl stark unterrepräsentiert. Nur in Hessen und im Saarland war der Anteil der Bürgermeisterinnen noch niedriger, wie eine Auswertung der Universität Stuttgart zeigt. Mit dem Amtswechsel ist die Zahl der Landrätinnen weiter gesunken – sechs Landrätinnen stehen 65 männlichen Kollegen gegenüber. Die kreisfreien Städte werden nun alle von Männern geführt, Oberbürgermeisterinnen gibt es nur noch in großen Kreisstädten wie Neu-Ulm und Landsberg. Eva Weber ist überzeugt, dass das auch am Zeitgeist liegt. „2020 war es klar, dass eine Frau Oberbürgermeisterin kann. Doch das hat sich verändert in den letzten sechs Jahren.“
Münch lässt das nur zum Teil gelten: „Der Zeitgeist war schon frauenfreundlicher.“ Den Hauptgrund für den niedrigen Frauenanteil aber sieht sie anderswo: In Bayern dominierten vor allem CSU und Freie Wähler – Parteien, in denen Frauen zwar aufgestellt würden, aber kaum in Exekutivpositionen vorrückten. „Dort werden Frauen eher aufgestellt, wenn es ohnehin aussichtslos ist.“
Politikerinnen werden immer noch an anderen Kriterien gemessen als ihre männlichen Kollegen
CSU-Frau und Landtagspräsidentin Ilse Aigner ist Schirmherrin der parteiübergreifenden Initiative „Bavaria ruft!“, die mehr Frauen in kommunale Verantwortung bringen will. Sie bestätigt: „Die Situation für Frauen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert, weil der Ton viel rauer geworden ist.“ Das gelte bei Veranstaltungen, vor allem aber bei Attacken übers Netz. Noch immer würden Frauen an anderen Kriterien gemessen als männliche Kandidaten. Münch wiederum betont: „Sie müssen nicht nur kompetent sein, sondern auch integrativ wirken und sympathisch sein. Es wird bewertet, wie freundlich sie sind, wie sie aussehen, wie verbindlich sie auftreten.“ Bei Männern spiele allein die Kompetenz eine Rolle. Auch Eva Weber hat erlebt, „dass bei mir kommentiert wird, was ich anhabe oder wie ich mich gebe.“
Ilse Aigner bewertet die Kampagne „Bavaria ruft!“ trotzdem als Schritt in die richtige Richtung. „Bayernweit waren 3,5 Prozent mehr Frauen bereit zu kandidieren – trotz dieser schwierigen Umstände.“ Trotzdem würden Frauen nicht in gleichem Maße gewählt, auch nicht von Frauen. Aigner wünscht sich mehr Solidarität unter Frauen, „Mein Eindruck ist, dass die Wählerinnen und Wähler von SPD und Grüne eher Frauen wählen als konservative Wählerinnen. Sonst wäre es nicht erklärbar, dass Frauen nach hinten oder Männer nach vorne gewählt wurden.“
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