Achtung, kleiner Wissenstest: Wie unterscheidet sich das amerikanische Wahlsystem vom deutschen? Wie prägt das Zeitalter der Aufklärung bis heute das Menschenbild? Was spricht für eine neue Wehrpflicht, was dagegen? Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums bei St. Anna in Augsburg haben diese Fragen in den vergangenen Monaten diskutiert: in der sogenannten Verfassungsviertelstunde, die Kindern und Jugendlichen den Wert von Demokratie und eben der bayerischen Verfassung verdeutlichen soll.
Frieda Döhring, 12. Klasse, findet das, wenn man so will, lebensnotwendig. „Ein Grundverständnis darüber, wie diese relativ abstrakten politischen Systeme funktionieren, wie sie sich auf aktuelle Themen auswirken: Das ist wichtig, damit man überhaupt in den Diskurs gehen kann. Sonst hat man keine Diskussionsbasis“, sagt sie. Frieda Döhring ist eine der fünf Oberstufen-Schülerinnen und -Schüler, die an einem Schultag kurz vor den Ferien ins Büro des Schulleiters von St. Anna, Alois Mayr, gekommen sind. Sie gehören zu den Engagierten und Informierten in ihrer Generation. Sie sind Schülersprecherinnen und aktiv in der SMV, der Schülermitverantwortung. Ihnen ist klar, dass sie nicht repräsentativ für Gleichaltrige stehen. Carlotta Statt, zehnte Jahrgangsstufe, erinnert sich noch an eine Politikstunde, in der sie die Bundestagswahl durchgespielt haben. „Da kam dann oft: keine Ahnung. Was wähle ich jetzt? Ich glaube, der kleinste Teil meiner Mischülerinnen und -schüler ist informiert und überhaupt interessiert an Politik.“
Rechte Gruppierungen werben mit Flugblättern an Schulen
Die Verfassungsviertelstunde soll helfen, das zu ändern. Seit dem vergangenen Schuljahr gibt es sie, zunächst nur in einzelnen Jahrgangsstufen. Seit September können Schulen das Angebot ausweiten. Es findet einmal wöchentlich innerhalb des regulären Unterrichts statt, die Lehrkräfte sind komplett frei in der Gestaltung, können auch mehr Zeit aufwenden. Das Kultusministerium verfolgt das Ziel, demokratische Werte wie Respekt und Toleranz zu fördern; zu erklären, wie Verfassungen die staatliche Ordnung stützen. In einer Zeit, in der Meinungen auseinanderdriften, in der die Bildungswissenschaft jungen Wählerinnen und Wählern eine politische „Grundfrustration“ konstatiert. In der es extremen Parteien und Gruppierungen leicht fällt wie nie, über TikTok und andere Online-Portale Fake News in die Köpfe von Kindern zu säen und die Identitäre Bewegung mit Flugblättern möglichen Nachwuchs umgarnt.
Die ersten Rückmeldungen haben dem Kultusministerium zufolge gezeigt, dass Schulleitungen, Schülerinnen und Schüler den Nutzen der Verfassungsviertelstunde mehrheitlich als groß bezeichnen, dass viele Lehrkräfte das Format kreativ nutzen. Doch es gibt auch Kritik: Nur ein Tropfen auf den heißen Stein sei das, heißt es dann, Lehrkräfte berichten von Überforderung und fehlender Tiefe.
Verfassungsviertelstunde im Fach Physik
Am Gymnasium bei St. Anna funktioniert es gut. Sogar im Fach Physik könne man die Verfassungsviertelstunde einbauen, berichtet Schulleiter Alois Mayr. Er denkt an die Idee eines Lehrers, die Auswirkungen der „deutschen Physik“ auf die Gesellschaft zu zeigen. Wieder andere Klassen bereiteten die Klassensprecherwahl vor und lernten, dass eine solche Abstimmung in der Schule im besten Fall genauso abläuft wie bei offiziellen Wahlen.
„Oft ist es an Schulen doch so“, sagt die Zwölftklässlerin Sophie Lück, „dass nach einer Abstimmung einfach derjenige Klassensprecher wird, der die meisten Stimmen hat. Aber so geht das nicht.“ Manchmal braucht es wie in der Politik eben Stichwahlen. „Ich finde, Lehrkräfte sollten sich für solche demokratischen Prozesse wirklich Zeit nehmen.“
Die SMV an dem Augsburger Innenstadt-Gymnasium hat mehr als 100 Mitglieder. Vielleicht auch deshalb reicht den Schülerinnen und Schülern die Verfassungsviertelstunde nicht. Sie nehmen die Sache jetzt selbst in die Hand und starten einen „Arbeitskreis Demokratie“, der weit über 15 Minuten die Woche hinaus geht. „Von Schülern für Schüler“, sagt Schülersprecherin Leni Schmid. „Es geht darum, dass man auch den jüngeren Jahrgangsstufen Politik vorlebt. Dass man ihnen beibringt: Wie gehe ich mit Quellen und Fakten so um, dass ich mir daraus selbst eine Meinung bilden kann, die auch zu den eigenen Werten passt? Und dass man ihnen zeigt, wie man in diesen Punkten standhaft bleibt.“
Schon in der fünften Klasse müsse man damit anfangen, sagt der Zwölftklässler Jakob Zickler. „Viele haben in diesem Alter schon TikTok, wo so viel Propaganda von allen möglichen Parteien stattfindet. Man muss lernen, das zu hinterfragen. Aber wenn man irgendwann erst damit anfängt, kann es für die jungen Schülerinnen und Schüler schon zu spät sein.“
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