Kai Wörner ist froh, dass er für seinen Geschichtsunterricht eine Doppelstunde hat. Dem Realschullehrer liegt etwas daran, seinen Schülerinnen und Schülern Kompetenzen mitzugeben, die über den Schulstoff hinausgehen. Ihm ist wichtig, sie im Umgang mit Medien zu schulen und ihr Urteilsvermögen zu fördern. Jetzt, wo Parteien alles dafür tun, um in den sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erhalten, auch die von Kindern. Jetzt, wo Schülerinnen und Schüler sich ihre Meinung bilden über politische Themen und, in absehbarer Zeit, zum ersten Mal wählen dürfen.
Wörner weiß, dass er neutral bleiben und seinen Schülern über methodisches Wissen klarmachen muss, was die Geschichte hinter der Geschichte ist – und zwar so, dass es bei ihnen ankommt.
Der Aufschrei war groß, als der Bayerische Jugendring im Oktober 2023 die Ergebnisse der U18-Landtagswahl bekannt gab. Hätten Minderjährige damals wählen dürfen, wäre die AfD – eine populistische und in Teilen vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestufte Partei – in ihrer Altersgruppe zweitstärkste Kraft geworden. Wie konnte es dazu kommen?, fragten sich viele. Durch die sozialen Medien? Die Eltern? War zu wenig für die politische Bildung der Jugendlichen getan worden? 2024 führte das Kultusministerium die sogenannte Verfassungsviertelstunde ein, am 8. März sind in Bayern Kommunalwahlen. Erlebt die AfD einen weiteren Aufschwung? Wie werden sich junge Erwachsene entscheiden?
Die Verfassungsviertelstunde in Bayern trägt bereits Früchte
Als ein Konzept für die Verfassungsviertelstunde an seiner Realschule in Erlangen hermusste, arbeitete Wörner mithilfe von Künstlicher Intelligenz eines aus: 35 Themen für 35 Viertelstunden, anhand derer die Schülerinnen und Schüler mit demokratischen Grundwerten in Berührung gebracht werden sollen. Er versucht, an ihre Lebenswelt anzuknüpfen. „Über das Briefgeheimnis kann man auch am Beispiel eines WhatsApp-Chats sprechen“, sagt er. Man erreiche nicht immer alle, aber viele.
Die Verfassungsviertelstunde hält der Geschichtslehrer für keine schlechte Idee, gerade weil es dabei um Kontinuität gehe. „Ich bin kein Fan von einmaligen Sachen. Politische Bildung muss eine Daueraufgabe sein“, sagt er. Und er spürt, dass das Format bereits Früchte trägt: „Als wir über griechische Geschichte gesprochen haben, sollten die Schüler in einer Wortwolke sammeln, was sie sich unter Demokratie vorstellen. Da bringen auch die Sechstklässler mittlerweile so was wie Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung.“
Auch Jan Markus vom Kreisjugendring (KJR) Augsburg-Land und sein Team haben lange an einem Konzept gefeilt. Zur bevorstehenden Kommunalwahl wollten sie etwas für Jugendliche organisieren, das weder Wahlveranstaltung noch Podiumsdiskussion ist. Wie kann man Jugendliche dazu bringen, sich in ihrer Freizeit mit Politik auseinanderzusetzen?, fragten sie sich. Jan Markus glaubt, eine Antwort gefunden zu haben.
Beim „Quiz Royale“ will der Kreisjugendring Politik mit Spaß verbinden
Ein Tag Ende Januar, 17 Uhr. In den Festsaal des Seniorenzentrums in Zusmarshausen im Landkreis Augsburg werden zusätzliche Stühle getragen. Gut 150 Menschen sind gekommen, um an der KJR-Veranstaltung teilzunehmen. Kein Eintritt, keine Voranmeldung. Im Hintergrund läuft eine Hip-Hop-Version der „Jeopardy!“-Melodie – jenes bekannte Gedudel, das in der gleichnamigen Quizshow immer dann zu hören war, wenn die Teilnehmenden kurz Zeit zum Überlegen hatten. In Zusmarshausen stehen die Kandidaten nun bereit, das „Quiz Royale“ beginnt.
Die Teilnehmer– das sind an diesem Abend die beiden Bürgermeisterkandidaten für Zusmarshausen, Christian Weldishofer (CSU) und Ben Matthes von der Bürgerliste (BLZus), sowie Felix Wörle (Freie Wähler) und Jonas Rehberg (AfD), die für den Gemeinderat kandidieren. Sie spielen zwei Runden à 20 Fragen, die sie aus einem Raster mit Kategorien auf der Leinwand wählen. Das klingt dann in etwa so: „Ok Boomer“, 150 Punkte.
Zwar müssen die Kandidaten Wissensfragen über Kommunalpolitik beantworten, sie sollen sich aber nicht zu politischen Themen positionieren, stellte Jan Markus vorab klar. Die Jugendlichen sollen Spaß haben, politische Bildung häppchenweise und leicht verständlich vermittelt bekommen. Da spricht der Jugendarbeiter aus Erfahrung.
Durch Abstimmungen werden die Jugendlichen interaktiv einbezogen
Jan Markus hat drei Jahre lang als Streetworker gearbeitet, suchte Jugendliche an ihren Treffpunkten auf und sprach an Schulen über politische Meinungsbildung und Wahlprogramme. Dabei merkte er: Wenn sie wussten, dass es gleich um Politik gehen würde, reagierten die Teenager oft lustlos oder voreingenommen. „Sobald man aber über für sie relevante Themen spricht, ein ÖPNV-Ticket für Jugendliche zum Beispiel, sind sie super interessiert“, fügt er hinzu. „Viele Erwachsene unterschätzen, dass Jugendliche schon dazu fähig sind, sich eine fundierte Meinung zu bilden.“
Das Publikum in Zusmarshausen besteht gut zur Hälfte aus Jugendlichen. Manche von ihnen verfolgen das Geschehen auf der Bühne gebannt, andere verschicken Selfies auf Snapchat. Lebendig wird die Veranstaltung immer dann, wenn es wieder an der Zeit für eine Abstimmung ist.
„Real Talk“, 100 Punkte. „Wenn ich an meine eigene Jugend denke, würde ich in meinem Ort … ändern“, lautet der Satz, den die Kandidaten vervollständigen sollen. Mehr Nachtbusse von Augsburg nach Zusmarshausen sollte es geben, schlägt Felix Wörle vor. Christian Weldishofer will einen größeren Bauwagen, Ben Matthes ein richtiges Jugendheim. Jonas Rehberg würde eine Hauptstraße sicherer gestalten wollen.
Eine Teenagerin im Publikum hält die Kamera ihres Smartphones auf einen QR-Code an der Leinwand, um ins Abstimmungstool zu gelangen. Sie schaut noch einmal zu den Kandidaten auf der Bühne, dann tippt sie. Der Bauwagen gewinnt mit 33 Prozent.
Die AfD hatte der KJR ursprünglich nicht eingeladen
Dass Jonas Rehberg am „Quiz Royale“ teilnimmt, hat sich erst kurzfristig ergeben – aus formalen Gründen, wie KJR-Geschäftsführerin Sabine Landau in einer schriftlichen Stellungnahme mitteilt. Die AfD hatte man ursprünglich nicht eingeladen, weil der Kreisjugendring keine „inhaltliche Schnittmenge“ sah. Da das „Quiz Royale“ allerdings teilweise in städtischen Räumlichkeiten stattfindet, sei die „Gleichbehandlung politischer Parteien“ zu beachten, schreibt Landau.
Wie umgehen mit einer Partei, die demokratische Grundwerte infrage stellt und Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts anfeindet? Die der Verfassungsschutz auch als Gesamtpartei als „gesichert rechtsextremistisch“ einstufen will – die aber gleichzeitig große Zustimmung von Teilen der Bevölkerung erhält?
Für Kai Wörner, den Realschullehrer aus Erlangen, ist die Maßgabe der Beutelsbacher Konsens. Eingeführt im Jahr 1976, bildet er bis heute das Fundament der politischen Bildung an deutschen Schulen. „Man soll die Schüler nicht überwältigen, sondern möglichst alle Positionen darstellen, damit sie sich ihr eigenes Urteil bilden können“, erklärt er. „Wir halten uns an die freiheitlich-demokratische Grundordnung, verteidigen sie aber auch.“ Wörner sagt: Die Schüler sollen das Rüstzeug erhalten, um zu erkennen, was jegliche Parteien von ihnen wollen.
Durch Social Media kommen Jugendliche schon früh mit Politik in Berührung
Zurück zum Quiz in Zusmarshausen. „Pi mal Rathaus“, 50 Punkte. Die Jugendlichen müssen nun über das Abstimmungstool Fragen beantworten. Zum Beispiel: „Hast du einen TikTok-Account?“ Dann schätzen die Kandidaten, wie viel Prozent „Ja“ gedrückt haben. Ergebnis: 58 Prozent.
Neben Youtube und Instagram zählt TikTok zu den wichtigsten Kanälen, über die Jugendliche mit Politik in Berührung kommen, weiß Jugendforscher Simon Schnetzer. „Je jünger die Jugendlichen sind, desto prägender sind Social Media für ihre politische Meinung“, sagt der Allgäuer, der unter anderem die Studie „Jugend in Deutschland“ herausgibt. Wie intensiv sich junge Menschen mit Politik beschäftigen, hänge aber auch stark von ihrem Umfeld ab – von ihren Familien, ihren Wohnorten und sogar ihren Hobbys. Das wiederum beeinflusse ihren Algorithmus. Und damit, welche Informationen sie in ihrer Timeline angezeigt bekämen.
Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 stimmten 21 Prozent der 18- bis 24-Jährigen für die AfD. Stärkste Kraft war in dieser Altersgruppe mit 24 Prozent die Linke. Warum sind junge Menschen politisch so gespalten?
Schnetzer sagt, Jugendliche seien enttäuscht von der Politik der vorigen Regierungsparteien und „haben das Gefühl, dass ihre Bedürfnisse und Probleme von der Politik weder gehört noch berücksichtigt werden“. Für welche politischen Themen sich Jugendliche interessieren und mit welchen Parteien sie sich identifizieren können, sei getrieben von persönlichen Sorgen.
Das Fazit der Jugendlichen fällt positiv aus
Zwischenstand vor der Finalfrage in Zusmarshausen: Felix Wörle führt mit 825 Punkten. Alle außer ihm gehen jetzt beim Punktesetzen „all in“. Setzen also alles aufs Spiel. Die letzte Frage lautet: Wie viele Kinder und Jugendliche haben bei der vergangenen U18-Wahl ihre Stimme abgegeben? Eine Schätzfrage. Die Kandidaten schreiben ihre Antworten auf kleine Tafeln, zwischen 80.000 und 550.000 schätzen sie. Jonas Rehberg und Ben Matthes liegen gleich nah an der Lösung. Weil Matthes 75 Punkte mehr als Rehberg setzen konnte, gewinnt er beim „Quiz Royale“.
166.443 – so viele noch nicht wahlberechtigte Menschen haben sich an der U18-Bundestagswahl im Februar 2025 in ganz Deutschland beteiligt. Haben also abgestimmt, welche Partei sie wählen würden. Die Linke ging damals mit fast 21 Prozent als Sieger hervor, gefolgt von der SPD mit knapp 18 Prozent. Union und AfD waren mit rund 15 Prozent etwa gleichauf. Die nächste Jugendwahl, die U18-Kommunalwahl in Bayern, findet vom 16. bis zum 27. Februar statt. Dafür, dass auch einige Jugendliche im Landkreis Augsburg ihre Stimme abgeben werden, stehen die Chancen nicht schlecht.
„Ich dachte, dass es genauso wie im Unterricht wird, das klang langweilig“, sagt die 16-jährige Emily nach der Veranstaltung. „Aber ich wurde positiv überrascht, weil wir wirklich einbezogen wurden.“ Der 16-jährigen Fiona scheint das „Quiz Royale“ die Hemmung vor politischen Themen ein wenig genommen zu haben: „Im kleineren Umfeld interessiert es mich auf jeden Fall mehr als auf ganz Deutschland bezogen“, sagt sie. Und auch die 15-jährige Madelaine hat etwas dazugelernt: „Ich wusste zum Beispiel nicht, dass die Kommunalwahl schon im März ist.“
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