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Landkreis Dillingen: Corona-Ausbruch in Höchstädter Pflegeheim: „Die Lage ist dramatisch“

Landkreis Dillingen

Corona-Ausbruch in Höchstädter Pflegeheim: „Die Lage ist dramatisch“

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    Im Pflegeheim Lipp in Höchstädt ist das Coronavirus ausgebrochen. Die Delta-Variante verbreitet sich rasend schnell, auch unter bereits Geimpften. Nun fehlt der Einrichtung so viel Personal, dass ein landkreisweiter Aufruf gestartet wurde.
    Im Pflegeheim Lipp in Höchstädt ist das Coronavirus ausgebrochen. Die Delta-Variante verbreitet sich rasend schnell, auch unter bereits Geimpften. Nun fehlt der Einrichtung so viel Personal, dass ein landkreisweiter Aufruf gestartet wurde. Foto: Alexander Kaya (Symbol)

    Nach dem Ausbruch des Coronavirus im privaten Pflegeheim Lipp in Höchstädt spitzt sich die Situation dort weiter zu. Am Mittwoch waren 18 Bewohnerinnen und Bewohner positiv auf Covid-19 getestet worden und 13 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bis Freitag war die Zahl der betroffenen Senioren auf 34 gestiegen, die des Personals auf 14. Drei Todesfälle sind inzwischen zu beklagen. Auch wegen Quarantäne fallen Teile des Teams aus. Deswegen hat das Dillinger Landratsamt alle Seniorenheime im Landkreis und die Bundeswehr um Hilfe gebeten. Hat das geklappt?

    Isabella Lipp, Juniorchefin des Pflegeheimes, ist am Telefon hörbar gestresst. „Wir haben immer gebetet, dass uns nichts passiert. Jetzt haben wir die Hölle. Unsere Mitarbeiter geben mehr als 100 Prozent. Aber in der aktuellen Situation reicht das nicht.“

    Am Donnerstag wurden in einem Kraftakt etwa 80 Bewohnerinnen und Bewohner evakuiert. Im Erdgeschoss sind nun die positiven Fälle, im Obergeschoss die negativen. „Die Feuerwehr, der Bauhof, ja sogar Bürgermeister Gerrit Maneth hat sich einen Schutzanzug angezogen und mitgeholfen“, erzählt Isabella Lipp dankbar. Gerade für die dementen Seniorinnen und Senioren sei der Zimmerwechsel eine große Herausforderung. Aber anders geht es nicht. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen vor Betreten des Zimmers in Schutzkleidungen schlüpfen und arbeiten ausschließlich auf einer Etage.

    Die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Dillingen ist die höchste in Bayern

    „Wir haben definitiv die Delta-Variante des Coronavirus im Haus“, sagt Lipp. Dabei seien die meisten Bewohner und Bewohnerinnen bis auf zwei, drei Mitarbeiter auch alle geimpft. Senioren, die sich nun infizieren, würden über Schlappheit, Müdigkeit und Appetitlosigkeit klagen. Viele hätten Durchfall. Wer keine Symptome hat, könne den ganzen Aufwand überhaupt nicht verstehen. Die betroffenen Kolleginnen und Kollegen sprechen von Symptomen wie bei einer Sommergrippe und teils stechenden Kopfschmerzen. „Selbst sie wollen unbedingt wieder arbeiten. Aber das geht laut Gesundheitsamt auf keinen Fall. Die Gefahr ist zu groß, dass sich das Virus weiter ausbreitet.“

    Inzwischen ist die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Dillingen die höchste in Bayern. 65,2 meldete das Dillinger Landratsamt am Freitag. Allein die Fälle mit Delta-Variante stiegen um neun auf 93 an. Die absolute Todeszahl seit Ausbruch der Pandemie liegt nun bei 119.

    Wie sieht es in den anderen Heimen im Landkreis Dillingen aus?

    Trägerübergreifend hatte das Dillinger Landratsamt diese Woche alle Seniorenheime im Kreis um Unterstützung für Höchstädt gebeten. In direkter Nachbarschaft zum Pflegeheim Lipp steht das AWO-Seniorenheim. Heimleiter Stefan Hintermayr leidet mit den Nachbarn, nur helfen kann er nicht: Der August sei seit Jahrzehnten für ihn der schlimmste Monat, weil die Mitarbeiter natürlich Urlaub nehmen, wenn Kita, Schulen und Firmen zu sind.

    Ähnlich sieht es in der Dillinger Hospital-Stiftung im Heilig-Geist-Stift aus: Das Personal geht gerade so auf, sagt Leiter Siegfried Huber. „Aber eines ist für uns ganz klar: Sobald wir freie Kapazitäten haben, helfen wir dem privaten Pflege- und Seniorenheim Lipp.“ Die Situation dort mache auch sein Team in Dillingen sehr betroffen. Doch man sei selbst stetig auf der Suche nach weiteren qualifizierten und motivierten Kräften.

    „Das würde uns dabei helfen, in der Gegenwart noch flexibler zu werden. Und uns gleichzeitig für die Zukunft zu rüsten. Denn die Nachkriegsgeneration der sogenannten „Baby-Boomer“ wird für das Pflegesystem in unserem Land zur echten Bewährungsprobe“, warnt Huber. Auch aus Bissingen kommt eine Absage. „Wir haben geprüft und herumgefragt, denn wir können die Situation total verstehen“, sagt Pressesprecher Peter Müller, „aber wir können niemanden abgeben.“ Die Corona-Pandemie habe auch die Suche nach Personal aus dem Ausland erschwert, parallel dazu hätten sich manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine andere Stelle gesucht.

    Zuletzt hatte es im Benevit-Seniorenheim Haus Egautal in Wittislingen ein paar Corona-Fälle gegeben. Eine Aufteilung der Bewohnerinnen und Bewohner nach Stockwerken hatten diese damals abgelehnt, sagt Pressesprecher Steffen Ritter – und fragt, ob der Austausch von Mitarbeitern rechtlich überhaupt möglich ist. „Das ist eine Entscheidung des Trägers, denn er muss die Mitarbeiter dafür freistellen“, erklärt die Leiterin des Dillinger Gesundheitsamtes, Dr. Uta-Maria Kastner. Und dann müssen die Betroffenen auch einverstanden sein. „Beim korrekten Tragen der Maske gibt es dann kein Problem – so läuft es bei Leuten von der Zeitarbeit ja auch.“

    In Wertingen hatten Mitarbeiterinnen des Krankenhauses geholfen

    Aus eigener Erfahrung nachvollziehen, wie es im Höchstädter Seniorenheim Lipp gerade zu geht, kann Pauline Wiesenmayer, Leiterin von St. Klara in Wertingen. „Ich leide mit. Wir haben damals beim Corona-Ausbruch mehr als die Hälfte unserer Bewohner verloren. Manche Kollegen haben diese Erlebnisse noch gar nicht verarbeitet.“ In Höchstädt sei bekannt, das St. Klara sofort hilft, wenn es geht. Doch nach den coronabedingten Urlaubssperren in den vergangenen Monaten sei nun auch viel Personal weg.

    In der schlimmsten Phase hatte das Wertinger Krankenhaus geholfen. „Das war damals ein Hilfeschrei aus der direkten Nachbarschaft und unser Personal half freiwillig“, erinnert sich Betriebsdirektorin Barbara Jahn-Hofmann. Weder das Krankenhaus in Dillingen noch in Wertingen wurden um Hilfe ersucht. „Es herrscht auch bei uns eigentlich immer ein Mangel an Ärztinnen und Ärzten und Pflegepersonal.“ Abgesehen davon werden im Wertinger Haus auch wieder Corona-Patientinnen und -Patienten – jeden Alters – behandelt.

    Die Lauinger Elisabethenstiftung hilft

    Diese Personen sollen eine Drittimpfung gegen Corona erhalten

    In der Gesundheitsministerkonferenz am 2. August wurde ein Beschluss zu den Auffrischimpfungen gefasst: Ab September soll Pflegebedürftigen, Bewohnerinnen und Bewohnern in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und weiteren vulnerablen Menschen in Einrichtungen in der Regel mindestens sechs Monate nach Abschluss der ersten Impfserie eine Auffrischimpfung über die mobilen Teams der Impfzentren angeboten werden.

    Patientinnen und Patienten mit Immunschwäche oder Immunsuppression sowie Pflegebedürftige und Höchstbetagte, die in ihrer eigenen Häuslichkeit wohnen, sollen durch ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte eine Auffrischimpfung angeboten bekommen.

    Darüber hinaus wird ab September allen vollständig geimpften Bürgerinnen und Bürgern, die den ersten Impfschutz mit einem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca oder Johnson&Johnson erhalten haben, eine weitere Impfung mit dem mRNA-Impfstoff angeboten.

    Quelle: Landratsamt Augsburg

    Schließlich bekommt das Haus Lipp doch noch Hilfe. „Wir sind überwältigt von dieser Unterstützung“, teilt Isabella Lipp am Freitag mit: „Wir bekommen drei Mitarbeiterinnen von der Elisabethenstiftung in Lauingen.“ Damit sei das Wochenende fast gesichert – „aber wer weiß, was am Samstag ist“, sagt sie vorsichtig. 80 bis 90 Testergebnisse standen am Freitag noch aus. Deswegen sucht das Haus weiterhin Krankenschwestern, Pfleger, Stationshilfen, medizinische Fachangestellte … Wer anpacken möchte, kann eine Mail an info@pflegeheim-lipp.de schicken. Manche Einrichtungsleiterinnen und -leiter erklären, es hätte sie auch treffen können. Denn der Ausbruch in Höchstädt zeigt: Die Wirkung der Impfungen lässt nach.

    So bereiten sich die Seniorenheime, deren Bewohner zum Teil schon Ende Dezember 2020 geimpft worden waren, jetzt auf die Drittimpfung vor. Gleiches gilt für die Krankenhäuser.

    Laut Hintermayr hat das Impfzentrum alle Einrichtungen angeschrieben. In der kommenden Woche könne es mit den Drittimpfungen in Wertingen losgehen. „Ich denke, die dritte Impfung ist gut. Man sieht, wie hochansteckend die Delta-Variante ist“, sagt Jörg Fröhlich, Vorsitzender des Vorstands der Elisabethenstiftung Lauingen. Die Situation vor eineinhalb Jahren – also vor der Impfung – sei schlimmer gewesen als heuer. Dr. Kastner stellt sich ebenfalls auf dritte Impfungen ein, sagt aber auch: „Erst sollten sich die impfen lassen, die noch gar nicht waren.“

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