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Lauingen: Wie geht man im Landkreis Dillingen mit Synagogen und Denkmälern jüdischer Geschichte um?

In Lauingen gibt es einige, in der Öffentlichkeit unbekannte Orte jüdischer Geschichte. Alexander Förg (rechts) möchte das ändern.
Foto: Montage AZ, Michael Stelzl
Lauingen

Jüdisches Leben in Lauingen: Von unbekannten Synagogen und judenverachtenden Bildern

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    Es hat geregnet an diesem Tag im Januar. „Das hat sich passend angefühlt“, sagt Hannah Rieß. Sie ist Schülerin am Albertus-Gymnasium in Lauingen und Teil des Planungsteams für die diesjährige Holocaust-Gedenkveranstaltung, die am 27. Januar an der Schule stattgefunden hat. Die Musik habe die Stimmung noch verstärkt, sagt Rieß. „Es war ein trauriges Gefühl, wie auf einer Beerdigung.“ Seit knapp 25 Jahren erinnert die Oberstufe des Albertus-Gymnasiums an die Gräueltaten in den Konzentrationslagern Auschwitz und Dachau sowie den Außenlagern in Lauingen. Neben der Stele an der Schule erinnert eine Tafel an der Johanneskirche an die Opfer des Nationalsozialismus. Weniger ist über jüdisches Leben in der Region in den Jahrhunderten vor dem Holocaust bekannt. Alexander Förg, Lehrer für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde am Lauinger Gymnasium, möchte das ändern.

    Die Stele am Albertus-Gymnasium (links) und die Denkschrift an der St. Johannes Kirche erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus in Lauingen.
    Die Stele am Albertus-Gymnasium (links) und die Denkschrift an der St. Johannes Kirche erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus in Lauingen. Foto: Michael Stelzl

    Ein weitgehend unbekannter Ort früheren jüdischen Lebens in Lauingen ist die alte Synagoge, welche sich unter der Spitalkirche befindet. Geht man die Treppen hinab an der Absperrung vorbei in die Krypta, befindet sich dort die Kapelle „Unserer lieben Frau beim Brunnen“. Bevor im 14. Jahrhundert die christliche Kirche erbaut wurde, befand sich hier laut Förg eine Synagoge samt Mikwe, einem rituellen Taufbad. Dort musste sich jeder Gläubige einmal im Monat waschen, Frauen nach jeder Menstruation oder Entbindung. Diese Mikwe ist namensgebend für die Kapelle. Nur weiß kaum jemand von dem Ort. „Hier ist nichts, kein Hinweisschild“, sagt Förg. Er fordert seit Langem, dass dort eine Gedenktafel aufgestellt wird, denn es ist eine der ältesten Mikwen in ganz Schwaben.

    Links zu sehen ist die Kapelle „Unserer lieben Frau beim Brunnen“, rechts die Mikwe, das rituelle Taufbad. Sie ist ein Beleg dafür, dass der Ort ursprünglich eine Synagoge war.
    Links zu sehen ist die Kapelle „Unserer lieben Frau beim Brunnen“, rechts die Mikwe, das rituelle Taufbad. Sie ist ein Beleg dafür, dass der Ort ursprünglich eine Synagoge war. Foto: Michael Stelzl

    In der Kirche St. Martin hängt bis heute ein judenfeindliches Bild – ohne Einordnung

    Ein Hinweisschild zur historischen Einordnung fordert Förg auch in St. Martin. Schreitet der Pfarrer zu Beginn eines Gottesdienstes durch die Sakristeitür, läuft er auf ein Gemälde aus dem 15. Jahrhundert zu. Dort wird eine Legende des Hostienraubes dargestellt. Der Schuldige auf dem Bild: ein prototypisch dargestellter Jude, der den Laib Gottes gestohlen und in einem hohlen Baum versteckt haben soll. Gefunden wurden die Hostien von einem Bauern, den Engel mittels Gesang und Lichtern zu dem Versteck geführt haben. „Dieses Gemälde hat vermutlich zur zweiten Judenvertreibung der Juden aus Lauingen beigetragen“, sagt Förg. Diese hat in der Mitte des 15. Jahrhunderts stattgefunden.

    Links auf dem Gemälde ist der prototypisch dargestellte Jude mit rotem Spitzhut zu sehen, der laut Legende die geweihten Hostien geraubt haben soll.
    Links auf dem Gemälde ist der prototypisch dargestellte Jude mit rotem Spitzhut zu sehen, der laut Legende die geweihten Hostien geraubt haben soll. Foto: Michael Stelzl

    Eine Kopie des Bildes ist heute im Heimathaus in Lauingen zu finden. „Unkommentiert rufen die Bilder immer noch zum Judenhass auf“, sagt Förg. „Beide Bilder hängen an zentralen Orten der Stadt, da braucht es ein Hinweisschild.“

    Im Landkreis Dillingen sollte ein Schulprojekt über das Judentum entstehen

    Doch nicht nur mithilfe von Gedenktafeln will der Lehrer jüdisches Leben im Landkreis Dillingen sichtbarer machen. Im Landkreis Günzburg gibt es vom Dossenberger-Gymnasium bereits ein sehr erfolgreiches Projekt, welches Schülerinnen und Schülern verschiedene Aspekte jüdischen Lebens näherbringt. Im Zuge dieses Lernzirkels vermitteln Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen den Viertklässlern jüdisches Leben und Glauben. Das Projekt findet in der Synagoge in Ichenhausen statt. Dort wurden früher jüdische Schüler unterrichtet. Mehr als 25.000 Viertklässlerinnen und -klässler haben seit Beginn des Projekts vor 25 Jahren am Lernzirkel teilgenommen.

    Insgesamt 26.546 Viertklässler aus dem Landkreis Günzburg haben in 25 Jahren am Lernzirkel Judentum des Dossenberger Gymnasiums in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen teilgenommen.
    Insgesamt 26.546 Viertklässler aus dem Landkreis Günzburg haben in 25 Jahren am Lernzirkel Judentum des Dossenberger Gymnasiums in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen teilgenommen. Foto: Heike Schreiber (Archivbild)

    Landrat Markus Müller wollte an den Erfolg des Nachbarlandkreises anknüpfen und gründete eine Initiative, um ein ähnliches Projekt im Landkreis Dillingen zu veranstalten. Doch es fand sich keine Gruppe, die es organisiert hätte. „Ich bräuchte Unterstützung“, erklärt Förg. Allein sei diese Aufgabe nicht zu bewerkstelligen. Als kleinen Ersatz bekommt jede Schule im Landkreis einen Koffer mit Lernutensilien über jüdische Kultur. Darin finden sich unter anderem eine Menora, ein Gebetsschal und Dokumente über das Schicksal einiger Jüdinnen und Juden im Landkreis Dillingen.

    Neben einer Organisatorengruppe fehlt es zudem am Platz. Die Synagoge in Buttenwiesen sei als Gebäude nicht verwendbar, die Synagoge in Binswangen sei schlicht zu klein, erklärt Förg. „Ein jüdisches Schulmuseum in Lauingen wäre mein großes Ziel. Es wäre einzigartig in Deutschland“, sagt Förg. Dafür hat er bereits ein Gebäude im Sinn.

    Alexander Förg möchte das Seelhaus in Lauingen zu einer Kultur- und Begegnungsstätte umbauen lassen

    In der Hirschstraße, unweit des Lauinger Rathauses, befindet sich das ehemalige Seelhaus, in welchem früher jüdische Schüler unterrichtet wurden. Das möchte Förg wieder aufleben lassen. „Ich möchte das Seelhaus zu einer Kultur- und Begegnungsstätte machen“, sagt der Gymnasiallehrer. Dafür möchte er die unteren Räume als Klassenzimmer wieder herrichten lassen. „Es ist ein Kronjuwel jüdischer Geschichte in Lauingen.“ Doch das Gebäude hat einen Dachschaden, die Holzbalken sind morsch.

    Von der Straße aus wirkt das Seelhaus eher unauffällig, jedoch könnten hier in Zukunft wieder Schülerinnen und Schüler über jüdisches Leben und Kultur unterrichtet werden.
    Von der Straße aus wirkt das Seelhaus eher unauffällig, jedoch könnten hier in Zukunft wieder Schülerinnen und Schüler über jüdisches Leben und Kultur unterrichtet werden. Foto: Michael Stelzl

    Die Stadt zeigt sich grundsätzlich offen, jüdisches Leben in Lauingen sichtbar zu machen. Es müssen jedoch noch Finanzierungsfragen geklärt werden. Förg ist überzeugt, dass noch mehr kommen müsse: „Lauingen geht mit der jüdischen Geschichte äußerst stiefmütterlich um.“ Eine dritte Tafel auf dem Marktplatz, die auf die jüdische Geschichte der Römerstadt hinweist, kann er sich ebenso vorstellen wie ein Hinweisschild an der Hirschstraße, die einst Judengasse hieß.

    In der Reichsprogromnacht am 9. November 1938 brannte in Augsburg die Synagoge

    Dann kommt Förg auf seinen Großvater zu sprechen. Dieser war Berufsfeuerwehrmann und an der Löschung der Augsburger Synagoge in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 beteiligt. Diese wurde zwar zunächst angezündet, dann aber wieder gelöscht, da sich gegenüber eine Tankstelle befand und man kein Risiko eingehen wollte. „Mein Großvater hat die Synagoge in Augsburg gerettet, ich will die Synagoge in Lauingen retten“, sagt Förg.

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