Neues Wehrdienstgesetz: Junge Menschen aus Dillingen reagieren
Landkreis Dillingen
„Mordseingriff in das Leben“: Junge Menschen aus Dillingen reagieren aufs neue Wehrdienstgesetz
Die einen kritisieren die geplante Gesetzesneuerung, für die anderen wird zu wenig durchgegriffen. So unterschiedlich blicken 18- und 19-Jährige auf den Wehrdienst.
Das geplante neue Wehrdienstgesetz soll dazu führen, dass sich mehr Soldaten und Soldatinnen für einen Dienst bei der Bundeswehr entscheiden. Bei jungen Menschen in der Region wird darüber kontrovers diskutiert. Das Foto entstand bei einem Gelöbnis in Wertingen.Foto: Berthold Veh (Archivbild)
Einen neuen Gesetzesentwurf zum Wehrdienst hat die Bundesregierung in diesen Tagen beschlossen: Zum kommenden Jahr sollen alle jungen Menschen ab dem Geburtsjahrgang 2008 einen Brief mit einem QR-Code zu einem Online-Fragebogen erhalten. Für Männer ist das Ausfüllen dieses Fragebogens, wenn das Gesetz zum Jahresbeginn 2026 in Kraft tritt, verpflichtend, alle anderen Personen können freiwillig an der Befragung teilnehmen. Ab Juli 2027 müssen Männer zudem zu einer Musterung erscheinen. Dort wird geprüft, wer wehrdiensttauglich ist. Die Entscheidung, Soldat beziehungsweise Soldatin zu werden, ist bisher aber noch jeder Person selbst überlassen. So reagieren junge Menschen aus dem Landkreis Dillingen auf das geplante Gesetz.
Das neues Wehrdienstgesetz ist für diese 18-Jährige Lauingerin ein „Zwiespalt“
„Ich bin im Zwiespalt“, so beschreibt die 18-jährige Emilia Isbilen ihre Gefühlslage. Einerseits findet sie, dass das Gesetz die Freiheit junger Männer einschränken wird. Zudem sieht sie neue Probleme, wenn sich viele Menschen statt für einen Beruf erst einmal für den Wehrdienst entscheiden. Das könne zu einem Arbeitsmangel führen, sagt die Lauingerin. Andererseits hält sie es für sinnvoll, „dass wir in Deutschland gut aufgestellt sind“ und „Leute haben, die das Land schützen“. In der aktuellen Lage sei es besser, das neue Wehrdienstgesetz zu haben.
Dem stimmt Tobias Hihler aus Mödingen zu. Der 19-Jährige sagt, das geplante Gesetz mache Sinn – gerade wenn man betrachtet, wie sich die Welt gerade entwickle. Gleichzeitig sei es aber auch ein „Mordseingriff in das Leben von vielen jungen Männern“. Dass der Fragebogen nur für Männer verpflichtend sein soll, irritiere ihn. Schließlich strebe man ja auf allen Ebenen mehr Gleichberechtigung an. Er könne dieses Vorgehen zwar „schon nachvollziehen“, aber als Frau hätte er das Gefühl, ihm würde weniger zugetraut. Isbilen hingegen hält es für „etwas unfair“, dass Männer nicht selbst entscheiden dürfen, ob sie an der Befragung teilnehmen möchten.
Tobias HihlerFoto: Foto Hammer
Um die politische Situation in Deutschland machen sich beide Gedanken. Hihler hat den Eindruck, die Jugendlichen vor etwa 15 Jahren hätten sich etwas weniger vor einem bevorstehenden Krieg gefürchtet. „Ich find's schon ziemlich beängstigend“, sagt Isbilen dazu. In ihrer Generation werde immer wieder darüber gesprochen, ob es hier noch sicher ist. Für manche sei sogar Auswandern ein Thema.
18-Jähriger aus Syrgenstein: Das neue Wehrdienstgesetz ist „kompletter Quatsch“
Den 18-jährigen Jeremy Koros beschäftigt das Thema Krieg ebenfalls – aber nicht nur. Er sagt: „Wirtschaftlich und technologisch sind wir auch gefährdet.“ Die Situation in der Ukraine etwa zeige die zunehmende Bedeutung von Drohnen in der Kriegsführung. Seiner Ansicht nach müsse materiell und nicht personell ausgebaut werden. Und das ist nur einer der Gründe, weshalb der Syrgensteiner das neue Wehrdienstgesetz für eine „Fehlinvestition“ hält. „Ich find‘s kompletten Quatsch“, sagt Koros. Der Wehrdienst werde aktuell zwar als „freiwillig“ betitelt, „aber so komplett freiwillig ist das gar nicht“. Denn eine Wehrpflicht werde folgen, wenn sich nicht genügend Menschen als Soldatinnen und Soldaten melden – eventuell nicht nur für Männer, prophezeit der 18-Jährige.
Außerdem betrachtet er es als „problematisch“, dass ehemalige Mitglieder der Bundeswehr automatisch als sogenannte Reservistinnen und Reservisten gelten. Das bedeutet, sie können auch nach dem Wehrdienst jederzeit wieder einberufen werden. Mit 18 oder 19 Jahren müsse man somit eine Entscheidung fällen, „die das ganze Leben betrifft“, findet der Syrgensteiner.
Jeremy Koros zum neuen WehrdienstgesetzFoto: privat
18-Jähriger aus Zöschlingsweiler: Das neue Wehrdienstgesetz ist ein „Schritt in die richtige Richtung“
Eine ganz andere Meinung dazu, hat Gabriel Neumann aus Zöschlingsweiler. Der 18-Jährige sagt, die Gefahr eines Angriffskriegs steige. Zwar könne man hinterfragen, ob ein Krieg wirklich nur durch Waffen zu lösen sei. Das neue Wehrdienstgesetz hält er aber für einen „Schritt in die richtige Richtung“. Seiner Ansicht nach sei es sinnvoll, durch einen Fragebogen herauszufinden, wer hypothetisch für den Wehrdienst zur Verfügung steht.
Neumann geht sogar einen Schritt weiter und hinterfragt, ob momentan genug durchgegriffen wird. Auch eine sofortige verpflichtende Musterung hält der 18-Jährige für denkbar. „Ich sehe den Sinn dahinter, es für die Männer verpflichtend zu machen.“ Für Frauen würde er erst einmal den Fragebogen pflichtmäßig einführen. Dem 18-Jährigen aus Zöschlingsweiler zufolge müsse die Bundeswehr gestärkt werden. „Wenn's sein muss, bin ich bereit, meine Wehrpflicht zu leisten“, sagt Neumann. „Freiheit ist ein Gut, das einfach nicht unendlich verfügbar ist. Das realisieren wir ein bisschen zu wenig in unserer Generation.“
Gabriel NeumannFoto: privat
Diskutieren Sie mit
XXX 0 Kommentare
hier kommen komentare rein
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren