Nicht erst seit dem 7. Oktober ist die Normalität des jüdischen Alltags empfindlich gestört. Das ist auch am Dienstagabend in Hainsfarth zu erkennen. Ein bewaffneter Polizeibeamter nimmt in der letzten Reihe im Hauptraum der Synagoge Platz. Die Lesung der Journalistin Andrea von Treuenfeld über den Alltag junger Jüdinnen und Juden in Deutschland muss geschützt werden – so wie es oft bei Veranstaltungen ist, die sich um das Thema "Judentum" drehen und an denen Jüdinnen und Juden beteiligt sind. Dies allein mag schon viel über jüdischen Alltag in diesem Land aussagen, es ist aber längst nicht alles.
Andrea von Treuenfeld hat Israel schon für sich entdeckt, als sie noch eine Schülerin war. Sie war in einem Kibbuz zu Gast, das so umkämpfte, biblische Land übte eine enorme Faszination auf sie aus. Dabei sind es immer wieder die Alltaserfahrungen der Jüdinnnen und Juden, die sie faszinieren. Und so verfasste die Journalistin, die in Berlin lebt, zuletzt ein Buch mit dem markanten Titel "Jüdisch jetzt!", in dem junge Juden über ihr Leben in Deutschland berichten.
Heute fiele manche Aussage junger Juden anders aus, hört man in Hainsfarth
Das Buch wurde vor jenem 7. Oktober 2023 veröffentlicht. Wie Treuenfeld gleich zu Beginn ihrer kurzweiligen Lesung anmerkt, fiele manche Aussage ihrer Gesprächspartner heute vermutlich etwas anders aus. Dennoch: Gerade der Vergleich birgt mitunter ernüchternde Aspekte. Denn unkompliziert oder gar "normal" erschien der jüdische Alltag in Deutschland auch vor der Zäsur im Herbst kaum, wie es stets zu hören ist an diesem von der frisch mit dem Bayerischen Verfassungsorden ausgezeichneten Siegrid Atzmon und den Freunden der Synagoge Hainsfarth sowie vom Evangelischen Bildungswerk organisierten Abend.
Immer wieder klingt aus den biografischen Kurzberichten gerade jener tiefer Wunsch nach Normalität durch. "Durchklingen" ist indes wohl noch zu milde formuliert. Es ist schier ein Flehen nach Normalität, nach einem Angenommen-Sein als Mitmensch. Zwei Punkte stehen diesem tiefen Wunsch trauriger- und tragischerweise entgegen, wie es Treuenfeld immer wieder betont: Der Antisemitismus, der noch immer die Gesellschaft durchzieht, wie auch Berührungsängste aufgrund der Schreckensereignisse im nationalsozialistischen Terrorstaat. Der Antisemitismus kommt derweil heute aus unterschiedlichen Richtungen: Zum klassisch-rechtsextremen Antisemitismus gesellt sich der islamistische sowie – in letzter Zeit immer lauter – der aus der "woken", jung-akademischen und linksextremen Ecke.
"Sobald du jüdisch bist – das triggert"
Der jüdische Jurist und Politiker Sergey Lagodinsky äußert in Treuenfelds Buch, er fühle sich "markiert als Jude" in Deutschland: "Sobald du jüdisch bist – das triggert. Das triggert Positives wie Negatives. Triggert eine Auseinandersetzung des Gegenübers, was nicht immer der Zweck einer Kommunikation ist." Die in München lebende Schriftstellerin Lena Gorelik, Jahrgang 1981, schreibt über eine Art "Sonderstellung": "Ich war die einzige Jüdin, nicht nur in der Klasse, sondern an der Schule." Der Wunsch nach Normalität ist einer nach Entspannung, so hört man es immer wieder. Eine Entspannung, die aufgrund der dramatischen Ereignisse in Nahost und des den Krieg auslösenden Hamas-Terrors dieser Tage wieder weit weg scheint, leider Gottes.