Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland beziehen laut Angaben der Bertelsmann-Stiftung aktuell Bürgergeld. Diese Menschen gelten grundsätzlich als erwerbsfähig, aber sind sie tatsächlich aktiv auf Arbeitssuche? Eine neue Befragung des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) im Auftrag der Bertelsmannstiftung kommt nun zu dem Schluss: Die Mehrheit der Bürgergeldbeziehenden hat in den vergangenen vier Wochen gar nicht nach einem Job gesucht. Was sind die Gründe dafür?
Bürgergeld: 43 Prozent haben noch nie ein Stellenangebot vom Jobcenter erhalten
Laut den Studienergebnissen gaben 57 Prozent der 1006 befragten Bürgergeldempfänger an, in den vergangenen vier Wochen nicht nach einem Job gesucht zu haben. Immerhin 26 Prozent gaben an, zwischen einer und neun Stunden pro Woche mit der Arbeitssuche zu verbringen. Sechs Prozent wendeten sogar 20 Stunden oder mehr für die Suche nach einem Job auf.
Ein Grund, warum Bürgergeldempfänger sich so wenig auf Jobs bewerben, seien fehlende Impulse des Jobcenters. Fast 43 Prozent der Befragten gaben an, noch nie ein Stellenangebot von dem für sie zuständigen Jobcenter erhalten zu haben. Auch beim Thema Weiterbildung hakt es: 38 Prozent hätten laut eigener Aussage bislang keine Maßnahme angeboten bekommen. Die Studie zeigt auch: Wem eine Stelle angeboten wird, hängt von der Bildung ab. Besonders gut stehen Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung oder einem Studium da. Sie erhalten am häufigsten Jobangebote. Weiterbildungen wiederum werden überwiegend Menschen mit Hauptschulabschluss angeboten. Am seltensten profitierten Frauen, insbesondere mit kleinen Kindern, von solchen Angeboten.
Bürgergeldempfänger: 22 Prozent durch Pflege oder Kinderbetreuung gebunden
„Die Jobcenter müssen den Schwerpunkt neu setzen: weniger Bürokratie, mehr Vermittlung“, fordert darum Arbeitsmarktexperte Roman Wink von der Bertelsmann-Stiftung in der Studie. Viele Arbeitgeber erwarteten außerdem sofortige Einsatzfähigkeit. Dem könnten nicht alle Leistungsbeziehenden sofort gerecht werden. Hier seien realistische Vermittlungsstrategien gefragt, betont Wink.
Denn obwohl Bürgergeldempfänger formal als arbeitsfähig gelten, sind gesundheitliche Probleme häufig ein Hindernis bei der Jobsuche. Ganze 45 Prozent der Befragten berichteten den Forschern von psychischen oder chronischen Erkrankungen. In der Gruppe jener, die derzeit gar nicht suchen, seien es sogar 74 Prozent. „Wenn Erkrankungen eine Integration in den Arbeitsmarkt unrealistisch machen, sollte ein Wechsel in besser passende Unterstützungssysteme wie Sozialhilfe oder Erwerbsminderungsrente geprüft werden“, sagt Projektbetreuer Tobias Ortmann.
Neben gesundheitlichen Gründen nannten die Befragten aber noch weitere Gründe für das Nichtsuchen:
- 49 Prozent nannten zu wenige passende Stellen als Hindernis.
- 26 Prozent sahen keinen finanziellen Vorteil durch eine Arbeitsaufnahme.
- 22 Prozent sind durch Pflege oder Kinderbetreuung gebunden.
- 20 Prozent hatten Angst, mit der Bewerbung zu scheitern.
- 11 Prozent hielten sich mit „Gelegenheitsarbeiten“ über Wasser, was die Zeit für Arbeitssuche begrenze.
Bürgergeldempfänger: Verlieren viele den Anschluss?
Viele Bürgergeldempfänger würden mit steigender Bezugsdauer zunehmend den Anschluss verlieren, betont Ortmann: „Aufgabe der Jobcenter ist es, zu unterstützen und passgenaue Jobs oder Qualifizierungen anzubieten.“ Zugleich müsse es Konsequenzen in Form von Sanktionen geben, wenn Menschen zumutbare Arbeit ohne triftigen Grund ablehnten. Auch Schwarzarbeit müsse konsequenter verhindert werden, etwa indem man die Betroffenen stärker zeitlich einbinde.
Gleichzeitig braucht es laut den Forschern mehr Förderung für diejenigen, die arbeiten wollen, aber nicht können: „Wer Qualifizierung braucht und die Bereitschaft zeigt, muss gefördert werden“, betont Arbeitsmarktexperte Wink. Unterstützung in Form von besserer Kinderbetreuung, Weiterbildungen und Coachings müssten her, um die Chancen für Bürgergeldbeziehende auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Denkbar wäre außerdem geförderte Beschäftigung, finanziert über das Bürgergeld selbst.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren