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„Rente mit 70 ist längst überfällig“ – Renten-Experte warnt vor Scheitern der Reform

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„Rente mit 70 ist längst überfällig“ – Renten-Experte warnt vor Scheitern der Reform

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    Bis mindestens 70 arbeiten, bevor es in den Ruhestand geht: eine längst überfällige Maßnahme, wenn es nach Renten-Experte Bernd Raffelhüschen geht.
    Bis mindestens 70 arbeiten, bevor es in den Ruhestand geht: eine längst überfällige Maßnahme, wenn es nach Renten-Experte Bernd Raffelhüschen geht. Foto: Monkey Business, stock.adobe.com (Symbolbild)

    Im Jahr 2025 haben Union und SPD den ersten Teil einer Renten-Reform auf den Weg gebracht: das Rentenpaket 2025. Im Zuge dessen wurden unter anderem das Rentenniveau stabilisiert sowie die Aktivrente und die sogenannte Mütterrente III beschlossen. Bis Mitte 2026 soll zudem eine Alterssicherungskommission weitere Vorschläge für eine Renten-Reform vorlegen, wie die Bundesregierung informiert.

    Diese eingesetzte Kommission soll einem Bild-Bericht zufolge auch über eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre beraten haben. Ein Ergebnis wurde bisher nicht kommuniziert. Während unter anderem die Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) die Rente mit 70 vorerst ausschließt, wie ntv berichtet, haben sich laut ZDF heute in letzter Zeit bereits Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) sowie Mitglieder der Rentenkommission selbst für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters ausgesprochen.

    Finanzwissenschaftler und Renten-Experte Bernd Raffelhüschen geht sogar davon aus, dass die Anhebung des Renteneintrittsalters jetzt zu spät käme – und auch nicht ausreichen würde, um das Rentensystem zu stabilisieren.

    „Rente mit 70 ist längst überfällig“ – Renten-Experte warnt vor Scheitern der Reform

    Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus sagt Raffelhüschen: Wenn das Rentenzugangsalter bereits Anfang der Neunzigerjahre an die Lebenserwartung gekoppelt worden wäre, würde man heutzutage mit 69 Jahren in Rente gehen und damit auf einen Renteneintritt mit 70 zusteuern. Er verweist dabei auf Skandinavien, wo dieses System bereits vor über 30 Jahren eingeführt wurde, um angesichts des demografischen Wandels die Rente finanziell tragfähig zu machen. Laut einem Rentenmodell-Vergleich von der Deutschen Welle koppeln derzeit neun EU-Staaten das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung.

    In Deutschland sei die Rente mit 70 laut Raffelhüschen demnach längst überfällig. Er fordert eine schnelle Anhebung des Rentenalters, spätestens ab 2030. Jede spätere Einführung hätte ihm zufolge kaum noch Wirkung, weil die geburtenstarken Jahrgänge dann schon weitgehend im Ruhestand sein werden.

    Geburtenstarke Jahrgänge gehen in Rente: Was ist das Problem?

    Sogenannte Babyboomer sind Personen, die in den besonders geburtenstarken Jahrgängen zwischen Mitte der 1950er bis Ende der 1960er Jahre geboren wurden, wie das Demografieportal des Bundes und der Länder mitteilt. Viele von ihnen gehen in den nächsten Jahren in Rente – einige sind sogar bereits vorzeitig in den Ruhestand gegangen, bevor sie das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht haben, wie Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigen.

    Mit der hohen Anzahl von Rentnern und weniger Arbeitnehmern, die Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen, gerät das Rentensystem weiter unter Druck.

    „Angenehm kann es nicht mehr werden“: Welche Reform-Vorschläge hat Renten-Experte Raffelhüschen?

    Laut Raffelhüschen geht es nun – da man vor 30 Jahren einen Umstieg auf ein erhöhtes Renteneintrittsalter verpasst hat, als es ihm zufolge noch angenehm gewesen wäre – „nur noch darum, den Schaden zu begrenzen“. Maßnahmen, um das Rentensystem neu zu justieren, sähen seiner Meinung nach so aus, dass ...

    1. das Renteneintrittsalter zügig angehoben werde,
    2. der Nachhaltigkeitsfaktor wieder eingesetzt und gestärkt werde und
    3. die Abschläge beim vorzeitigen Ruhestand erhöht werden.

    Zur Erklärung: Der Nachhaltigkeitsfaktor ist Teil der Rentenanpassungsformel und berücksichtigt, wie sich das Verhältnis zwischen Beitragszahlenden und Rentenbeziehenden verändert, wie die Deutsche Rentenversicherung erklärt. Steigt die Zahl der Rentner schneller als die Zahl der Beitragszahlenden, wirkt sich das bei der Rentenanpassung dämpfend aus. Das heißt, Rentenerhöhungen fallen geringer aus. Der Nachhaltigkeitsfaktor kann aber auch rentenerhöhend wirken. Laut Bundesrechnungshof hat der Nachhaltigkeitsfaktor zwischen 2005 und 2024 insgesamt leicht rentenerhöhend gewirkt. Im Juli 2024 wurde jedoch die bisherige Rentenanpassungsformel, mit ihren Dämpfungsfaktoren in Form von Beitragssatzfaktor und Nachhaltigkeitsfaktor, mindestens bis zum 30. Juni 2026 ausgesetzt. Ein Punkt, den Raffelhüschen kritisiert: „Dass er [der Nachhaltigkeitsfaktor, Anm. d. Red.] immer wieder ausgesetzt wurde, war ein Fehler.“ Nur durch das Wiedereinsetzen und die Stärkung des Nachhaltigkeitsfaktors könnten die Beitragssätze langfristig stabil bleiben, meint der Experte.

    Die Abschläge bei einem vorzeitigen Renteneintritt betreffend ist die Lage in Deutschland derzeit so: Wer die Altersrente für langjährig Versicherte mit mindestens 35 Versicherungsjahren vor dem regulären Rentenalter beziehen möchte, muss Abschläge hinnehmen. Für jeden Monat, den die Rente früher startet, wird die Bruttorente dauerhaft um 0,3 Prozent gekürzt, informiert das Rentenportal ihre-vorsorge.de. Auch hier verweist Raffelhüschen auf das Vorbild Skandinavien, wo die Abschläge zwischen 0,4 bis 0,5 Prozent umfassen. Mit solch einer Maßnahme gäbe es laut dem Ökonomen deutlich weniger Anreize für einen frühen Ruhestand.

    Das oft angeführte Argument, dass vielen körperlich hart arbeitenden Arbeitnehmern, etwa im Handwerk, nicht zuzumuten sei, bis 70 zu arbeiten, hält Raffelhüschen derweil für irreführend: Eine Rente mit 70 würde nichts daran ändern, dass Betroffene wie heutzutage auch eine Erwerbsminderungsrente bekommen können. Das höhere Risiko körperlicher Berufe müsse über Löhne und Gewerkschaften abgefedert werden, nicht durch die gesetzliche Rentenversicherung.

    Auch der Vorschlag, Man würde zwar kurzfristig Beiträge einholen, langfristig aber zusätzliche Rentenansprüche aufbauen. Auch andere Experten liefern großteils Argumente gegen die Aufnahme von Beamten in die gesetzliche Rentenversicherung. Denn so würde das strukturelle Problem des Rentensystems nicht gelöst werden.

    Das Fazit des Experten lautet: „Die Frage ist, wann wir bereit sind, aus der demografischen Realität endlich die Konsequenzen zu ziehen.“ Zu welchen Ergebnissen die Rentenkommission kommt und ob die Rente mit 70 tatsächlich Teil der künftigen Reformen sein wird, ist aktuell noch offen.

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