Jedes Jahr, sobald ich von meinem geheimen Informanten in Salzburg erfahre, dass die ersten Pfifferlinge zu finden sind, gibt es für mich kein Halten mehr. Ich weiß eh, es ist noch früh in der Saison, aber nach den kräftigen Regengüssen und halbwegs milden Temperaturen musste ich mich am vergangenen Wochenende einfach auf die Suche machen. Und wurde mit einem ganz besonderen Erlebnis belohnt.
Dreiviertel des Weges zu meinem altbekannten Sammelplatz lagen hinter mir, als ich wenige Meter oberhalb ein Rascheln im Dickicht der Schwarzbeeren hinter einer alten Baumwurzel vernahm. Ich blieb stehen und machte einen langen Hals, konnte aber nichts entdecken. Die Frage, ob ich den extrem steilen Abschnitt noch ein Stück weiter hinaufkraxeln sollte, um den Verursacher der Geräusche zu Gesicht zu bekommen, stellt sich mir so gut wie nie. Die Neugier ist einfach stärker. Fast auf dem Bauch liegend robbte ich in Richtung der alten, umgekippten Wurzel.
Im Film rettet Sisi dem Auerhahn das Leben
Dahinter: Drei kleine Auerhähne. Oder Hennen. Als Jungvögel sind sich noch beide Geschlechter zum Verwechseln ähnlich. Erst mit der ersten Mauser im Herbst kann man Buben und Mädchen halbwegs zuverlässig voneinander unterscheiden.
Ich blieb regungslos und musste unweigerlich an diese berühmte Szene aus „Sissi“ denken: Franzl nimmt sie mit auf Auerhahnjagd. Während einer bestimmten Strophe des Balzgesangs bekommt der Auerhahn von seiner Umgebung nichts mit. Das ist keine Erfindung des Drehbuchschreibers, sondern stimmt wirklich. Der Vogel ist dann wie in Trance, man kann einige Schritte in seine Richtung machen, muss aber erstarren, wenn er mit dem nächsten Liedteil beginnt, sonst wird man bemerkt. Sissi hat Mitleid mit dem Auerhahn. Sie winkt während der falschen Strophe mit dem Hut, Franzl und sie werden bemerkt, der Auerhahn flüchtet. Ich glaube, so in etwa war es.
Auerhennen haben bis zu elf Jungen
Meine drei Auerhähne wurden plötzlich aufgeregt. Einer von ihnen flog auf eine benachbarte Lärche, die anderen zwei in Richtung eines höher gelegenen großen Steins. Dort saß, meine Güte, auch die Mama. Sie hatte sich in der Zwischenzeit offenbar um weitere Kinder gekümmert, die mit ersten Erkundungsflügen im Wald begonnen hatten. Auerhennen haben im Schnitt sieben bis acht Junge, manchmal elf. Was für ein Stress muss es für die Henne sein, diesen flatternden Haufen unter Kontrolle zu behalten!
Tatsächlich wurden es um mich herum immer mehr Jungvögel. Ich wollte sie keinesfalls stören oder aufregen, also trat ich ruhig und langsam den Rückzug an. Allerdings nicht ohne mein Handy zu zücken und aus größerer Entfernung ein schlechtes Bild zu machen. Für mich war dieses Erlebnis wieder der Beweis: Mein jährliches Motto für den Sommer, man möge daheimbleiben und heimische Tiere entdecken, ist hundertprozentig besser als jeder Strandurlaub. Und hier noch ein Buchtipp für alle Auerhahn-Interessierten: „Auerhuhn – Ein Urvogel verschwindet“ (Kosmos) mit spannenden Erlebnissen aus dem Schwarzwald vom berühmten Ornithologen Peter Berthold.
Zur Person: Tanja Warter ist Tierärztin und verknüpft seit Jahren die Leidenschaft für die Tiermedizin mit dem Spaß am Schreiben.
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