Seine Frau nahm am Leben wieder mehr teil. Sie fühlte sich fitter, war geistig reger. Das war der Eindruck eines Mannes, dessen Ehefrau Lecanemab erhielt, berichtet Professor Dr. Matthias Riepe. Der Altersmediziner setzt im Bezirkskrankenhaus Günzburg das Medikament ein, das vielen als Hoffnungsträger im Kampf gegen Alzheimer gilt. Nun gab es aber einen Dämpfer.
Antikörper richtet sich gegen die Eiweißablagerungen im Gehirn
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die vom Hersteller vorgelegten Studiendaten keinen Zusatznutzen im Vergleich zum bisherigen Therapiestandard belegen. Dabei ist Lecanemab ein Wirkstoff, der sich erstmals gegen eine mögliche Ursache der Alzheimer-Krankheit richtet, nämlich Eiweißablagerungen im Gehirn. Seit September steht das Arzneimittel in Deutschland zur Verfügung und ist für Erwachsene mit leichter kognitiver Störung sowie mit leichter Demenz zugelassen. Was bedeutet das G-BA-Ergebnis für Patienten?
Welch große Hoffnungen viele Patienten mit Lecanemab verbinden, wissen Jörg Fröhlich und Jens Schneider von der Alzheimer Gesellschaft Augsburg. Denn dort rufen viele an. „Wir müssen dann immer wieder erklären, dass nur sehr, sehr wenige Patienten überhaupt für die Behandlung mit diesem Antikörper infrage kommen“, sagt Fröhlich. Dennoch sehen sie in Lecanemab einen Weg in die richtige Richtung: „Ich würde es sehr bedauern, wenn die Entscheidung des G-BA nun dazu führen würde, dass diese große Chance, die mit Lecanemab verbunden ist, nicht mehr weitergeführt wird“, sagt Pharmazeut Schneider.
Experten einig: Viele Demenzerkrankungen ließen sich vermeiden
Gleichzeitig wird nach Einschätzung von Schneider und Fröhlich viel zu wenig für die Prävention getan: Die internationale Lancet-Kommission hat erst im Dezember darauf hingewiesen, dass rund 36 Prozent der Demenzfälle in Deutschland mit Risikofaktoren zusammenhingen, die vermeidbar wären. Dazu zählen: Bluthochdruck, Schwerhörigkeit, zu hohe Blutfettwerte und körperliche Inaktivität.
Dabei wäre es der Traum der Medizin, wie Professor Dr. Alkomiet Hasan erklärt, so frühzeitig bei einer Alzheimer-Demenz eingreifen zu können, dass die Krankheit erst gar nicht entsteht. Prävention ist für den Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Universität Augsburg am BKH Augsburg ein sehr wichtiges Thema. Er wünscht sich allerdings auch, dass Lecanemab weiter im Einsatz bleiben kann, damit mehr Erfahrungen gesammelt werden können. „Aus rein formal-juristischen Gründen kann ich das Ergebnis des G-BA nachvollziehen“, sagt Hasan, „als Arzt, der täglich Patienten behandelt, und als Forscher ist es enttäuschend. Es ist eine Entscheidung gegen die Patienten. Denn wir bräuchten mehr Zeit, um mehr Klarheit über die langfristigen Auswirkungen zu bekommen. Die Studie, auf die sich der G-BA bezieht, dauerte lediglich 18 Monate, das ist sehr kurz, wir wissen doch gar nicht, was sich im Gehirn danach tut.“ Was man mit Gewissheit sagen könne, dass Lecanemab etwas im Gehirn wegräume, nämlich die Eiweißablagerungen, die da nicht hingehörten.
Es könnten nur Menschen zum Zug kommen, die alles aus eigener Tasche zahlen
Keine unwesentliche Rolle beim Einsatz von Lecanemab spielten auch die hohen Kosten, räumt Hasan ein. Sie werden pro Patient im Jahr auf etwa 24.000 Euro geschätzt. Allerdings kämen etwa auch in der Krebsbehandlung oft teure Therapien zum Einsatz, sagt Hasan, und man müsse berücksichtigen, dass eine Alzheimer-Demenz in aller Regel langfristig in die Pflege führt, was ebenfalls mit sehr hohen Kosten verbunden ist. Was aus ethischen Gründen keinesfalls passieren darf, betont Hasan, dass nur vermögende Patienten das Medikament erhalten, die es aus eigener Tasche bezahlen.
„Es gibt keine Alterskaries und auch keine Altersvergesslichkeit.“
Professor Dr. Matthias Riepe, Altersmediziner
Diese Gefahr sieht auch der Geriater Riepe. Aus seiner Sicht ist es aber auch so, dass die Studie auf der die G-BA-Entscheidung fußt, „gravierende methodische Schwächen aufweist, da eine wissenschaftliche Vergleichbarkeit des Nutzen der Therapien so nicht gegeben ist“. Riepe will den Einsatz von Lecanemab am BKH in Günzburg fortsetzen, allerdings sei es bisher nur eine einstellige Patientenzahl. Denn das Medikament sei aus vielerlei Gründen nicht für jeden geeignet: So müsse ein sehr frühes Stadium der Erkrankung diagnostiziert worden sein. Vor Beginn der Behandlung sei außerdem der Nachweis von Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn nötig. Zudem müsse mittels eines Gentests ausgeschlossen werden, dass die Erkrankten mehr als eine Kopie des ApoE4-Gens tragen. Passe alles, erhalten die Erkrankten das Arzneimittel mittels Infusion. Riepe rät jedem, der Einschränkungen bei sich beobachtet, diese immer medizinisch abklären zu lassen. „Denn es gibt keine Alterskaries und auch keine Altersvergesslichkeit.“
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