Rückenschmerzen, Bandscheibenprobleme, Arthrose – Muskel- und Skeletterkrankungen bedeuten nicht nur für die Betroffenen oft einen langen Leidensweg. Sie führen auch zu häufigen und vor allem langen Ausfallzeiten in den Unternehmen. Das belegen Zahlen der BKK aus den Jahren 2016 bis 2024. So sind Muskel- und Skeletterkrankungen allein für mehr als einen von fünf Ausfalltagen verantwortlich.
Das liegt daran, dass die Dauer ziemlich hoch ist: Wenn jemand deswegen ausfällt, dann im Schnitt mehr als 18 Tage. Männer sind deutlich stärker betroffen, was daran liegt, dass sie häufiger in körperlich sehr fordernden Berufen arbeiten. Blickt man sich die Berufsgruppen an, die vor allem von Muskel- und Skeletterkrankungen betroffen sind, so sind das vor allem die Reinigungsberufe, gefolgt von der Fertigung, dem Verkehr- und Logistik-Bereich sowie dem Bau- und Ausbau. Am Ende der Skala stehen Menschen in der Unternehmensführung, sie haben, glaubt man den Zahlen, am wenigsten Probleme mit ihrem Muskel- und Skelettapparat.
Der Fitnessclub am Abend oder die Joggingrunde reichen nicht
Dr. Bernd Reinhardt möchte erst gar keine so große Unterschiede zwischen den einzelnen Berufsgruppen machen. Denn für den erfahrenen Orthopäden tragen alle Menschen, die sich zu wenig und zu einseitig bewegen, ein sehr hohes Risiko für eine Muskel- und Skeletterkrankung, erklärt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Gründer des Bundesverbands Deutscher Rückschulen betont: „Wir haben so einen unheimlichen Bewegungsmangel, der lässt sich auch mit einem Fitnessclub-Besuch am Abend oder einer Runde Joggen nicht mehr ausgleichen.“
Ein Großteil unserer Muskeln und Gelenke verkümmere so stark, dass nicht nur der Muskel- und Skelettapparat enorme Schäden nehme und schmerze, die Folge sei eine ganze Vielzahl an schweren Erkrankungen wie etwa auch des Herzens und der Lunge, warnt der frühere Arbeitsmediziner. „Wir verhocken unsere ganze Gesundheit“, bringt es Reinhardt auf den Punkt und ergänzt: „Längst ist es beispielsweise erwiesen, dass langes Sitzen sogar das Risiko für Darmkrebs erhöht.“ Das große Problem, so Reinhardt: „Der Mangel an Bewegung führt zumeist lange Zeit völlig unbemerkt zu vielerlei ernsthaften Erkrankungen.“
Entscheidend sei die Dynamik und der regelmäßige Einsatz aller Muskeln und Gelenke, erklärt Reinhardt. Jede einseitige und zu starke Belastung – und dies betreffe natürlich vor allem auch Berufsgruppen wie beispielsweise im Bau und Ausbau, aber auch in der Reinigung – führe zu einem Abbau von wichtigen Muskeln und Gelenken. „Das ist auch seit Langem bekannt, es passiert nur leider nichts – weder in Handwerks- noch in Büroberufen.“
Richtiges Heben kann gelernt werden
So müsste in Berufen, in denen beispielsweise oft schwer gehoben werden muss, das richtige Heben gelernt werden, sagt Reinhardt. „Denn gesundes Heben ist lernbar.“ In Büroberufen wiederum hätten viele Beschäftigte heute zwar einen höhenverstellbaren Schreibtisch, doch der allein brächte nichts, zumal viele damit wiederum zu viel stehen: „Was nach wie vor fehlt, ist die regelmäßige, abwechslungsreiche Bewegung. In jede Stunde muss eine kleine Bewegungseinheit eingebaut werden, die die verschiedenen Muskeln und Gelenke berücksichtigt“, erklärt Reinhardt.
„Was ebenfalls erwiesen ist: durch längeres Sitzen sinkt beispielsweise das Herzminutenvolumen und damit auch die Sauerstoffzufuhr für das Gehirn, sprich, wir bringen im Sitzen viel weniger Leistung, was eigentlich jeden Arbeitgeber beunruhigen sollte und dazu bewegen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“
In der Freizeit wird auch zunehmend eine schädigende Haltung angenommen
Reinhardt, der unter anderem das Buch „Vom Jäger und Sammler zum Stubenhocker“ geschrieben hat, fürchtet vor allem, dass die Krankschreibungen noch deutliche zunehmen werden: „Denn durch Smartphone und Tablet verhocken die meisten Menschen heute auch ihre Freizeit und das in einer für unsere Muskulatur und Gelenke massiv schädigenden Haltung. Zu recht wird schon gewarnt, dass diese ganze verrenkte Sitzerei am Smartphone das Potenzial für eine neue Pandemie hat.“
Auch Anne-Kathrin Klemm, die Vorständin des BKK-Dachverbands, wünscht sich mehr Engagement von Unternehmensseite. Und sie sieht nicht nur die starke körperliche Belastung von Beschäftigten in der Reinigungsbranche, in der Fertigung, im Verkehr- und Logistiksektor sowie im Bau- und Ausbau. „Erschwerend hinzu kommen strukturelle Faktoren wie eine teilweise geringe Arbeitsplatzsicherheit und eingeschränkte Einflussmöglichkeiten auf Arbeitsabläufe. Aus unserer Sicht sind die Unternehmen in diesen Bereichen daher besonders gefordert, präventive Maßnahmen anzubieten und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.“ Betriebe, die ergonomische Beratung, arbeitsplatznahe Trainings, besser geeignete Arbeitsmittel und eine gesundheitsbewusste Führungskultur implementieren, ermöglichten es ihren Mitarbeitenden, länger gesund zu arbeiten.
„Das Wissen über die Risiken von körperlicher Überlastung und langem Sitzen ist seit Jahren vorhanden – nun muss die konsequente Umsetzung wirksamer betrieblicher Prävention folgen.“
Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des Dachverbands der BKK
Klemm wünscht sich insgesamt, dass Prävention noch konsequenter direkt am Arbeitsplatz verankert wird. „Dazu gehören ein frühzeitiges Eingreifen bei ersten Beschwerden, eine bessere ergonomische Ausstattung und deren sachgerechte Nutzung sowie die Integration von Bewegung als selbstverständlicher Bestandteil des Arbeitsalltags – sowohl in körperlich belastenden Berufen als auch in Bürojobs.“ Besonders wirkungsvoll sei dabei ein ganzheitlicher Ansatz, bei dem organisatorische und personenbezogene Maßnahmen zusammenspielen und bei dem Führungskräfte eine aktive Rolle übernehmen.
„Das Wissen über die Risiken von körperlicher Überlastung und langem Sitzen ist seit Jahren vorhanden – nun muss die konsequente Umsetzung wirksamer betrieblicher Prävention folgen.“ Zumal die Krankenkassen Unternehmen beim Aufbau und Ausbau von Programmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung unterstützen, betont Klemm. „Wenn ein Unternehmen nicht weiß, an welche Krankenkasse es sich wenden soll, sind die BGF-Koordinierungsstellen die richtige Adresse. Sie beraten zu Aktivitäten zur Gesundheitsförderung im betrieblichen Alltag und zu Fördermöglichkeiten – unabhängig von Branche und Beschäftigtenzahl.“ Neben einer kostenfreien Beratung am Telefon oder vor Ort stehe mit dem Webportal www.bgf-koordinierungsstelle.de eine weitere Möglichkeit zur Verfügung.
Viele Menschen warten, bis es wehtut
Reinhardt sieht aber nicht nur die Unternehmen in der Pflicht, für mehr Bewegungsvielfalt am Arbeitsplatz zu sorgen. „Ein Großteil der Menschen wartet leider ab, bis es wehtut. Dann ist es aber oft schon zu spät. Was den meisten fehlt, ist das Bewusstsein für den eigenen Körper und was dieser braucht.“
Daten der Betriebskrankenkassen (BKK) zeigen, wie es um die Gesundheit der Menschen in Bayern bestellt ist. Unsere Redaktion hat die Zahlen in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) exklusiv ausgewertet. In fünf Folgen gehen wir auf einzelne Krankheitsbilder näher ein.
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