Startseite
Icon Pfeil nach unten
Krumbach
Icon Pfeil nach unten
Gundelfingen
Icon Pfeil nach unten

Gundelfingen: Zu Besuch bei Air Liquide: So gewinnt man lebenswichtigen Sauerstoff

Gundelfingen

Zu Besuch bei Air Liquide: So gewinnt man lebenswichtigen Sauerstoff

  • |
  • |
  • |
    Betriebsleiter Claus-Jürgen Rebbe wacht über die Industrieanlage.
    Betriebsleiter Claus-Jürgen Rebbe wacht über die Industrieanlage. Foto: Bernhard Weizenegger

    In Kliniken wird er immer gebraucht - und seit die Corona-Pandemie die Welt im Griff hat, mehr denn je: Sauerstoff. Die Nachrichten aus Indien etwa in den vergangenen Wochen waren verheerend, dort sendeten Krankenhäuser Hilferufe, weil ihnen der Sauerstoff für die Patienten schlicht ausging. "Der Bedarf überstieg dort die Produktionskapazitäten, davon waren wir hier in Deutschland aber weit entfernt", weiß Andreas Voß, Sprecher des Gasherstellers Air Liquide.

    Das Air-Liquide-Werk in Gundelfingen: Aus Atemluft werden dort Sauerstoff und Stickstoff abgetrennt und verflüssigt, um die Gase für die Industrie und Medizin transportfähig zu machen.
    Das Air-Liquide-Werk in Gundelfingen: Aus Atemluft werden dort Sauerstoff und Stickstoff abgetrennt und verflüssigt, um die Gase für die Industrie und Medizin transportfähig zu machen. Foto: Bernhard Weizenegger

    In Deutschland, so sagt er, muss man sich so schnell keine Sorgen machen, dass der Sauerstoff für die Patienten ausgeht. Warum? Anders als in Indien oder Südamerika, vergleicht Voß, verfügen die Krankenhäuser hier über große Tanks direkt vor Ort, die es ermöglichen, dass der Sauerstoff durch die Wand zum Patienten gelangen kann. Zwar gebe es auch in den deutschen Krankenhäusern Sauerstoffflaschen, die würden aber nur gebraucht, wenn ein Patient zum Beispiel verlegt wird. "Am Patientenbett können wir einen Schlauch anbringen und für den Transport haben wir kleinere und größere Flaschen, die extra befüllt werden", erklärt dazu Lutz Freybott, stellvertretender Direktor des Klinikmanagements in Krumbach.

    Klinik Krumbach: Viermal pro Monat wird der Sauerstofftank befüllt

    Immer im Blick hat die Sauerstofflieferung dort Thomas Jahn, Leiter der Haustechnik. Ungefähr viermal im Monat, erzählt er, wird der Tank in Krumbach von der Firma Linde befüllt. Rund 1,3 Tonnen Flüssigsauerstoff passen hinein. Bei einem separaten Unternehmen bestellt Jahn die Flaschen, die zwischen drei und zehn Liter Flüssigsauerstoff fassen. Angeliefert werden diese meist am Montag in der Früh, der Zeitpunkt der Lieferungen für den großen Tank kann variieren, je nachdem, wann der Sauerstoff zur Neige geht. Die Neubestellung erfolgt automatisiert und so muss Jahn lediglich die Überwachungsanlage prüfen. Vor Ort wird der in flüssiger Form angelieferte Sauerstoff wieder in Gas umgewandelt und kann über ein Leitungssystem in jedes einzelne Krankenzimmer der Klinik geleitet werden, auch in den OP. Sollte mit dem Tank mal etwas nicht stimmen, gibt es für wenigstens einen Tag immer Reserve.

    Die Günzburger Krankenhäuser werden ebenfalls von Linde beliefert, in der Regel ein- bis zweimal pro Woche. Wie Wilhelm Wilhelm, Regionalleiter Nord der Bezirkskliniken Schwaben, weiß, stieg der Bedarf während der Pandemie, das Günzburger Bezirkskrankenhaus und die Kreisklinik zusammengenommen, um circa 30 Prozent an. Auch in Krumbach wurde weit mehr Sauerstoff gebraucht, zu Engpässen, sagt Haustechniker Jahn, sei es aber nie gekommen. Denn die Unternehmen, die in Deutschland Sauerstoff herstellen, beliefern zwar Kunden in der Medizinbranche. Der Großteil aber wird für die Industrie genutzt, für Verbrennungsöfen zum Beispiel. "Bei höherem Bedarf in der Medizin würde man den Sauerstoff einfach einem Großkunden in der Industrie kürzen können", so Air-Liquide-Sprecher Voß.

    Wenn es zu einem Problem kommen sollte, dann also nicht wegen der verfügbaren Menge an Sauerstoff, sondern wegen des Transports, wie Air-Liquide-Betriebsleiter Claus-Jürgen Rebbe in Gundelfingen schildert. "Man kann sich den Sauerstoff wie eine Tablette vorstellen und den Transport-Lkw oder die Sauerstoffflaschen wie die Verpackung dafür. Würde der Bedarf enorm ansteigen, hätten wir noch immer genug Tabletten, aber die Verpackung wäre der Knackpunkt. Wir haben ja nicht auf einmal so viele Lkw mehr."

    Air Liquide in Gundelfingen beliefert das Krankenhaus in Dillingen

    Rebbe ist Fachmann auf dem Gebiet der Sauerstoffherstellung, seit der Inbetriebnahme im Jahr 2012 leitet er das Air-Liquide-Werk in Gundelfingen, das unter anderem den Sauerstoff ans Dillinger Krankenhaus liefert. Dort passen 2000 Kubikmeter Flüssigsauerstoff in den Tank, befüllt wird dieser regelmäßig alle zwei Wochen, wie der technische Leiter Stefan Fischer weiß. Das Bestellsystem läuft ebenfalls automatisch, für den Notfall stünden auch hier jederzeit Sauerstoffflaschen bereit.

    An einem Dienstagmorgen öffnet Rebbe die blauen Tore der abgelegenen Anlage ausnahmsweise nicht nur für einen der Lastkraftwagen, die hier Tag und Nacht ein- und ausfahren, sondern auch für die Redaktion. Während er über den Sauerstoff und dessen Verpackung spricht, wird neben ihm ein Lkw befüllt. "Das ist einer der Lkw, die Krankenhäuser beliefern. Ein kleinerer, der umfasst zwischen zehn und zwölf Tonnen Flüssigsauerstoff", erklärt er. Die anderen, die zu den Kunden in der Industrie fahren und von denen heute auch schon mehrere vom Hof gerollt sind, können hingegen bis zu 24 Tonnen transportieren. Binnen 24 Stunden, sagt Rebbe, kämen zwischen 20 und 40 Lkw für eine Abholung angerollt.

    Vier Mitarbeiter haben die Produktion in Gundelfingen im Blick

    Gemeinsam mit drei weiteren Mitarbeitern kümmert er sich um den reibungslosen Ablauf bei der Herstellung des Sauerstoffs. "Eigentlich braucht die Anlage uns aber gar nicht", sagt er schmunzelnd. Das ganze Jahr über ist sie in Betrieb - und lediglich alle fünf Jahre wird sie abgetaut. Zwei große Tanks stehen auf der 6000 Quadratmeter großen Anlage - im größeren wird der Stickstoff gelagert, im kleineren der Sauerstoff.

    Für die Herstellung wird im ersten Schritt die Umgebungsluft angesaugt und gefiltert, störende Bestandteile wie Staub werden dabei entfernt. Danach wird die Luft auf rund sechs bar verdichtet und auf minus 180 Grad heruntergekühlt. Weiter geht es in der sogenannten Destillationskolonne, dem 34 Meter hohen "Turm" auf dem Gelände, der mehrere Böden hat. Darin wird die Luft in ihre Bestandteile zerlegt, ein rein physikalischer Vorgang. "Wir nutzen es aus, dass verschiedene Stoffe bei verschiedenen Temperaturen flüssig werden", so Rebbe. Am Ende sammelt sich der flüssige Sauerstoff unten am Boden, während der noch gasförmige Stickstoff oben bleibt und in einem separaten Schritt verflüssigt wird.

    Herstellung von Sauerstoff: Aus 850 Litern Gas wird ein Liter Flüssigkeit

    Die Gase zu verflüssigen macht deshalb Sinn, weil das Volumen von Flüssigkeit erheblich geringer als das von Gasen ist. So wird beim Sauerstoff aus 850 Litern Gas ein Liter Flüssigkeit und beim Stickstoff aus 690 Litern Gas ein Liter Flüssigkeit. Dass im größeren der beiden Tanks auf dem Gelände, den man mit seinen 16 Metern Höhe über gut einhundert Stufen erklimmen kann, der Stickstoff verwahrt wird, ist klar - besteht unsere Luft schließlich zu etwas mehr als 78 Prozent aus Stickstoff. 20,95 Prozent sind Sauerstoff, der Rest bildet sich aus Argon, Kohlendioxid und Neon. Im Stickstofftank herrschen eisige minus 190 Grad Kälte, im Sauerstofftank sind es minus 175, und dass es in den Tanklastern auch schön kalt bleibt, funktionieren die, vergleicht Rebbe, wie eine Thermoskanne.

    Wenn es nun also überhaupt einen Haken gibt an der Lieferung von Sauerstoff bei uns in Deutschland, dann ist es wohl der, dass er sich auch trotz Tanks nicht ewig lagern lässt, wie Rebbe weiß. "Würde eine Firma für vier Wochen zumachen, wäre der Tank danach leer."

    Lesen Sie auch:

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden