Alexander Schauer schiebt das Tor zum Schafstall auf. Das kostet Kraft. Die Holztür ist zweimal so hoch wie der Schäfer – und wahrscheinlich doppelt so schwer. Er hat sie selbst gebaut, genau wie das Dach. Alles, was geht, machen er und sein Sohn, Manuel Schauer, selbst. Anders funktioniert es finanziell nicht, erzählen sie später. Jeden Tag beschäftigt sie die Frage: Wie kommen wir übers Jahr? Vor ein paar Wochen hat auch noch ein Wolf in der Nähe ihres Hofs in Ziemetshausen zugeschlagen. Über zwei Schäfer, die sich trotz vieler Hürden nicht von ihren Schafen trennen wollen.
Schäfer in Ziemetshausen: Zu wenig Platz, zu wenig Geld für einen neuen Stall
Im Stall ist es eng – und laut. Rund 400 Tiere blöken und meckern. Zwischen gescheckten und fuchsroten Schafen staksen braune und weiße Lämmer. In kleinen, mit Holzzäunen abgetrennten Gehegen säugen Muttertiere Nachwuchs, der erst wenige Tage alt ist. Es ist Lammzeit. Deshalb sind die Tiere im Stall und nicht auf der Weide.
Alexander Schauer deutet in eine Ecke. Früher hätten sie da Heu und Stroh gelagert, aber nun sind hier Tiere untergebracht. Er seufzt. „Uns geht der Platz aus.“ Sie bräuchten einen neuen Stall. 2024 hätten sie Angebote eingeholt. Das Günstigste lag bei 100.000 Euro. Dazu noch die Steuer. „Was der Bau kostet, holst du nicht aus den Schafen raus“, sagt der Landwirt. „Das erwirtschaftet man nicht.“
Trotz 70-Stunden-Woche verdienen Schäfer weit unter Mindestlohn
Draußen liegt Schnee, die Temperatur ungefähr bei null Grad. Auch im Stall ist es kalt. Den Tieren macht das nichts. „Die haben ihre Wollpullover schon an“, scherzt der 54-Jährige. Für die Schäfer dagegen wird es schon mal ungemütlich. Morgens, mittags, abends, bei jedem Wetter, 365 Tage im Jahr kümmern sie sich um ihre Tiere. Sie verkaufen Lämmer, ziehen von Wiese zu Wiese, betreiben mit den Schafen Landschaftspflege. Aber, sagt der 30-jährige Sohn, Manuel Schauer: „Von unserem Produkt können wir nicht leben.“ Das liege daran, dass Lammfleisch aus dem Ausland günstiger sei. Die Wolle sei gar zum „Abfallprodukt“ geworden. Weil sie keine Abnehmer mehr finden, streuen die Schäfer sie im Stall ein. Ohne Subventionen könnten sie sich nicht über Wasser halten, sagen die zwei. Selbst mit staatlicher Förderung bleibe das Einkommen weit unter dem Mindestlohn. Ohne einen anderen Job ginge es nicht. In einer Woche komme jeder von ihnen auf etwa 70 Arbeitsstunden.
Den emotionalen Schaden bezahlt dir keiner.
Manuel Schauer, Schäfer und Schafzüchter
Der junge Schäfer bückt sich, schiebt ein Lamm zur Mutter, damit es Milch trinkt. Die Bewegung ist routiniert, aber liebevoll. Man merkt: Dem Mann liegt etwas an seinen Tieren. So sehr, dass ihn die Angst vor dem Wolf nachts manchmal wachhält. Vor allem, nachdem Ende November in der Nähe mehrere Schafe gerissen wurden. Laut Landesamt für Umwelt ist Ziemetshausen nun eine sogenannte Förderkulisse. Zuschüsse gibt es für Herdenschutzzäune und -hunde. Doch der bürokratische Aufwand sei enorm, sagen die Schauers, die Zäune nur 90 Zentimeter hoch. Für einen Wolf leicht zu überwinden. Bei einem Herdenschutzhund würde die Anschaffung gezahlt, aber pro Herde brauche man zwei. Acht bis zehn Hunde wären das bei dem Betrieb des Vater-Sohn-Gespanns. Pro Tier rechnet, Alexander Schauer, für Futter, Krankenversicherung und Co. etwa 1500 Euro jährlich. Viel zu teuer für die Züchter. Wird tatsächlich ein Schaf gerissen, gibt es eine Ausgleichssumme. Aber an einem Angriff hänge mehr. Er verschrecke die Tiere. Durch den Stress könnten Schafe verlammen, also eine Fehlgeburt erleiden. Und überhaupt: „Den emotionalen Schaden bezahlt dir keiner“, merkt der junge Schauer an.
Idealismus, Herzblut und Sorge um die Biodiversität treiben die Schäfer an
Die Schauers gehören nicht zu denen, die sich selbst bemitleiden. Bevor sie lamentieren, nehmen sie Dinge in die Hand. Wenn kein Geld da ist, um den Schlepper in die Werkstatt zu bringen, dann bestellen sie die Ersatzteile und bauen sie selbst ein. „Hier wird immer umeinander getüftelt“, erklärt der Ältere. Ein Problem sei, dass sie als Schäfer keine richtige Lobby hätten. Bayerische Politiker mit landwirtschaftlichem Hintergrund kämen meist aus dem Ackerbau, aus Schweine- oder Milchviehbetrieben. Schafhaltung sei eine Nische. Trotzdem betonen die Schafszüchter: „Wir sind genauso Teil der Landwirtschaft.“
Tagein, tagaus auf die Weide, seitenweise Förderanträge ausfüllen, eine Reparatur nach der anderen, dazu Teilzeitjobs. Fragt man die Schauers, warum sie sich das antun, antworten sie: Wegen der Freude daran, mit den Schafen zu arbeiten. Herzblut, sagen sie. Und Idealismus. Gäbe es keine Schäfer mehr, da sind sie sicher, wäre das eine Katastrophe für die Biodiversität. In ihrer Wolle transportieren Schafe Insekten und Samen von A nach B. Wiesen, die man aus Naturschutzgründen weder mähen noch düngen darf, können dank Schafen gepflegt werden. Beim Thema Artenvielfalt blühen die sonst mit Emotionen eher sparsamen Schauers auf. Als gelernte Gärtner kennen sie seltene Gräser, Blumen, aber auch Libellen. Der Wiesenknopf-Ameisenbläuling, ein gefährdeter Schmetterling, begeistert die Männer so sehr, dass sie einander ins Wort fallen. Und auch bei der Schafhaltung spielt Arterhalt eine Rolle. Mehrere der Schafrassen, die die Ziemetshausener züchten, sind vom Aussterben bedroht.
Manuel Schauer ist 30 Jahre alt, alleinerziehend und verantwortlich für mehr als 400 Schafe
Manuel Schauer beugt sich zu einem weißen Lamm. Es ist gerade mal acht Tage alt. Er legt sich das kleine Tier auf den Arm. Das Schäfchen streckt die Zunge heraus, versucht Schauers Jacke abzulecken. Der lässt sich davon nicht stören. Er ist mit Schafen aufgewachsen. Als 14-Jähriger bekam er zwei eigene Schafe und einen Bock. Heute ist daraus eine Herde aus 130 Tieren geworden.
Mit seinen 30 Jahren ist Manuel Schauer unter den Schäfern eher eine Ausnahme. Die meisten seien in fortgeschrittenem Alter. „Die leben dafür. Die machen es, bis es nicht mehr geht“, erklärt er. „Bei mir ist es genauso“, wirft sein Vater ein. Die vielen Jahre harter, körperlicher Arbeit haben Spuren hinterlassen. Schmerzen im Knie und in der Schulter sind nur ein paar davon. Wenn ein Schaf bei der Geburt Hilfe braucht, muss der Sohn kommen. Auch einem ausgebüxten Schaf kommt der Vater nicht mehr hinterher. Offiziell führt Manuel Schauer den Betrieb nun alleine. Aber deswegen nicht mehr auf die Weide oder in den Stall? Für Alexander Schauer ist das keine Option. Er kann einfach nicht anders. Den Großteil seines Lebens züchtet er Schafe. Angefangen hatte es mit zwei Schafen und einem Bock. Damals, mit 18 Jahren, habe er die Tiere bei seiner Partnerin auf dem Hof untergebracht. „Mit der Freundin war irgendwann Schluss, dann bin ich mit den Schafen heimgekommen“, erinnert er sich.
Manuel Schauer schiebt das Stalltor zu. „Jetzt machen wir Mittag“, sagt Alexander Schauer. Spätestens um 17 Uhr geht es zurück in den Stall. Dann wird der alleinerziehende Manuel Schauer seinen Sohn dabeihaben. Der Vierjährige begeistert sich schon jetzt für Schafe. Vielleicht wächst hier der nächste Schäfer heran – wenn es den Hof dann noch gibt. Manuel Schauer hat bisher die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er irgendwann vom Betrieb leben kann. Vielleicht müsse er aber auch zusperren, weil alles zu viel wird. „Das wäre traurig.“
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