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Diözesanmuseum in Freising zeigt „Kunst von Ludwig I. bis zum Blauen Reiter“

Diözesanmuseum Freising

Im Zweifel hilft die heile Welt: Eine Schau über die Kunstgeschichte „von Ludwig I. bis zum Blauen Reiter“

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    Ein Kruzifix in der Landschaft: Dieses Gemälde malte Marianne von Werefkin.
    Ein Kruzifix in der Landschaft: Dieses Gemälde malte Marianne von Werefkin. Foto: privat

    Ein bisschen ist es, als würde man in Geleekonfekt beißen. Das pappt sofort an den Zähnen, und so schnell wird man das Zuckerzeug nicht mehr los. Andererseits öffnen starke Eindrücke die Augen, deshalb ist die Himmelfahrtsmadonna ein Volltreffer. So sehr Direktor Christoph Kürzeder und sein Team mit ihr hadern, das heißt, mit der Aufhängung weit oben im Lichthof des Freisinger Diözesanmuseums, wo sie nun auch noch dauernd fotografiert wird.

    Die jungfernhafte Maria des Münchner Akademieprofessors Ludwig von Löfftz ist auf dem Weg in die Ewigkeit, süße Engelchen streuen weiße Rosen – so haben sich die Kirchenoberen im ausklingenden 19. Jahrhundert die Kunst vorgestellt. Auf dem Domberg und erst recht in Rom. Pius IX., der Papst der Unfehlbarkeit und des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis, versäumte keine Gelegenheit, gegen die Moderne zu wettern. Die damit verbundene Ablehnung neuer Formen hängt der christlichen Kunst bis heute an, das ist einer der Konflikte, die in der Ausstellung „Himmlisches Wiedersehen. Von Ludwig I. bis zum Blauen Reiter“ so erhellend wie kritisch beleuchtet werden.

    Die jungfernhafte Maria des Münchner Akademieprofessors Ludwig von Löfftz.
    Die jungfernhafte Maria des Münchner Akademieprofessors Ludwig von Löfftz. Foto: Diözesanmuseum Freising, Michael Hopf

    Die Ausstellung zeigt Werke der Nazarener Friedrich Overbeck oder Peter Cornelius

    Schon vor Ludwigs Amtsantritt 1825 ging vieles nicht mehr zusammen. Die politischen Umbrüche waren rigoros, ohne jede Gnade hatte Napoleon Europa durchpflügt, und die sich anschließende Säkularisation betraf längst nicht nur Kirchen und Klöster. Sie hat gut eingespielte Versorgungs- und Bildungssysteme vernichtet, für Ersatz war nicht gesorgt. Dass der junge König mindestens einen Gang zurückschalten wollte, ist verständlich, wenngleich ihm eher der Sinn nach neuen Bau- und Bildwerken stand. In Bayern und besonders in München ist dieser Aufbruch unübersehbar, von der Ludwigskirche bis zu Mariahilf in der Au. Ganz zu schweigen von den Museen, Bildungstempeln und Ruhmeshallen.

    Doch im Gegensatz zu den klassizistischen Kulturbauten wurde in den Kirchen das Mittelalter bemüht. So ist die Gotik zum Stil einer zumindest versuchten Glaubenserneuerung avanciert. Bei aller Kunstfertigkeit konnte dieses Heraufbeschwören einer alten Dombauästhetik nur schematisch und kulissenhaft geraten. Maler wie die Nazarener Friedrich Overbeck oder Peter Cornelius haben sich indessen an Raffael orientiert, auch das war ausgesprochen „retro“. Genauso ist Ludwig von Löfftz‘ 1886 entstandene Madonna ein spätes, doch vielsagendes Beispiel für diesen Blick zurück.

    In gegenreformatorischer Zeit konnte es den Kirchenfürsten nicht modern genug sein

    Die Herausforderungen sind ja auch verrückt. Denn Löfftz, der für Landschaften und Genreszenen bekannt war, sollte nichts weniger als den während der Säkularisation in die Kurfürstlichen Galerien abgezogenen Rubens ersetzen. „Maria als apokalyptisches Weib“ war 1623 für den Hochaltar des Freisinger Doms bestellt worden.

    Und ist das nicht kurios? In gegenreformatorischen Zeiten konnte es den Kirchenfürsten nicht modern genug sein. Aber Zweifler und Abtrünnige ließen sich nach den verschiedenen Revolutionen nicht mehr so leicht beeindrucken. Für die großen Wunder war mittlerweile die Technik zuständig, die viele vor allem verunsichert hat.

    In der christlichen Malerei manifestierte sich die ewig biedermeierliche Sehnsucht nach der Idylle schließlich auch in der Darstellung von Kirchenfesten: August Fischbach zeigt 1856, wie sich Alt und Jung am Allerseelentag freudig in ihren Trachten begegnen. Und die harmlos-glatten Heiligen dieser Zeit wirken wie aus dem Moritz von Schwindschen Märchenwald gerutscht.

    In Freising sind auch Werke von Ulrich Halbreiter und Fritz von Uhde zu sehen

    Mit einem Panorama, wie es der Münchner Ulrich Halbreiter von Jerusalem schuf, war das Publikum letztlich besser bedient. 1844 hat der Historienmaler exakte Zeichnungen vor Ort angefertigt und daraus den Prototyp einer immersiven Ausstellung entwickelt. Wer Halbreiters Holzrotunde über einen dunklen Gang betrat, sah sich mitten im Heiligen Land samt eingefügter Kreuzigung. Das war damals ein Kassenschlager, die Bildershow tourte durch halb Europa.

    Was die christliche Malerei betraf, gingen die Meinungen dagegen weit auseinander, auch in der Überlegung, wie der Gottessohn darzustellen sei und wie viel reale Welt die Heilsgeschichte verträgt. Im „Schweren Gang (nach Bethlehem)“ schildert Fritz von Uhde 1890 die Herbergssuche von Maria und Joseph und spielt deutlich auf Wohnungsnot und Armut an. Sein Jesus, der die zeitgenössischen Bauernkindlein zu sich kommen lässt, ist ein sozial Engagierter, der nicht predigt, sondern zuhören und da sein will. Das Bild hat einige Kontroversen ausgelöst, die kirchlich-konservativen Vertreter gingen auf die Barrikaden, während liberale Kreise die Verknüpfungen mit der Gegenwart begrüßten.

    "Lasset die Kindlein zu mir kommen" ist ein Werk aus dem Jahr 1884, das Fritz von Uhde geschaffen hat.
    "Lasset die Kindlein zu mir kommen" ist ein Werk aus dem Jahr 1884, das Fritz von Uhde geschaffen hat. Foto: Michael Ehritt / bpk / Museum der bildenden Künste, Leipzig

    Auch der Blaue Reiter kreiste intensiv um die christliche Kunst

    Dass auch der Blaue Reiter intensiv um die christliche Kunst kreist, vergisst man gerne. Dabei gibt es jede Menge Kreuze: das von Marianne Werefkin vor gelbgrüner Wiese oder Heinrich Campendonks Kruzifixe, die an Kirchenfenster erinnern. Gabriele Münter ist tief in die Volkskunst eingetaucht, hat sich wie die Kollegen mit Hinterglasmalerei befasst. Da konnten Marienfiguren und Jesuskinder nicht ausbleiben.

    Der 1911 erschienene Almanach, die Programmschrift dieser Avantgarde, zeigt auf dem Titel einen Heiligen Georg aus der Feder Wassily Kandinskys. Und Franz Marc, der in seiner Jugend noch Pfarrer werden wollte, hat 1913 die Herausgabe einer illustrierten Bibel geplant. Nur war das Projekt mit der Geburt der Pferde auch schon zu Ende. Marc hatte die Schöpfungsgeschichte übernommen, Kandinsky wollte sich mit der Apokalypse befassen, Paul Klee mit den Psalmen, dann hat der Erste Weltkrieg die große Zäsur gesetzt.

    Auch der Blaue Reiter befasste sich mit dem Glauben: "Allerheiligen" heißt dieses Werk aus dem Jahr 1911 von Wassily Kandinsky.
    Auch der Blaue Reiter befasste sich mit dem Glauben: "Allerheiligen" heißt dieses Werk aus dem Jahr 1911 von Wassily Kandinsky. Foto: Schloßmuseum Murnau

    Wobei auch der Münchner Kardinal Michael Faulhaber 1924 in einer berühmt gewordenen Silvesterpredigt die Bremse zog: „Mögen die draußen die Bäume rot, die Pferde grün, die Menschen drei- oder viereckig malen“ – für die kirchlichen Künste konnte das nicht gelten. Und damit nahm Faulhaber noch ganz anderen Moderne-Gegnern das Wort aus dem Mund.

    Info: „Himmlisches Wiedersehen. Von Ludwig I. zum Blauen Reiter“, bis 26. Juli im Diözesanmuseum Freising, Dienstag bis Sonntag, 9 bis 17 Uhr.

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