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Einfamilienhaus: Experten fordern Baustopp und kritisieren Leerstand

Interview

Vom Lebenstraum zum Leerstand: Architekt fordert Baustopp für Einfamilienhäuser

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    Ein Einfamilienhaus, in dem man alt wird, wünschen sich viele in Deutschland. Doch dieses Denken macht uns unflexibel, kritisiert Architekturhistoriker Jan Engelke. Er plädiert für einen pragmatischen Umgang mit Wohneigentum.
    Ein Einfamilienhaus, in dem man alt wird, wünschen sich viele in Deutschland. Doch dieses Denken macht uns unflexibel, kritisiert Architekturhistoriker Jan Engelke. Er plädiert für einen pragmatischen Umgang mit Wohneigentum. Foto:  Andrea Warnecke, dpa (Symbolbild)

    Herr Engelke, Sie sagen: Besser kein einziges Einfamilienhaus mehr neu bauen. Warum?

    ENGELKE: Weil es genug gibt – über 16 Millionen. 83 Prozent aller Wohngebäude in Deutschland sind Einfamilienhäuser. Da wäre genug Platz, damit alle dort leben könnten, die sich das Wohnen im Einfamilienhaus wünschen: Im Schnitt leben aber nur 1,8 Personen in jedem Eigenheim. Trotzdem wurden in den letzten 20 Jahren jährlich etwa 100.000 neue gebaut. Das Einfamilienhaus ist eine Wohnform mit großen Qualitäten, aber angesichts der Klimakrise müssen wir besser mit Ressourcen haushalten.

    1,8 Bewohner klingt wenig – erst recht, wenn es um ein Haus für die Familie geht.

    ENGELKE: Das Einfamilienhaus passt gut in die Phase, in der die Kernfamilie dort lebt. Dann stimmt das Verhältnis von Personen zur Fläche – und Versprechungen werden eingelöst: direkter Zugang zum Garten, Raum für Selbstverwirklichung, Platz für Kinder. Aber wenn die Kinder ausziehen und Besitzer älter werden, dreht sich das Verhältnis: weil man sich um das Haus kümmern muss und das jede Menge Arbeit ist, weil in Wohngebieten oft Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Versorgung und andere Angebote fehlen. Dann stellt sich die Frage, ob das Einfamilienhaus noch das richtige ist.

    Was macht den Abschied aus dem Eigenheim im Alter leichter?

    ENGELKE: Es hilft, wenn man möglichst nahe an dem Ort bleiben kann, den man kennt, und in dem man Beziehungen zur Nachbarschaft hat. Zudem muss das neue Heim eine Wohnform mit architektonisch hoher Qualität sein. Nach dem Auszug aus dem Einfamilienhaus will man nicht in zwei Zimmern ohne Balkon leben, die am Ende vielleicht genauso teuer sind wie das Haus, das man gerade verkauft.

    Wenn ich im Einfamilienhaus bleiben will: Gibt es spezielle Architektur für den Umbau – und auch einen Markt dafür?

    ENGELKE: Es ist nicht so sehr eine architektonische Frage. Viel wichtiger wäre eine umfassende Beratung. Abseits der Klischees gibt es in unseren Köpfen kaum Bilder davon, wie das Leben im Einfamilienhaus sein könnte, wenn die Familie mal nicht mehr da ist. Eine Wohnberatung, vielleicht auf kommunaler Ebene, müsste Häuslebauern aufzeigen: Was gibt es überhaupt für Alternativen?

    Wäre es einfacher umzudenken, wenn wir Häuser konsequent mieten würden?

    ENGELKE: Die Idee, das Eigenheim als das große Ziel meiner Biografie zu verstehen – als mein Haus, in dem ich immer wohnen bleibe – macht uns unflexibel. Wir täten gut daran, Einfamilienhäuser als sehr gute Wohnform für eine bestimmte Zeit zu begreifen. Und für andere Zeiten gibt es Wohnformen, die besser passen und etwa barrierefrei sind. Ich glaube, andere Eigentumsformen würden uns das erleichtern. Aber auch generell ein pragmatischerer Umgang mit Eigentum.

    Ist das Streben nach dem Haus, in dem wir alt werden, typisch deutsch?

    ENGELKE: Das Eigenheim ist bei uns untrennbar verbunden mit der persönlichen Geschichte und Erlebnissen im Haus. Das liegt in der Geschichte Deutschlands begründet, wie ich in meinem Buch untersucht habe: Die enge Verbindung mit dem Wirtschaftswunder hat das Eigenheim zu einem Teil bundesdeutscher Identität gemacht. Und die Idee, dass eine erfolgreiche bürgerliche Biografie damit verbunden ist, in einem Einfamilienhaus zu leben, ist nach wie vor total stark.

    Für Ihre Forschung sind Sie in die Zeit des Wirtschaftswunders eingetaucht. Was hat Sie besonders geprägt?

    ENGELKE: Diese Zeit ist mit ganz vielen Mythen aufgeladen, die sich gerade auch in den Schöner-Wohnen-Ausgaben zeigen, die ich untersucht habe: Vor jedem Haus steht ein neues Auto, wir sehen all die Produkte, die es für Haus und Garten gab. Es hat mir viel Spaß gemacht, in diese Welt einzutauchen. Erst dadurch habe ich noch mehr verstanden, woher die Gesellschaft heute eigentlich kommt. Aber es ist auch ein sehr normativer Blick, der damals vorherrschte.

    Können Sie das erklären?

    ENGELKE: Wohnräume sind in den Darstellungen immer top aufgeräumt. Es werden sehr bürgerliche Leute, nur weiße Leute, nur bestimmte Körper gezeigt. Und es herrscht stets das heteronormative Familienbild – dabei gab es in dieser Zeit auch andere Menschen und Lebensumstände. Dieser sehr selektive Zuschnitt mit klaren Rollenzuschreibungen aus der Wohnzeitschrift passt gut in die Wirtschaftswunder-Erzählung.

    Wie wirken diese Ideen bis in die heutige Zeit?

    ENGELKE: Es ist der städtebauliche Aspekt: Wo Einfamilienhäuser stehen, ist oft keine Nutzung außer Wohnen zulässig. Will ich zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Ärztin, Hobbys nachgehen oder jemanden besuchen, muss ich mit dem Auto fahren. Und das ist ein Riesenproblem: Für junge wie für alte Menschen – und für alle, die sich um sie kümmern. Angesichts des Gender Pay Gap von immer noch 16 Prozent sind es überdurchschnittlich oft Frauen, die Sorgearbeit leisten und hier benachteiligt werden.

    Sind Einfamilienhäuser also sexistisch?

    ENGELKE: Es ist nicht das Haus an sich, aber die Form der Stadt schreibt tradierte Geschlechterrollen in der Gegenwart fort. Deshalb müssen wir es schaffen, eine diverse Nutzung in die Wohngebiete zu bekommen. Stellen wir uns vor, es gäbe dort eine Mensa, wo man gemeinsam essen könnte, wenn man nicht geschafft hat, etwas zu kochen. Oder dass ein Arbeitsplatz in der Nähe ist, wo ich mit anderen zusammen im Homeoffice arbeiten könnte.

    Das klingt revolutionär.

    ENGELKE: Wenn es außerdem kulturelle Angebote oder Pflegedienste in der Nähe gäbe, würde sich ganz viel ändern. Wir könnten die erzwungene Automobilität vermeiden, die diese Form der Stadtplanung zur Folge hat. Das wäre in Bezug auf Rollenbilder, Generationengerechtigkeit und fürs Klima eine super Sache.

    Jan Engelke ist Architekt. Mit seiner Promotion zum Eigenheim in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte hat er sein erstes Buch vorgelegt: „Das große Ziel: ein kleines Haus“ ist kürzlich im Jovis-Verlag erschienen.
    Jan Engelke ist Architekt. Mit seiner Promotion zum Eigenheim in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte hat er sein erstes Buch vorgelegt: „Das große Ziel: ein kleines Haus“ ist kürzlich im Jovis-Verlag erschienen. Foto: Jannis Uffrecht (Archivbild)

    Jan Engelke studierte Architektur in Zürich und Weimar und promovierte an der TU München zum Eigenheim in der Nachkriegszeit. Dabei entstand „Das große Ziel: ein kleines Haus“, das 2025 im Jovis-Verlag erschienen ist. Er forscht nun, wie Bestandsimmobilien umgenutzt werden können.

    Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview zählt zu unseren Favoriten aus dem Jahr 2025. Es stammt aus dem Archiv, aber wir wollten Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Zuerst wurde es am 18. Oktober veröffentlicht. 

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