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Entdeckungsreise in der Schweiz: Weine, die es nirgends sonst gibt

Genuss

Weine, die es nirgends sonst gibt: auf Entdeckungstour in der Schweiz

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    Eigenständig – das Land wie auch die Schweizer Weine.
    Eigenständig – das Land wie auch die Schweizer Weine. Foto: stock adobe Roman Babakin

    Die Schweiz ist bei uns bekannt für viel Schönes: wunderbare Berge, zauberhaften Käse, solide Finanzen und Heidi, um nur einige der Ikonen aus dem Land der Eidgenossen zu nennen. Dass allerdings in unserem Nachbarland auch noch großartiger und sehr eigenständiger Wein entsteht, ist nahezu unbekannt. Höchste Zeit, auf eine Entdeckungsreise zu gehen.

    Bündner Herrschaft

    Nur wenige Kilometer von der österreichischen und liechtensteinischen Grenze entfernt führt Patrick Adank in Fläsch, dem nordöstlichsten Dorf der Schweiz, durch seine Weinlagen. Er baut im Kanton Graubünden Riesling-Sylvaner (also Müller-Thurgau), Weißburgunder, Sauvignon blanc und Syrah an. Das passiert vorherrschend in der Ebene um Fläsch, wo reichere Böden mit Lehm und Ton vorherrschen. Seine ganz große Zuneigung jedoch gilt den beiden großen Burgundersorten Chardonnay (ja, das ist ein Burgunder!) und Pinot Noir. Die Lagen „Spondis“, „Herrenberg“ und „Am Berg“ bieten die perfekte Bühne dafür mit Bündner Schiefer und Alpenkalk. Nicht umsonst nennt man dieses Anbaugebiet das „Burgund der Schweiz“.

    „Wenn wir nicht die warme Luft mit dem Föhn von der anderen Seite der Berge aus dem Tessin hätten, würde es schwierig werden mit dem Weinbau“, sagt Adank, der ohne Zweifel mit seinen Winzerkollegen aus der Bündner Herrschaft zu den Gewinnern des Klimawandels zählt. „Der Föhn bringt uns den Körper und die alpine Luft den Schliff.“ Er glaubt: „Das ideale Fenster zum ganz großen Wein kommt erst noch.“

    Dabei hat der Weinbau in der Bündner Herrschaft eine lange Geschichte. Schon im 12. Jahrhundert brachten Schweizer Söldner Rebstöcke aus dem Burgund mit. Auch die Zisterzienser-Mönche hatten ihre Mission im Wein- und Gartenbau und trieben von Frankreich aus den Fortschritt auch in der Schweiz voran.

    Im Unterschied zur Grande Nation des Weines findet man in der Bündner Herrschaft mit seinen gerade einmal 420 Hektar Rebfläche allerdings keine eindrucksvollen Châteaus, sondern nur 400 Klein- und Kleinst-Betriebe. Mit 12 Hektar im Anbau gehört das Anwesen von Patrick Adank und sein Vater Hansruedi schon zu den größeren Weingütern. Zur Ausstattung derartiger Betriebe gehört ja gerne ein postmoderner Verkostungsraum mit größeren optischen Attraktionen. Die bietet Patrick Adank auch – allerdings in einer ganz anderen Dimension: Zwischen zwei Weinbergen biegt er ins Buschwerk ab zu einem kleinen Bauwerk, das in der Erde steckt. „Unser Schaumweinkeller vom Schweizer Militär“, sagt er, als er den Schlüssel umdreht. Und in der Tat: Seine Schaumweine, die zu den besten in der Schweiz gehören, lagern in einem ehemaligen Munitionslager, das Adank für einen Schweizer Franken pro Jahr mieten konnte. Die klimatischen Gegebenheiten sind schlicht perfekt im Armeebunker: „Im Winter haben wir genau 10 Grad und im Sommer dann 10,5 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent.“ Die Grundweine für die schäumende Qualität sind natürlich die beiden Burgunder-Sorten. Dabei beeindruckt der Pinot Noir in gereiftem Zustand durch Noten von Rum, Speck, Wacholder und Orangen-Zesten. Liegen lassen also!

    2024 Pinot Noir, € 34, Brut Schaumwein, € 55, www.gute-weine.de

    Wer keine Zeit für einen Besuch im Weingut in der Bündner Herrschaft hat und trotzdem einen nahezu enzyklopädischen Einblick in dieses Anbaugebiet haben möchte mit perfektem Essen, dem sei die „Alte Torkel“ in Jenins empfohlen. Ausgerechnet ein Deutscher schafft den Bündner Weinen einen Auftritt, wie er schöner nicht sein könnte: Oliver Friedrich aus Freiburg hat 1500 verschiedene Weine von 80 Winzern. Allein 20 davon im Offen-Ausschank. Die Speisekarte ist dazu noch wahrlich mundwässernd: Von der Apero-Kiste zum selbst Schneiden mit Jeninser Alpkäse, Bündner Rohschinken und Gerstensuppe über Birnen-Bergkäse-Ravioli bis zum Hirschrücken mit Zwiebel, Maroni, Kräuterseitling und Schokolade.

    Alter Torkel, Jeninserstraße 3, 7307 Jenins, www.alter-torkel.ch

    Wallis

    Ein prägende Eigenart der Schweizer Weinkultur ist, dass das Land eine wahre Schatztruhe an einheimischen Trauben bietet, die es sonst nirgendwo gibt. Am besten zu besichtigen ist das im größten Anbaugebiet des kleinen Landes, dem Wallis. Die 6000 Hektar Anbaufläche (Schweiz insgesamt 14 000 Hektar) sind auf einem kleinräumiger Flickenteppich verteilt, der oft sehr steil und alpin geprägt ist. „Der Rhone-Gletscher hat die Landschaft weitgehend geformt und die Hügel in unserer Gegend mit Kalk gebaut“, sagt Madeleine Mercier.

    Die Familie gehört ohne Zweifel zu den Rettern der autochtonen Rebsorten im Wallis, die Namen tragen wie Petite Arvine, Heida, Humagne Rouge oder Cornalin. Das neueste Projekt hat Madeleine Mercier mit der uralten weißen Rebsorte Rèze gestartet – und das aus gutem Grund: „Der Weißburgunder hat bei uns einfach nicht mehr funktioniert, weil er mit der Klimaveränderung zu alkoholisch wurde.“ Der vermeintliche Ersatzspieler lässt seinen Vorgänger mit charmanten Noten nach Melisse und Kamille schnell vergessen. Sogar die ausdrucksstarke Säure, die dieser Rebsorte eigentlich innewohnt, hat Madeleine Mercier durch den Ausbau in gebrauchten Holzfässern wunderbar eingebunden.

    Vom Rèze gibt es gegenwärtig nur geringste Mengen. Wer sich den endemischen weißen Sorten nähern möchte, der sollte sich den Petit Arvine ansehen. Das ist wörtlich gemeint, denn direkt um das Weingut herum wachsen diese Trauben, deren Blätter auffällig groß geraten sind. Ananas-, Lavendel- und eine harmonische Zitrusnote machen ihn zu einem feinen Begleiter für Pasta und weißes Fleisch wie Huhn oder Kalb.

    Im roten Bereich bewegt sich das Weingut Mercier gekonnt routiniert mit dem samtigen Dole aus der Gamay-Traube, den es übrigens fast in der ganzen Schweiz gibt. Wallis im Glas kann man mit dem Humagne Rouge erleben, der sich Nase und Gaumen mit Wachholder- und Lorbeer-Anklängen auf ätherischen Schleichwegen nähert. Ungewohnt ist das und animierend. Und unbekannt in seiner Qualität. Sogar die Schweizer sind sich nicht bewußt, auf welch einem Schatz sie eigentlich sitzen mit ihren Weinen. Dies hat für den informierten Wein-Freund immerhin den Vorteil, dass die eidgenössischen Tropfen, verglichen mit dem sonstigen Preis-Niveau in der Schweiz, relativ preiswert sind. Schade, dass man nur vier Liter Wein aus der Schweiz zollfrei in die EU einführen darf.

    2022 Humagne Rouge, CHF 27, www.denismercier.de

    Waadtland

    Das einzige Schweizer Gewächs, das im Ausland halbwegs bekannt ist, hört auf den Namen Chasselas oder auch Fendant. Das klingt wesentlich charmanter als der deutsche Name der Traube, nämlich Gutedel. Die Heimat dieser weißen Rebsorte mit der höchsten Qualität ist in der Schweiz im Waadtland zu finden. Ausgerechnet ein deutscher Winzer, der schon sehr lange am Genfer See arbeitet, bringt diese Traube mit eigenen Interpretationen so richtig in Fahrt.

    Die Fahrt zum Weingut in Rivaz am Nordufer des Sees lässt einen schon den Atem anhalten: Steile Weinhänge, die nur mit kleinen Zahnradbahnen befahren werden können zur Bearbeitung, fallen nahezu senkrecht in den Genfer See ab. Zu großen Teilen wird eben jener Chasselas angebaut. Der Wein zum Fondue schlechthin, der aber auch so viel mehr kann. Hier hat André Belard im Jahr 2023 das jüngste Weingut gegründet, die „Domaine les Dryades“, also das „Weingut der Baum-Geister“, wie er es nennt. Auf nur 1,4 Hektar lebt Bélard eine andere Version von Weinbau. „Es geht hierbei nicht nur um biologischen Anbau“, betont der gebürtige Schwabe, sondern „um regenerative Landwirtschaft, also Agro-Ökologie, was aber beileibe keine esoterische Spinnerei ist.“ Ein Spaziergang zwischen den Reben irritiert auf den ersten Blick. Da findet man einen veritablen Gemüse- und Obstanbau: Tomaten, Artischoken, Feigen, Mandeln, Pfirsich, Mirabellen. Die Liste ließe mit Ulmen, Weiden, Stachelbeeren und Johannisbeeren unendlich fortführen. Vielfalt ist das Ziel. „Im Jahr 2021 habe ich diese Parzelle übernommen, als sie quasi eine Mondlandschaft war und jetzt tobt hier das Leben.“ Die Idee von Bélard ist einfach: Je gesünder sich der Rebstock ernähren kann, desto besser wird der Wein. Und so versucht er möglichst viel zu Biomasse produzieren, aus dem dann Humus wird im Weinberg.

    Begünstigt wird diese Idee durch das Klima am Genfer See mit seinen submediterranen Einflüssen. Der See selbst puffert vieles ab: Er mildert die Winterfröste und verlängert die Vegetationsperiode. André Belard spricht in diesem Zusammenhang von den „Drei Sonnen“ und meint damit erstens die Rückstrahlung vom See, zweitens die gespeicherte Wärme von den Terrassenmauern, die auf einer Länge von sage und schreibe 450 Kilometern das Landschaftsbild am Genfer See prägen. Und drittens die reale Sonne, die mit 1700 bis 2000 Stunden Einsatz eines der schönsten Anbaugebiete auf diesem Planeten beleuchtet.

    Handarbeit im Weinberg ist hier Pflicht. Für Maschinen-Einsatz sind die Weinhänge schlichtweg zu steil. Für Wein-Touristen allerdings stellen die kleinen Pfade in den Weinlagen, egal, ob sie vertikal oder horizontal verlaufen, eine wunderbare Gelegenheit dar, von einer Lage in die nächste zu kommen. Schmeckbar wird dieses Erlebnis eindrucksvoll in den drei verschiedenen Chasselas von Bélard: Während der „St. Saphorin“ mit feinen Noten nach Lindenblüte und Kamille punktet, bringt der „Dezaley“ mehr Wucht mit Mango und Butterscotch ein. Direkt aus dem Agroforst-Forschungs-Weingarten kommt der „Untitled“. Ein Wein wie das Anbaugebiet Schweiz: Unbekannt, anders und dabei voller freudiger Überraschungen. Jede Reise wert!

    2023 Untitled, € 26, www.weinhalle.de

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