Bassisten sind meist die Typen, die irgendwo hinten auf der Bühne stehen, gerne auf coole Art unbeteiligt wirken und das tun, was sie müssen: tiefe Töne produzieren. Ian Hill etwa, der Basser von Judas Priest, kommt mit zwei Quadratmetern vor der Boxenwand aus.
Da ist Steve Harris ein vollkommen anderes Kaliber. Er macht nicht nur einen Großteil der Show bei Iron Maiden, er ist auch das Herz, der Kopf und der Haupt-Songschreiber dieser Band, die er zur größten klassischen Metal-Band des Planeten geformt hat (neben Metallica). Seit einem halben Jahrhundert steht er diesem Rock-Monstrum vor, das immer noch – oder besser gesagt: wieder – die Stadien der Welt füllt. Angeblich sind Iron Maiden sogar eine Art garstiges Christkind, am 25. Dezember 1975 auf die Welt gekommen. So zumindest wollen es die Legende und das Internet-Lexikon Wikipedia.
Mama fand, Iron Maiden sei ein toller Name
Das klingt zwar gut, doch Steve Harris hat erst jetzt wieder in einem Interview – wie bereits früher – beteuert, dass das Datum nicht stimmt, es seien einige Monate vorher gewesen, doch er wisse es nicht mehr so genau. Aber um die Weihnachtszeit entschied er sich für den Namen der Band. „Sogar meine Mama fand, das ist ein großartiger Name“, sagte er im Frühjahr in einem Interview mit dem Magazin Classic Rock. Sich nach einem angeblichen Folter- und Hinrichtungsinstrument zu benennen, passt zu einer Band, deren ungestüme Musik wie eine Kavallerieattacke im gestreckten Galopp klingt.
Harris hatte sich zum Vorbild Bands genommen, die es gerne etwas komplizierter wollten und ausgedehnte Instrumentalpassagen bevorzugten wie Yes und Jethro Tull. Er erwähnte als Inspirationsquelle sogar einmal die Ulmer Jazzrocker Kraan. Vor allem die filigranen zweistimmigen Gitarrenmelodien von Wishbone Ash und Thin Lizzy hatten es ihm angetan. Doch Iron Maiden schmiedeten daraus etwas völlig Eigenes, einen Sound, der ganz allein ihnen gehört. Während die meisten Metal-Bands einfach nur kraftmeierisch auf die Zwölf hauen wollten und dazu nur ein bis zwei Ideen pro Song benötigten, sind Maiden-Songs ein lautes, buntes Brillantfeuerwerk an Einfällen und Texten ohne dumme Rockstar-Klischees, dafür oft mit historischem Tiefgang.
Die „Eiserne Jungfrau“ war ganz vorne mit dabei, als sich gegen Ende der 70er Jahre die New Wave of British Heavy Metal erhob. Im krisengeschüttelten, von massiver Erwerbslosigkeit geplagten Königreich suchten viele junge Männer aus der Arbeiterklasse ihr Glück in der Unterhaltungsbranche, mit einer gnadenlosen harten Musik, die ihrer Gefühlslage entsprach. Sie luden die Klänge der klassischen Hardrock-Bands mit der wüsten Energie des Punk auf. Einige von ihnen nahmen damit die Welt im Sturm, wie etwa Iron Maiden.
Iron Maiden haben mehr zu bieten als die Konkurrenz
Die hatten von Anfang an mehr zu bieten, als die Konkurrenz: mehr wilde, ausufernde Gitarrenparts, längere komplexe Stücke, eine immer gigantomanischer werdende Show und ab dem dritten Album einen Sänger, der zügig den Spitznamen „Human Air Raid Siren“ (Menschliche Luftschutz-Sirene) bekam, weil er sich mit seinem scharfen Organ mühelos gegen den Gitarrenlärm durchsetzen kann: Bruce Dickinson. Er ist eine der schillerndsten Figuren der Rockmusik, nicht nur wegen seiner Stimme. Er gilt als erstklassiger Degenfechter, besitzt einen Uni-Abschluss in Geschichte und einen Pilotenschein, der ihn mittlerweile berechtigt, selbst solche Riesenvögel wie den Jumbo-Jet zu fliegen. Damit transportierte die Band jahrelang ihre Ausrüstung von Auftrittsort zu Auftrittsort – und manchmal saß Dickinson selbst hinter dem Steuerknüppel. Er besitzt in Wales ein Luftfahrtunternehmen, das Flugzeuge wartet.
Trotz aller Virtuosität, zum Image einer Band gehört im besten Fall auch eine besondere Optik. Die hatten Iron Maiden von Anfang an mit ihrem Maskottchen Eddie, einer Art zähnefletschendem Zombie, gezeichnet von Derek Riggs. Der aggressive Teufelskerl ziert in immer neuen Varianten sämtliche Alben-Cover, ist stets Teil der Bühnenshow und prangte auch auf dem Leitwerk des Band-Jumbos „Ed Force One“.
Hinzu kam das markante eckige Logo, das auf einer bereits existierenden Schrift basiert, die für das Plakat zum David-Bowie-Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ verwendet wurde. Sie zierte 1978 sogar ein Live-Album der Schlagersängerin Nana Mouskouri. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es die Maiden-Schrift unter dem Namen Metal Lord. In Kombination mit dem ikonischen Eddie-Gesicht zierte der Band-Schriftzug in den 80ern gefühlt jedes zweite Heavy-Metal-T-Shirt. Allein die Stoff-Verkäufe müssen die Konten der Band ansehnlich gefüllt haben. Optik und Musik machen Iron Maiden zu einem einmaligen Gesamtkunstwerk von hohem Wiedererkennungswert. Die Band hat auch nach einem halben Jahrhundert nichts von ihrer Faszination verloren.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren