Die ersten großen Worte ertönen, noch bevor die Hand an der Gitarre ist. „This is the Place!“ ruft Noel Gallagher am Freitagabend den 80.000 Menschen im Heaton Park von Manchester zu, nachdem er die Bühne betreten hat. Es ist das erste von fünf Konzerten, das Oasis in ihrer Heimatstadt geben werden. Am Ende werden also 400.000 Menschen erlebt haben, wie die Gallagher-Brüder Noel und Liam nach 16 Jahren wieder in ihrer Stadt auf der Bühne stehen. Insgesamt werden es sogar 41 Konzerte auf der Welt sein. Die Nachfrage war aber um ein Vielfaches größer.
Oasis versetzt Manchester in einen Zustand des permanten Flirrens
Wer ein Ticket hat, ist an diesen Abenden zu rechten Zeit am richtigen Ort. „This is the Place“ ist aber auch eine Referenz an das gleichnamige Gedicht von Tony Walsh, der es 2012 für die Stadt Manchester schrieb. In den Jahren danach wurde es zu einer Hymne der stolzen Mancunians. Nach dem Anschlag auf dem Konzert von Ariana Grande im Mai 2017 wurden die Verse wegen ihrer optimistischen Grundhaltung so bekannt, dass sie heute jeder Bewohner der Stadt kennt. Die erste Zeile könnte nicht besser zu diesem Juli des Jahres 2025 passen - dem Monat, an dem Oasis die Stadt in einen Zustand des permanenten Flirrens versetzt. Sie lautet: „This is the place in the North West of England. It’s ace, it’s the best and the songs that we sing from the stands, from our bands set the whole planet shaking.“ Zu deutsch: „Dies ist der Ort im Nordwesten Englands. Er ist großartig, er ist das Beste und die Lieder, die wir singen von den Tribünen, von unseren Bands, bringen den ganzen Planeten zum Beben.“
Oasis scheinen es mit ihrer nicht mehr für möglich gehaltenen Reunion geschafft zu haben, den Planeten zum Beben zu bringen. Die Streaming-Zahlen ihrer Songs explodieren, in der BBC wird die Wettervorhersage anhand von Oasis-Songs verkündet, 14 Millionen Menschen werden auf der Welttournee die Konzerte ansehen. Die Hauptstadt des Planeten Oasis liegt aber eben in dieser Stadt im Nordwesten Englands. Wer in diesen Tagen durch die Straßen Manchesters geht, wird von Oasis fast schon erschlagen: Von überall her dröhnen Songs, an den Fassaden der Häuser sind Textzeilen angebracht.
Der Modediscounter Primark in der Innenstadt hat einen Gallagher-Lookalike-Wettbewerb veranstaltet und hat seine beiden Eingangstüren mit „Team Noel“ und „Team Liam“ beflaggt. Wer durch eine Tür geht, verleiht dem jeweiligen Team eine Stimme. Kneipen verkaufen nach Songs benannte Cocktails, die Busse des Stadtverkehrs fahren mit Oasis-Bildern. Das Afflecks, eine Musik-Kneipe im Northern Quarter, hat sich in Referenz an das Debütalbum in „Definitely Maybe Bar“ umbenannt und ein Mosaik der beiden Gallaghers an die Außenwand angebracht. Und überall ist dieses Band-Logo zu sehen, diese fünf Buchstaben in weißer Schrift: Die Menschen tragen es auf den ikonischen Anglerhüten, auf der Insel Bucket-Hats (Eimer-Hüte) genannt, auf T-Shirts, einige haben es sich tätowieren lassen.
Brian Cannon hat das Oasis-Logo entworfen
Seinen Ursprung hat das Logo in der King Street 6. Dort betreibt Brian Cannon den Microdot-Store. Der 59-Jährige ist Grafikdesigner, Bandmanager und war zeitweise eine Art Bandmitglied von Oasis. Cannon hat die ersten Cover der Alben und Singles der Band designt, darunter das legendäre Cover von „Definitely Maybe“. Und eben dieses Logo, das so simpel daherkommt: Helvetica Black Oblique in weiß auf schwarzem Grund, dazu eine weiße Umrandung. Cannon erklärt, wie es dazu kam: „Es basiert auf dem Logo von Decca Records. Ich habe zuerst eine andere Schriftart verwendet, da sah es aber von weiter weg aus wie ‚Usis‘.“ Mit Helvetica Black Oblique war der Stil gefunden: so einfach, so klar. 1993 war das. 32 Jahre später ist Cannon immer noch mehr als zufrieden mit seiner Arbeit von damals. „Die besten Dinge sehen aus, als ob es sie schon immer gibt“, sagt er.
Was die Oasis-Reunion für ihn selbst bedeutet? „Die Welt! Ich bin selbst ein großer Fan und konnte es nie glauben. Ich habe zu meinem Mitarbeiter gesagt: Wenn sie wirklich wieder zurückkommen, renne ich nackt die King Street entlang. Er hat es mir Gott sei Dank ausgeredet“, sagt Cannon mit einem Lachen. Das Arbeiten mit Oasis sei immer eine Freude gewesen - für das Cover des dritten Albums „Be Here Now“ etwa wurde ein echter Rolls-Royce im Swimming Pool versenkt. „Wann hat man sonst die Chance dazu, das zu tun?“, sagt Cannon. In der aktuellen Tour ist er wieder an Bord, hat etwa das Programmheft zur Tour designt.
Das größte Oasis-Logo der Stadt steht natürlich im Heaton Park. Auf der riesigen Bühne prangt der Schriftzug in die Höhe. Die Britpop-Band Cast und Richard Ashcroft, ehemaliger Frontman von „The Verve“, bestreiten das Vorprogramm. In Manchester herrschen an diesen Tagen untypische 31 Grad. Das macht, so Cast-Sänger John Power, die schwarze Bühne zum „heißesten und zugleich coolsten Ort der Welt“. Die Band, die dafür verantwortlich ist, wird sie bald betreten.
Die Spannung, die sich in den Tagen zuvor in der Stadt aufgebaut hat, entlädt sich am Samstagabend um 20.15 Uhr. „This is not a drill“, das ist keine Übung, ist auf der XXL-Leinwand zu lesen. Wenig später setzt wie immer bei Oasis-Konzerten das vom Band gespielte „Fucking in the bushes“ ein. Auf der Leinwand sind Zeitungsschnipsel zu sehen, in denen über die nicht mehr für möglich geglaubte Wiedervereinigung der Band berichtet wird. Dann ist zu lesen: This is it. Es geht los. Und 80.000 im Heaton Park rasten aus.
Zu hören bekommen sie ein über zwei Stunden dauerndes, kraftvolles Programm, in dem jeder Ton sitzt. Neue Musik ist nicht zu hören - die wird es auch erstmal nicht geben. Nur ein Song aus diesem Jahrtausend - Little by Little - hat es auf die Setlist geschafft. Klar bietet das wenig Überraschungen. Aber braucht es die denn? Noel und Liam stehen wieder auf einer Bühne und sind, so die BBC in einer Kritik, „so gut wie seit den 90ern nicht mehr“. Die Fans - junge und alte, aus Spanien, Deutschland, Frankreich, den USA und Manchester - liegen sich in den Armen, als „Don‘t look Back in Anger“ ertönt. Sie rasten zu „Cigarettes and Alcohol“ aus. Fans, die in ihren 20ern sind und die Oasis nie live erlebt haben können, singen jedes Wort von „Live Forever“ mit. Das ist, um mit Liam Gallagher zu sprechen, „biblical“. Anders formuliert: This is the Place.
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