„The more things change, the more they stay the same“, so sagt der englische Volksmund - je mehr sich ändert, desto mehr bleibt alles beim Alten. Tja, gut gesprochen, Volksmund, nur entspricht dieses Bonmot nicht unbedingt der persönlichen Wahrnehmung. Nichts bleibt, wie es ist: klimatische Kipppunkte werden überschritten, internationale Bündnisse schwanken und im Augsburger City Club liegt man plötzlich von der Staatsgewalt fixiert auf der Tanzfläche. Alles ist im Wandel, sei es auf der großen weiten Welt oder im eigenen, kleinen Leben.
Auch Eva Gold gestaltet den Raum der Moritzkirche mit
Wenn sich die Verlässlichkeit aus dem Staub macht, bedarf es Safe Spaces, also Rückzugsorte, die die Möglichkeit bieten, von der Geschwindigkeit der Veränderung eine kurze Auszeit zu nehmen, die eigenen Gedanken zu ordnen und in der brüllenden Realität einen Moment der Ruhe zu finden. Die Moritzkirche ist so ein Ort, hell, einladend und trotz der zentralen Lage ein Hort der Stille. In diesem Schutzraum installiert Eva Gold in den jeweiligen Seitenschiffen des Sakralbaus zwei weitere Schutzräume, die sich nahtlos in dessen architektonische Schlichtheit einfügen. Setzt man sich in einen der beiden massiven, mit Rundbogen abgeschlossenen Kuben aus Ytong und Gips, bekommt man selbst im Trubel einer gut besuchten Vernissage und trotz der offenen Front den Eindruck, als säße man nur mit sich selbst in einem kleine Raum. Der Hall des Kirchenschiffs ist nicht mehr zu hören, man sitzt in Stein und fühlt sich wie in Watte gepackt.
Eva Gold begann schon vor drei Jahren mit der Arbeit an „Shelters“ und holte sich für die Kunstintervention „When nothing stays the same“ noch zwei weitere Künstler dazu, die sich wie in einem modernen Triptychon unabhängig voneinander mit dem Motiv des Wandels beschäftigen. In der großformatigen Videoinstallation „loss becomes hope“ gibt Udo Hudelmaier mit gelegentlicher Zugabe von Farbe auf einem flüssigen Bett einen Impuls, der sich, gefilmt in vierfacher Zeitlupe, sofort verselbstständigt. Die Aufnahme hat keinen Anfang und kein Ende, es ist ein kontinuierlicher, hypnotischer Fluss aus Impuls und dessen unzähligen Reaktionen. Man sieht im Zeitraffer zwei Kontinentalplatten aufeinanderkrachen, man erkennt eine verblühende Lilie oder einen grinsenden Totenschädel. So meint man jedenfalls, denn die Fantasie lässt selbst im wildesten Wirbeln und Bauschen an den äußersten Rändern des Bildschirms Strukturen und Objekte erkennen – oder vermeint man, etwas erkennen zu müssen, weil der Homo sapiens an sich alles kontrollieren muss, selbst wenn es sich um einen abstrakten, wogenden Farbrausch handelt.
„When nothing stays the same“ heißt die Installation in der Moritzkirche
Dass dies auch „an der komplexen Schöpfung der Natur und deren Interaktion“ nicht spurlos vorübergeht, behandelt der Klangkünstler Markus Mehr in dem audiovisuellen Klangkörper „supra“. Ähnlich wie der weltgrößte individuelle Organismus, ein sowohl parasitär als auch in Symbiose lebender, neun Quadratkilometer großer Honigpilz, bilden sich Supraorganismen, „wenn sich geschlossene Strukturen umschlingen, sich befruchten und interagieren“. Und was macht erwähnter Homo Sapiens? Er greift ein, unterbricht, macht kaputt. Die Geräusche des Wassers, des Waldes, des Winds sind die Klangquellen für Mehrs Komposition, die aus im Kreis angeordneten Lautsprechern fließt, eingebaut in einsehbare Holzboxen, in denen Moos und Flechten als Schalldiffusor dienen.
Ein vertrautes Geräusch wie das Quaken eines Frosches oszilliert, hallt nach und klingt seltsam verzerrt, Störgeräusche unterbrechen die gedankliche Idylle einer Atempause am Waldweiher, an dem man die wundgelaufenen Füße ins kühle Wasser stellt, und erinnern an die unsichtbaren Folgen der menschlichen Intervention – Nitrat im Grundwasser, Staub in der Lunge, Mikroplastik in den Fischstäbchen. Die immer wieder an- und abschwellenden Drones, also lang stehende, intensive Töne, klingen sowohl unheilvoll als auch majestätisch. So unheilvoll wie der Umgang der Menschheit mit der Natur, so erhaben wie die Naturgewalten, gegen die der Mensch bei aller vermeintlichen Überlegenheit ganz klein mit Hut ist.
Künstlergespräche in der Augsburger Moritzkirche
Bis zum 22. März sind die Installationen in der Moritzkirche zu erleben, dazu gibt es bei den Kunstgesprächen die Möglichkeit, mit Markus Mehr (8. Februar, 15 Uhr) über den menschlichen Gestaltungsdrang, mit Eva Gold (26. Februar, 19 Uhr) über Geborgenheit und mit Udo Hudelmaier (8. März, 15 Uhr) über die Unvermeidbarkeit des Wandels zu sprechen. Denn so lange es Schutzräume gibt, seien sie architektonischer oder seelischer Natur, kann man mit Veränderungen eigentlich ganz gut klar kommen.
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