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Zu Jane Austens 250. Geburtstag: Was würde sie von New Adult-Romanen halten?

Literatur

Was würde Jane Austen von Booktok halten?

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    Moderne Liebesromane auf „Booktok“ berufen sich häufig auf Jane Austen zurück.
    Moderne Liebesromane auf „Booktok“ berufen sich häufig auf Jane Austen zurück. Foto: Boris Roessler/dpa

    Auf den ersten Blick verbindet Jane Austens höfische Welt wenig mit dem heutigen Datingmarkt. Und doch ähneln sich die Liebesromane beider Epochen: Sie erzählen von Anziehung, von Missverständnissen – und immer von der großen Liebe. 250 Jahre nach Austens Geburt ist das Romantik-Genre durch einen Boom in den sozialen Medien populärer denn je und beruft sich dabei nicht selten auf Muster, die schon Austens Romane geprägt haben. Doch wie viel haben die Klassiker mit moderner Romance wirklich noch gemein?

    Jane Austen ist bekannt für scharfsinnige gesellschaftliche Beobachtungen

    Liebesromane bieten Leserinnen und Lesern einen sicheren Raum, in den sie sich zurückziehen können: Geschichten, die Trost spenden und am Ende den Glauben an die wahre Liebe stärken. Doch diese Perspektive auf Jane Austen anzuwenden, greife zu kurz, finden Expertinnen und Experten heute – so auch Renate Kraft. „Es wäre falsch, Jane Austen als reine Liebesromanautorin zu betrachten“, sagt die Literaturwissenschaftlerin. Lange galt Austen als hoffnungslose Romantikerin, doch ihre pointierten und ironischen Beschreibungen enthalten scharfe Kritik an den Strukturen des britischen Landadels zu Beginn des 19. Jahrhunderts. „Liebesromane waren der Bereich der Frauen. Sie hat sich da eingeklinkt und sich in den Werken gleichzeitig intensiv mit den Diskussionen ihrer Zeit beschäftigt“, sagt Kraft.

    Zwar heiraten alle Protagonistinnen am Ende, doch hinter diesen Ehen steckt oft ein ökonomisches Kalkül. Eine wirtschaftlich profitable Hochzeit ermöglichte Frauen erst ein gewisses Maß an Handlungsfreiheit. Es ging um mehr als romantische Gefühle, wie schon der berühmte erste Satz ihres bekanntesten Romans „Stolz und Vorurteil“ zeigt: „Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens sich nichts mehr wünschen muss als eine Frau.“

    War Jane Austen eine Feministin?

    Jane Austen selbst erreichte dieses große Finale ihrer Romane – die finanziell lukrative Liebeshochzeit – nie. Sie blieb unverheiratet, war als alleinstehende Frau auf die finanzielle Unterstützung ihrer Familie angewiesen und schlug einen Heiratsantrag aus. Ihre sechs Romane veröffentlichte sie unter dem Pseudonym „by a lady“, das erst nach ihrem Tod 1817 gelüftet wurde. Dennoch konnte sie sich so ein eigenes Nebeneinkommen schaffen. Kann man Jane Austen vor diesem Hintergrund als Feministin bezeichnen?

    „Eine Feministin im modernen Sinne war sie bestimmt nicht, aber ja, sie wollte mitbestimmen“, sagt Kraft. Heute sähe das anders aus, meint Liebesromanautorin Kathinka Engel. „Ich denke, Jane Austen wäre heute eine solidarische Mitstreiterin des Feminismus.“ Austen habe Kritik am System subtil in subversive Heldinnen verpackt und Frauen damit bestärkt, selbstbestimmt zu handeln – etwas, das Engel auch mit ihren eigenen Büchern erreichen wolle. „Heute geht es nicht nur um Geschlechterfragen, es werden auch Themen wie mentale Gesundheit oder Umwelt verhandelt“, sagt die Autorin.

    Jane Austen feiert in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag.
    Jane Austen feiert in diesem Jahr ihren 250. Geburtstag. Foto: Bath Tourism

    Seit einigen Jahren gibt es einen Lesetrend in den sozialen Medien. Unter dem Schlagwort „Booktok“ tauschen sich vor allem junge Menschen auf der Plattform Tiktok über Bücher aus. Kurze Videos, in denen Lesebegeisterte Empfehlungen aussprechen oder bestimmte Erzählmuster benennen, haben Buchmarkt und Bestsellerlisten spürbar beeinflusst. Besonders populär ist dort das Genre „New Adult“, das sich auf Liebesgeschichten junger Erwachsener konzentriert, doch auch Klassiker profitieren.

    Viele der Bücher des New-Adult-Genres böten mehr als reinen Eskapismus in Liebesgeschichten, sagt Engel – doch nicht alle. „Ich glaube, der größte Unterschied im New-Adult-Bereich zu Jane Austen ist die Menge. Drei Bücher im Jahr zu veröffentlichen, ist völlig normal. Austen hat nur eine Handvoll Bücher in ihrem Leben veröffentlicht“, sagt die Autorin. Das tue nicht immer der Tiefe der Romane gut, räumt sie ein. Wichtig sei jedoch, nicht das gesamte Genre über einen Kamm zu scheren.

    Jane Austen als Mutter des „Enemies to Lovers“-Trope

    In Buchbeschreibungen auf Booktok ist häufig von sogenannten „Tropes“ die Rede – wiederkehrenden Erzählmustern, die Leserinnen dabei helfen, gezielt ähnliche Geschichten zu finden. Einer der bekanntesten Tropen soll auf Jane Austen zurückgehen: „Enemies to Lovers“, also von Feinden zu Liebenden. Die Beziehung zwischen Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy ist zunächst von Missgunst, und eben Stolz und Vorurteilen geprägt. Doch damit nicht genug: Auch weitere Tropen entdeckt Engel in Austens Werk: „Forced Proximity“, also erzwungene Nähe, etwa wenn Elizabeth Bennet ihre kranke Schwester besucht und gezwungen ist, Zeit mit Mr. Darcy zu verbringen. „Liebe auf den ersten Blick“ findet sich in „Sinn und Sinnlichkeit“, „Friends to Lovers“ – also von Freunden zu Liebenden – in „Emma“. Neu sind diese romantischen Erzählmuster also nicht.

    Einen zentralen Unterschied zwischen Austens Klassikern und modernen Liebesromanen gibt es jedoch dort, wo sich die Paare näherkommen. Während bei Austen an dieser Stelle das Kapitel endet, geht es in New-Adult-Romanen gerade erst los. „Jane Austen hätte sich Sexszenen niemals vorstellen können“, sagt Renate Kraft. Explizite Darstellungen hätten zu ihrer Zeit einen Skandal ausgelöst. Kathinka Engel blickt dennoch wohlwollend darauf: „Ich glaube, Jane Austen wäre heute stolz darauf, wie schamfrei junge Frauen Liebesromane lesen können und wie frei sie darin sind.“ Dazu gehöre heute auch Sexualität. „Sexszenen bieten rein erzählerisch keinen Mehrwert. Aber sie geben jungen Frauen ein Vokabular und normalisieren weibliche Lust. Ich denke, Jane Austen hätte das für ein wichtiges Thema gehalten.“

    Mehr Erotik wünscht sich Engel für Austens Romane dennoch nicht. „Ich glaube, dass die Bücher nicht denselben Reiz hätten, wenn sie sich den heutigen Strukturen beugen würden“, sagt sie. „Das Interessanteste ist für mich ohnehin die sich langsam aufbauende Spannung.“ Dass Jane Austen auch ohne explizite Szenen bis heute gelesen wird, zeigt ihre anhaltende Präsenz auf Booktok ebenso wie die Vielzahl neuer Adaptionen. Wer anlässlich des Jubiläums selbst noch einmal in Austens Welt eintauchen möchte, dem empfiehlt Renate Kraft Austens letzten Roman „Überredung“. Dort, so Kraft, stelle sich Austen schließlich auf die Seite des Gefühls – gegen Vernunft und gesellschaftliche Erwartungen.

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