Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, tut in diesen Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Margarethe Mörike.
Auf dem städtischen Friedhof Abteilung 11 in Neu-Ulm sticht ein mächtiger Granitblock ins Auge. Dicht mit Efeu umrankt wacht er über das Grab Margarethe Mörikes. Die Ehefrau des Lyrikers Eduard Mörike wurde 1903 in Neu-Ulm bestattet. Später folgten ihr der Schwiegersohn Georg Hildebrand und dessen Söhne Eduard und Max, Eduard Mörikes Enkelkinder.
Margarethe Mörike, die im Jahr 1819 im hohenlohischen Mergentheim als Tochter des Oberstleutnants Valentin von Speeth geboren worden war, hatte die letzten fünfzehn Jahre ihres langen Lebens in Neu-Ulm verbracht – nach 22 Ehejahren vom Gatten Eduard verlassen und mit viel Kummer im Herzen. Anfangs wohnte sie in der Maximilianstraße 1, zog später aber noch mal um in die nahe gelegene Blumenstraße 4. Dass sie 1888 überhaupt nach Neu-Ulm gekommen war, hatte ihre 1855 geborene Tochter Franziska, genannt Fanny, bewirkt: Sie hatte in der soeben dreizehn Jahre alt gewordenen Stadt Neu-Ulm mit 27 Jahren den Uhrmacher Georg Hildebrand geheiratet.
Margarethe Mörike kam 1888 nach Neu-Ulm
Die Ehe der Mörikes stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Der 1804 in Ludwigsburg geborene Dichter Mörike haderte seit je mit dem selbst gewählten Beruf eines evangelischen Pfarrers, wohl auch weil er jahrelang ohne feste Anstellung als Pfarrvertreter von einem Dorf zum anderen geschickt wurde. Größere Freude hatte er daran, auf der Schwäbischen Alb nach Versteinerungen zu suchen, auch Münzen zu sammeln. Seine ersten Gedichte veröffentlichte er erst mit 34 Jahren.
Nach jahrelanger Quälerei als Geistlicher ließ er sich 1843 mit einer recht geringen Pension vorzeitig in den Ruhestand versetzen. In all diesen Jahren mit ständigen Wohnungswechseln blieb seine unverheiratete, zwölf Jahre jüngere Schwester Klara stets an seiner Seite. Sie war ihm Inspiration und Haushaltshilfe zugleich. An diesem engen geschwisterlichen Verhältnis scheiterte letztlich wohl auch die Ehe.
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Der häufig kränkelnde Mörike war im Jahr nach seiner Pensionierung gemeinsam mit Klara auf der Suche nach einem Ort, der seine Gesundheit fördern könne, nach Mergentheim geraten. Dort bezogen beide eine Wohnung im Hause von Speeth. Sie freundeten sich schnell mit der Tochter Margarethe an. Weil er ständig in Finanznöten steckte, zögerte Mörike lange Zeit, überhaupt zu heiraten, schloss aber schließlich doch 1851 im Alter von schon 47 Jahren die Ehe mit der vierzehn Jahre jüngeren Katholikin Margarethe.
Das größte Problem bei der Ehe war Eduard Mörikes Schwester
Mancher gute Freund hatte ihm abgeraten – wegen des Bildungsunterschieds, aber auch aus konfessionellen Gründen. Das größte Problem aber blieb wohl Klara, die später mit dem Ehepaar nach Stuttgart zog, woraus sich eine Art „Ehe zu dritt“ ergab. Als Mörike sich 1873 nach einem erneuten heftigen Zerwürfnis von Margarethe trennte, nahm er Klara und die 15 Jahre alte Tochter Marie mit nach Fellbach bei Stuttgart. Die geschwisterliche Bindung hatte das Übergewicht gewonnen über das Eheleben.
Margarethe blieb mit der 18-jährigen Tochter Fanny zunächst in Stuttgart, kehrte aber bald an ihren Geburtsort Mergentheim zurück, kam schließlich 1888 nach Neu-Ulm. Dem norddeutschen Schriftsteller Theodor Storm, der Mörike Jahre zuvor einen längeren Besuch in Stuttgart abgestattet und einen losen Briefwechsel mit ihm gepflegt hatte, vertraute Margarethe Mörike sich in ein paar Briefen an. Am 27. Juni 1888 schrieb sie dem „verehrten, lieben Landrath“ Storm, dass es mit 70 Jahren schon schwer sei, „sich von der Geburtsstätte Mergentheim (wo ich mit Ausnahme der 23 Jahre in Stuttgart) immer lebte, endgültig loszureißen“. Den Umzug nach Neu-Ulm habe sie ihrer Tochter Fanny wegen auf sich genommen. „Aber auch wohl mir zu lieb, da ich in meiner Schwäche das Alleinsein nicht mehr ertrug.“
Margarethe Mörike schrieb schwärmerische Briefe an Theodor Storm
Margarethe Mörike schickte dem Autor des „Schimmelreiter“, des „Pole Poppenspäler“, auch des „Kleinen Häwelmann“ eine ganze Reihe schwärmerischer, aber doch auch oft unbeholfen verfasster Briefe. Glücklich gemacht hatte Storm sie mit seiner Novelle Schimmelreiter. Sie schrieb ihm von Neu-Ulm aus: „Gegenwärtig bin ich eben im Lesen Ihres jüngsten Geschenkes begriffen – habe es als Erstes vor mich genommen am neuen Wohnort.“
Am 8. Januar 1903 starb Margarethe Elisabeth Antonia Mörike geborene von Speeth in Neu-Ulm. Sie wird in der Abteilung 11 auf dem städtischen Friedhof beigesetzt. Unter dem mächtigen, naturbelassenen und von Efeu überwucherten Grabstein sind zugleich ihr Schwiegersohn Georg Hildebrand und ihre Enkelsöhne Eduard und Max bestattet. An die Enkelin Helene Jockel geborene Hildebrand erinnert eine eigene Tafel. Mörikes Tochter Josefine Constanze Klara Franziska (Fanny) Hildebrand selbst ruht auf dem Friedhof von Neuenstein am Kocher neben ihrer Tante Klara, Mörikes jüngerer Schwester. Die unverheiratete Tochter Marie Charlotte Margarethe Valentine war schon bald nach ihrem Vater mit 19 Jahren gestorben. Eduard Mörike selbst ruht auf dem Pragfriedhof in Stuttgart.
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