Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, tut in diesen Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Oberbürgermeister Dietrich Lang.
Dietrich Lang war zuvor Richter am Amtsgericht Neu-Ulm
Oberbürgermeister Dietrich Lang war überraschend ins Amt des Stadtoberhaupts geraten – gemessen am Zeitpunkt seiner Wahl wie auch überhaupt an seiner Person. Lang war seit elf Jahren Richter am Bayerischen Amtsgericht Neu-Ulm, war parteilos und gehörte nicht einmal dem Stadtrat an. In seine Amtszeit von 1961 bis 1977 fielen die Gebietsreform, der Neubau zahlreicher Schulen und Hallen, der Städtevertrag mit Ulm, der Bau des Edwin-Scharff-Hauses, die Partnerschaft mit Bois-Colombes.
Mehr über Langs Vorgänger Tassilo Grimmeiß: Er war das Stadtoberhaupt des Neu-Ulmer Wiederaufbaus
Langs Vorgänger Tassilo Grimmeiß, der 1948 im Alter von 38 Jahren das Amt des Oberbürgermeisters angetreten hatte, war im Sommer 1961 völlig unerwartet gestorben. Ihn selbst habe seine Nominierung zum Oberbürgermeister wahrscheinlich am meisten überrascht, bekannte Lang später zur Feier seines 85. Geburtstags im Gespräch mit der Neu-Ulm Zeitung. Die Fraktionsvorsitzenden von CSU und Freien Wählern hätten ihn, den Amtsrichter ohne Parteibuch, gefragt, was er denn vom Amt des Oberbürgermeisters halte. „Weil es keinen Gegenkandidaten gab, habe ich zugestimmt“, sagte Lang. Einen Wahlkampf ums Amt hätte der 44 Jahre alte Jurist nach eigenem Bekunden jedenfalls abgelehnt. „Ich wurde bei 43 Prozent Wahlbeteiligung mit 98,5 Prozent der Stimmen gewählt.“ Dass der Stadtrat sich den Neu-Ulmer Amtsrichter als Oberbürgermeister gut vorstellen konnte, hing wohl auch mit seinem Vorgänger zusammen, vermutete Lang damals. Der lebensfreudige aber auch konfliktfähige Grimmeiß sei schließlich ursprünglich auch Amtsrichter in Neu-Ulm gewesen. Er habe seine Sache als Oberbürgermeister offenbar so gut gemacht, dass Neu-Ulm wieder einen Richter brauchte.
Was die Landtagsabgeordnete Beate Merk über Lang sagte
Die Stadt wurde nicht enttäuscht, stellte Beate Merk als eine seiner Nachfolgerinnen auf dem Oberbürgermeistersessel auf der Feier zu Langs 80. Geburtstag fest. In Karlsruhe 1917 geboren, im badischen Achern und im hessischen Frankenberg aufgewachsen, geriet Lang im Zweiten Weltkrieg als 26-jähriger Oberleutnant in Nordafrika in amerikanische Gefangenschaft. Das an der Kriegsgefangenenuniversität von Kansas begonnene Studium setzte er nach seiner Heimkehr in München fort und beendete es im Oktober 1950 mit der Promotion. Schon vom folgenden Monat an sprach er am Bayerischen Amtsgericht in Neu-Ulm Recht. Seine Freude am Neuanfang, sein wacher Geist und seine in jungen Jahren bereits erworbene Flexibilität in Denken und Handeln hätten seine Entscheidung erleichtert, das Amt des ersten Vertreters der Stadt zu übernehmen, sagte Beate Merk in ihrer Laudatio.
Seine Amtszeit bezeichnete Lang als die "glücklichste Zeit meines Lebens"
Als „die aufreibendste, interessanteste und glücklichste Zeit meines Lebens“ bezeichnete Lang am Ende seiner Dienstzeit die 16 Jahre als Oberbürgermeister. Der drastisch wachsende Straßenverkehr musste in geordnete Bahnen gelenkt werden. In langwierigen Verhandlungen mit den noch in den Wiley-Baracks stationierten amerikanischen Truppen erreichte Lang die Freigabe eines Korridors quer durchs Kasernengelände zur Anlage der Europastraße. Die Errichtung des Edwin-Scharff-Hauses als Kultur- und Tagungszentrum fällt in seine Amtszeit.
„Ich habe mich gleich am ersten Tag mit der Fülle von Aufgaben, die meiner harrten, vertraut zu machen versucht“, sagte Lang später. Tatsächlich wartete vieles auf den neuen Oberbürgermeister, der mit Kommunalpolitik bis dahin überhaupt nicht in Berührung gekommen war. Da fehlten die Berufsschule in Neu-Ulm, die Grund- und Hauptschule in Ludwigsfeld, die Turn- und Mehrzweckhallen in Offenhausen und Gerlenhofen, schließlich die Sportanlagen am Muthenhölzle, die heute den Namen des Neu-Ulmer Ehrenbürgers Lang tragen. Die ersten beiden Bauabschnitte am Kreiskrankenhaus mussten fortgeführt werden.
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Im Januar 1971 unterschrieb Lang gemeinsam mit Ulms Oberbürgermeister Theodor Pfizer den Städtevertrag, der die kommunale Zusammenarbeit beider Städte grundlegend neu ordnete. Fünf Jahre zuvor schon war die Partnerschaft mit dem französischen Bois-Colombes geschlossen worden. Dann kam die Gebietsreform 1972 bis 1977 mit der Eingemeindung der dörflich-ländlichen Stadtteile, was manchen Hader hervorrief. Den Pfuhlern, die soeben erst Burlafingen vereinnahmt hatten und sich nun gegen Widerstand Neu-Ulm anschließen sollten, versicherte er: „Auch in Neu-Ulm leben nette Menschen.“ Die Reform steigerte Neu-Ulms Einwohnerzahl von 28000 im Jahr 1961 auf 47000 im Jahr 1978. Das Stadtgebiet wuchs von 24 auf 81 Quadratkilometer.
Und dann waren da noch die amerikanischen Soldaten mit ihren Familien – gut 3000 Köpfe an der Zahl. Da kamen immer mal wieder Händel und Streitereien auf in Gaststätten, auf der Straße. Nicht selten war der Oberbürgermeister gefragt. Weil er fließend Englisch sprach, gelang es ihm immer wieder, auch in schwieriger Situation zu vermitteln. „Die Amerikaner haben Gutes für Neu-Ulm getan“, sagte er vor Jahren im Gespräch mit der NUZ, „und Neu-Ulm für die Amerikaner“. Sie dankten es ihm mit ihrer höchsten Zivilauszeichnung, der „Outstanding Civilian Service Medal“. Zweierlei nur bedauerte Lang am Ende seiner Dienstzeit – die mit der Gebietsreform verlorene Kreisfreiheit für seine Stadt und dass es ihm nicht gelungen sei, ein Jugendhaus einzurichten. Lang ist wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag in Neu-Ulm gestorben.
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